Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1891)
- Date
- 1891-07-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1025 zweifellos begünstigt, obgleich der Ober-Procurator der heiligen Synode, Pobedonoszew, gegen die Einmischung des Baron Hirsch in diese innere Frage ist. Die „Petersburgskija Wjsdomosti" macht darauf aufmerksam, daß der Abgesandte des Baron Hirsch, Mr. White, durch Anregung der Juden-Auswanderung den Artikel 31 des russischen Strafgesetzes verletze, der eine Verlockung zur Auswanderung bestrafe. Außerdem existire ein Circular des Ministeriums des Innern vom Jahre 1882, welches vorschreibt, die ausländischen Auswanderungs-Agenten auszuweisen. Dennoch habe White mit Genehmigung der Central-Regierung Rußland bereist. Wenn wir selbst offen das Gesetz ignoriren, fragt das Blatt, ist cs gerecht, die Inden der Umgehung der Gesetze zu beschuldigen? Europäische Türkei. Salonichi, 8. Juli. Unser Chacham Baschi, Rabbi Jacob Chananjah Kowo '".j, ist heute einer der geplagtesten Menschen, da fortwährend hier Flüchtlinge aus Korfu eintreffen, die sich dann an ihn, als das geistliche Oberhaupt unserer Gemeinde, um Rath, oder eine Unterstützung oder sogar eine Unterkunft wenden. Derselbe hat nun vor einigen Tagen die Parnassim (Vorsteher) unserer Gemeinde zusammenbcrufen und denselben den Vorschlag unterbreitet, es mögen einige kleine Synagogen und Bote- Midraschim hier temporär als solche geschlossen und in Asyle für die Korfner Flüchtlinge umgewandelt werden. Dieser Vorschlag fand nun allgemeinen Beifall und wurde derselbe auch schon theilweise ausgeführt. Die meisten dieser Flüchtlinge haben indeß dem Chacham-Baschi erklärt, daß obwohl sie die Absicht haben, sich hier dauernd niederzulassen, so wollen sie doch aus Liebe zu ihrer griechischen Heimath die griechische Staatsbürgerschaft noch weiter beibehalten. Asiatische Türkei. Tripolis. Unweit von hier exiftirt ein Dorf Namens Amruz, das seines Gleichen auf dem Erdenrunde nicht mehr finden dürste. Dasselbe ist ausschließlich von Juden, natürlich arabischen, bewohnt, die wieder insgesammt vom Schames (Synagogendiener) an bis zürn Parneß (Vorsteher) und Rabbiner hinauf das höchst schwere aber auch höchst ehrsame Schmiedehandwcrk betreiben. Auf den Rabbiner dieses Dorfes kann man vollinhaltlich den Talmudspruch: nnn ’cnsty ns->j irrij Hrwv „Den Wänden Deines Hauses kann man es ansehen, daß Du ein Schmied bist", anwenden. Gearbeitet wird nun von Früh bis Abends, woraus sich Alles in die Synagoge begiebt, um dort das Nachtgebet zu verrichten. Auch die Alten nehmen an der Arbeit Theil; da sie aber den Hammer nicht mehr schwingen können, so setzen sie dafür den Blasebalg in Bewegung. Ein großer Theil dieser Schmiede sind jedoch Waffenschmiede, welche die für die Araber, zumal für die Stämme in der Sahara, die unentbehrlichen Waffen: Mitagans, Schwerter, Schlachtkolbeu?c., zu deren Erzeugung sich der träge Wüstensohn nicht hergeben mag, fabriciren. Diese von den Juden erzeugten Waffen werden sogar bis an den Niger- und Benuestrom verführt, wo sie sehr gesucht sind. Diese in Amruz wohnenden Juden sind bald nach der Zerstörung des zweiten Tempels, als noch die Römer in Nordafrika herrschten, dort etngewandert und so sahen sie dort nacheinander drei Religionen herrschen: das Heidenthum, das Christenthum und den Islam. Amerika. Baltimore, 26. Juni. Die von New-Iork ausgehende Idee, daß sich die Israeliten des Landes als solche an der Ehigagoer Weltausstellung betheiligen sollten, findet hier keinen Anklang. Die drei angesehensten Rabbiner der Stadt haben sich entschieden dagegen erklärt. Einer der Herren bemerkte sehr treffend, „in unseren Synagogen sind wir Juden, sonst aber sind wir amerikanische Bürger, und als solche werden wir nach Kräften die Columbus-Ausstellung unterstützen." Es dürfte übrigens nicht allgemein bekannt sein, daß auf der Caravele „Pinto", welche dem Columbus als Admiralschiff diente, ein Jude als Matrose angestellt war, und daß das älteste Volk der alten Welt somit auch seinen Antheil an der Entdeckung der neuen Welt gehabt hat. -£» Vermischtes. < Berlin, 4. Juli. Zwei Preßprozesse haben die Berliner Antisemiten in dieser Woche zu verzeichnen. Zunächst wurde der Redakteur des „Volk", Herr O. Balla, wegen Beleidigung der zweiten Strafkammer des Landgerichts zu Stettin zu 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Ein Kaufmann namens Karl Silberstein in Stettin war von der Polizeibehörde wegen groben Unfugs mit einer Geldstrafe belegt, von den Gerichten aber freigesprochen worden. An die Mittheilung dieser Freisprechung knüpfte das „Volk" folgende Bemerkung: „Was soll man zu diesem Rechtsspruche sagen? Ein Jude darf neun Monate lang — so lange dauerte der Ausverkauf — ungestraft das Publikum am Narrenscile führen, während die Beleidigung eines Juden gleich scharf geahndet wird. Ties dient jedenfalls nicht dazu, das Ansehen der Gerichtshöfe zu heben." Wegen dieses redaktionellen Zusatzes stellte der Vorsitzende der Strafkammer des Stettiner Landgerichts den Strafantrag. Aus der Verhandlung ist hervorzuheben, daß Hr. Balla seinen antisemitischen Standpunkt als mildernden Umstand ins Gefecht führen wollte, was indeß der Gerichtshof nicht gelten ließ. — Der zweite Prozeß, welcher wegen Majestätsbeleidigung gegen den Redakteur des „20. Jahrhunderts", Dr. Erwin Bauer, angestrengt war und diesem zwei Monate Festungshaft eintrug, in insofern von symptomatischer Bedeutung, als er die oft prahlerisch zur Schau getragene Königstreue der Antisemiten im rechten Lichte zeigt.