Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1891)
- Date
- 1891-07-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448173--32421-2480266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1019 Schweiz. Zürich, 9. Juli. Der schweizerische Thierschntzverein beschloß, durch eine Partialrevision der BundesverfassungdasVerbot des israelitischen Schäch- Leus herbeizuführen. Rumänien. vr. 6. Bukarest, 9. Juli. Wie ich Ihnen zuletzt geschrieben, haben die russischen Judenverfolgungen auf uns rumänische Israeliten zurückgewirkt und in Folge einer darauf bezügl. Interpellation Maßnahmen und Gesetzesauträge gezeitigt, die zum Schein gegen eine phantastische russ.-jüd. Einwanderung gerichtet, ausschließlich die rnmän. Israeliten treffen werden. Nunmehr stellt sich auch heraus, warum der Interpellant Aßlan sich so plötzlich als feuriger Patriot geberdetc: er aspirirte auf den Posten als Bürgermeister von Jassy und glaubte mit seinen Tiraden und Vorschlägen einerseits sich zum Liebkind zu machen, andererseits seinen Gegnern durch seinen glänzenden Sieg in der Kammer den Rang abtanfen und ihre Agitation gegen ihn dnrch den in Rumänien allezeit pikanten und aufregenden Diskussions-Gegenstand „Juden" ablenken zu können. Darum also müssen eingeborene rumänische Unterthanen in ihrer Existenz beunruhigt und vernichtet werden! Er hat sich aber verrechnet, der gute Aßlan, denn der Sladtrath von Jassy, dem der unaufrichtige Lärm des Gernegroß bekannt ist, ließ ihn hübsch — durchsallen und wählte den Obersten Langa! Mittlerweile aber haben die Tiraden schon Früchte gezeitigt und zw. solche, wie ich sie in meinem letzten Briefe vorausgesehen. Vom Depntirten N. &. Popp ist schon zwei Tage nach dem Kammerbeschluß ein Gesetz betreffend Verbot an den Staat, Gemeinden. Bezirke und (christliche) Wohlthätigkeitsanstalten „Fremden" Güter zu verpachten, ans parlamentarischer Initiative eingebracht worden und auch die von mir vorhergesagtcn Hetzjagden gegen rumänische (nicht russische) Israeliten haben begonnen. In Jassy sind dem unverdächtigen christlichen „Radicalnl" zufolge die „Telals" (Händler mit alten Sachen) von ihren Standplätzen vertrieben worden und können ihren Geschäften nicht mehr nachgehen. An den Bahnhöfen sind in Jassy geborene oder alteingesessene Israeliten von der Polizei verhaftet und in den Polizeigewahrsam abgeführt worden. In Busen veranstaltet eine auf die jetzigen Umstände in Folge der Interpellation spekulirende freiwillige Bande roher Gesellen Judcnschlägcreicn in Kaffee- und Schanklokalen; die Behörde ist dabei natürlich müssige Zuschauerin. In den Bezirken Boto schoni und Dorohoj werden von den Dörfern die gesetzlich zum Wohnen daselbst berechtigten Israeliten auSgewiesen auf Grund eines Befehles des Ministers des Innern. Es werden ihnen nur Fristen von 24 Stunden bis zu drei Tagen bewilligt. Ein großer Theil der Vertriebenen gab sich in Dorohoj (Bczirkshauptstadt) beim Präfekten Mühe, daß er die Vertreibung rückgängig mache, oder daß ihnen wenigstens die Abzugsfristen verlängert werden. In Gäjeschti wurden am Morgen acht, natürlich inländische Israeliten, die von ihren Chefs zur Abnahme von bei den umliegenden Gutsbesitzern gekauftem Getreide geschickt worden, auf Befehl des Bürgermeisters von Militzsoldaten verhaftet und erst am Abend freigelassen mit der Weisung von ihren Chefs sich „legalisirte Vollmachten" als deren Vertreter zu bringen. (Wahrscheinlich hat er für die Gnade des Freilasscns Geld verlangt und erhalten — das ist nämlich der Hauptzweck der Hetzen bei uns.) Man kann gespannt sein, was diesem „gemüthlichen Anfang" noch folgen wird. T ü r k e i. In Aeumlek bei Bruffa ereignete sich in der Osterwoche ein Vorgang, der beinahe beängstigende Ausdehnung angenommen und das Leben einiger dort lebenden Israeliten gefährdet hätte. Aeumulek ist ein kleiner Hafen westlich von Mondonia und vier Stunden von Bruffa. Die Griechen sind dort in der Mehrzahl, und die wenigen dort ansässigen Juden stammen aus Bruffa oder Constantinopel, wo auch ihre Familien leben. Ein armer Flickschuster, Samuel Valid, bewohnte ein Kämmerchen in einem griechischen Hause. Beim Herannahen des Osterfestes, wie er sich anschickte, nach Bruffa zurückznkehren, um dort die Festtage zu vn leben, verlangte die Wirthin von ihm sein Stübchen, da sie es benöthige. Der Flickschuster übergab ihr den Schlüssel und bat sie, sein geringes Hab in einem Winkel zu bewahren, bis zu seiner Rückkehr. Als Valid fort war, öffnet die Frau das Zimmer und erzählt, sie habe darin ein kleines Kreuz gefunden, das ganz mit Koth au einem Nagel gehangen. Sic läuft alsbald zum Bischof, um ihm die Geschichte zu erzählen, und als der arme Schuster nach Aeumlek zurückkehrte, wurde er sogleich sestgenommen. Es entstand natürlich eine große Erregung in der kleinen jüdischen Gemeinde; sie wurde von den Griechen geschmäht und mißhandelt. Die Juden wagen sich nicht mehr ans ihren Häusern, und aus Angst, darin verfolgt zu werden, retteten sie sich endlich zu den Türken; einige verließen bei Nacht die Stadt. So standen die Dinge, als der seit einigen Tagen abwesende Vali auf seinen Posten zurückkehrte. Kaum hörte er von der Angelegenheit, als er den gefangenen Israeliten freigab, ihn nach Bruffa zurückschickte und die Aufforderung ergehen ließ, daß