Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1891)
- Date
- 1891-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1021 „daß inzwischen nahezu drei Jahre verflossen sind, daß der Jüngling, über den vor drei Jahren der Bann ausgesprochen worden ist, inzwischen zum Manne herangereist ist, daß er sich zu einem wunderbar herrlichen Manne entwickelt hat. — Du darfst es jenen alten Rabbinen in Deiner Heimath nicht verübeln, daß sie damals an Dir gezweifelt. Sie wähnten, daß der Messias, der so Großes vollbringen wird, sofort in seiner Vollendung erscheinen müsse — kurzsichtige Thoren! — Doch wenn sie Dich heute erblicken würden — ob sie auch heute noch an Dir zweifeln würden?" Er zuckte die Achseln. — Sabbatai sah ihn fragend an. „Glaubst Du, ich sollte mich zunächst nach Smyrna wenden?" Jachini schüttelte den Kopf. „Ich habe die Angelegenheit bereits in Erwägung gezogen, und je mehr ich darüber gedacht habe, desto mehr habe ich mich überzeugt, daß meine erste Eingebung die richtige gewesen ist. Nach Salonichi müssen wir zunächst uns wenden, dort werden Dir Aller Herzen entgegenfliegen, und wenn dort die Gesammtheit Dir gehuldigt haben wird, dann kannst Du Deine Sendung als begonnen betrachten, dann wird Dir gehuldigt werden, wo immer Du Dich zeigen wirst." Beide blieben bei ihrem bereits gestern gefaßten Beschluß, am ersten Tag der kommenden Woche ihre Reise nach Salonichi anzutreten. Sie hatten noch Manches hierzu zu besprechen. Jachini, der weise, welterfahrene Mann, übernahm es, die Ausrüstung zu besorgen. — Sabbatai, der die Bequemlichkeit liebte, hätte den, wenn auch weiteren Seeweg vorgezogen, Jachini jedoch, der Welt und Menschen kannte, der wußte, wie oft der erste Eindruck der entscheidende ist, empfahl den Landweg, damit der Messias hoch zu Roß seinen Einzug in die Stadt halten könne, und Sabbatai schätzte die Weisheit des älteren Freundes allzusehr, als daß er sich nicht gern von ihm hätte leiten lassen. Während er unablässig in den ihm heiligen Büchern forschte und unablässig neue Belege fand, bald für die nahe bevorstehende Erlösung, bald für die eigene göttliche Sendung, oder Psalmen sang mit seiner wunderbar schönen, klangvollen Stimme, oder die herrlichen Glieder in das Meer tauchte und die schäumenden Wogen über sich zusammenbrechen ließ, — arbeitete Jachini vom frühen Morgen bis in die späte Nacht und hatte in wenigen Tagen sämmtliche Vorbereitungen beendet. Von Sabbatai reichlich mit Mitteln versehen, sparte er dieselben nicht. Er hatte unter Anderm ein herrliches arabisches Pferd für Sabbatai's eigenen Gebrauch erworben und zwei minderwerthige Pferde für sich und für einen Diener, den er ausgenommen hatte. Auch für Mundvorrath hatte er gesorgt und für allseitige standesgemäße Equipirung. Die Reise von Constantinopel bis Salonichi war zu jener Zeit mit mannigfachen Beschwerlichkeiten verknüpft; doch Jachini hatte in seinem Leben größere Beschwerden überwunden, und Sabbatai war ein frischer, junger, hoffnungsfreudiger Mann, erfüllt von seinem göttlichen Beruf. * » * Sabbatai und Jachini befanden sich in ihrem letzten Nachtquartier vor Salonichi, waren eben im Begriff, bevor sie ihr Nachtlager aufsuchten, noch einen Imbiß einzunehmen, als Jachini plötzlich die Hände ineinanderschlug und mit allen Zeichen des Schreckens ausrief-. „Sabbatai! — Freund! — welch' einen entsetzlichen Fehler haben wir begangen!" „Einen Fehler?" wiederholte Sabbatai erbleichend, „daß ich nicht wüßte — „Wie Du weißt es nicht, daß der Messias auf einem Sanmthier reiten soll?" Der junge Mann preßte die Lippen aufeinander. „Es ist wahr, so verkündet es die Verheißung — der Messias, König, wird über Israel herrschen und wird auf einem Esel reiten. — Ich werde dementsprechend nach vollbrachter Erlösung nur von einem Sanmthier mich tragen lassen, doch vorher kann ich es nicht als Unrecht betrachten, wenn —" „Wer spricht von Unrecht?" fiel Jachini lebhaft ein, „und überhanpt, wie könnte der Messias ein Unrecht begehen? — Doch als entschiedenen Fehler müßte ich es bezeichnen, wenn Du dort, wo Du Anerkennung zu finden erwartest, Dich hoch zu Rosse zeigen würdest." Sabbatai versuchte noch Einwendungen zu machen, er gefiel sich allzusehr auf seinem Pferde, doch schließlich mußte er zugestehen, daß sein älterer Freund Recht hatte, es hieße geradezu den Zweifel herausfordern, würde er sich zu Pferde zeigen. Sie befanden sich in einem kleinen muhamedanischen Dorf, in dem kein Glaubensgenosse lebte, es hatte daher nichts auf sich, daß man den Messias hier zu Pferde gesehen hatte. — Doch bevor Jachini sich zur Ruhe begab, durchwanderte erden Weiler von Haus zu Haus, oder vielmehr von Hütte zu Hütte und schließlich war er so glücklich, ein prächtiges Saumthier ausfindig zu machen. Es war in der That ein seltenes Prachtexemplar von gleichmäßig dunkelgrüner Farbe und hatte auf der Stirn zwei blendend weiße Dreiecke. Sabbatai selbst war überrascht, und frohen Muthes legten sie sich nieder. Es war ein wunderbar schöner, sonniger Tag, kein Wölkchen zeigte sich an dem azurblauen Him-