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Der Israelit · 1891-07-13 · Heft 55 (13.7.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 55 (13.7.1891)
Date
1891-07-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1017 wenn sie auch in Bettlergestalt vor uns hintreten, wenn sie auch außer dem Russischen nur im Jargon zu reden vermögen. Wir dürfen auch nicht engherzigen Befürchtungen Raum geben, als ob die Anwesenheit weniger russischer Juden die antisemitische Strömung stärken könnte. Wir dürfen ferner nicht uns vertrösten, daß eine solche Bitte fruchtlos wäre, da sie auf kein Gehör zu rechnen hätte. Wenn die gesammte Judenheit wahrhaft eindringlich bittet, dann wird es nicht vergebens fein. Sollte aber eine solche Bitte unerfüllt verhallen, so hätten wir auch in dieser Hinsicht unserer Pflicht geübt. In dem Augenblicke, wo diese Zeilen geschrieben werden, kommt mir das „Magazin für Litteratur" (herausgegeben von Fritz Mauthener und Otto Neumann-Höser) Berlin, 15. Juni zu, und ich werde auf einen darin befindlichen Aufsatz von Paul Max aufmerksam, welcher u. A. schreibt: „Für die Fortschaffung — denn so gern der deutsche Jude Geldopfer bringt, um das Elend seiner Glaubensgenossen zu lindern, so zittert er doch bei dem Gedanken, daß die Schaar der fremden Gäste sich über Deutschlands Fluren ergießen und hier die Judenfrage kompliziren könnte, und er weiß im Stillen seiner Regierung Dank, daß sie sich einem d er artigen Versuche höchst energisch widersetzen würde. Und ebenso zittert der englische Arbeiter vor der Konkurrenz, daß die an harte Arbeit und Entbehrungen gewöhnten russischen Juden die Löhne herabdrücken und die Lebenserhaltung der englischen Arbeiter verschlechtern könnten. Amerika weist die unwillkommenen Gäste zurück, wenn sie ihren Lebensunterhalt nicht Nachweisen können, und bald wird das Nationalitätsprinzip, dessen höchste Blüthe jetzt im russischen Gemeinwesen verkörpert ist, seine abschließende Wirkung so weit über alle Kulturländer der Erde erstreckt haben, daß den Auswanderern, die sich demElend ihrer Heimath entziehen wollen, nichts offen bleibt, als das weite, freie Meer, auf dessen internationalem Grunde Platz genug für alle 6 Millionen r ussischen Iud en ist", vorausgesetzt, daß sie die Reisekosten dafür erschwingen können und es nicht aus Billigkeitsgründen und aus Bosheit gegen die umwohnenden Russen vorziehen, sich in den russischen Dnjepr zu stürzen. Wir sind im Gegensatz zu dieser bitteren Darlegung der festen Zuversicht, daß die Culturstaaten auf eine Bitte der gesammten Judenheit, die russischen Flüchtlinge in angemessenen Verhältnissen bei sich anzusiedeln, in der vorhin angedeuteten Weise eingehen werden, weil die Gewährung derselben ebensowohl der Menschlichkeit, als dem wohlverstandenen Selbstinteresse entspricht. Vor Allem aber müssen wir Juden den Entschluß fassen, eine solche Bitte auszusprechen. Zur Lage der Juden in Wußtand. Petersburg, 7. Juli. Sämmtliche von Odessa nach Palästina abgehende Dampfer sind mit aus Rußland nach Palästina auswanderten Juden überfüllt. Beim Eintreffen in Jaffa erhalten die Ausgewiesenen von dem ständigen Ausschuß alle nöthigen Fingerzeige; den Kaufpreis für das ihnen zugewiesene Land können sie in zehnjährigen Raten tilgen. Als Leiter des ganzen Palästina-Unternehmens werden neben Rothschild, Bleichröder und Baron Hirsch noch fünf andere jüdische Geldfürsten genannt. Nach Odessa kehrten nur zwei ausgewiesene Fanitlien zurück. Rothschild aus Paris beabsichtigt, weitere 5 ^Millionen Quadratmeter fruchtbaren Landes am östlichen Jordanufer anzukaufen. (Berl. Tgbl.) Zu den Judenverfolgungen in Rußland melden polnische Blätter, daß in Smolensk die Juden durch den Polizeimeister verständigt wurden, sie müßten entweder die Stadt verlassen oder Christen werden. Sie versammelten sich in der Synagoge zu einem Trauergottesdienst, der Rabbiner ermahnte sie ihrem Glauben treu zu bleiben, was die Anwesenden auch gelobten. Binnen zwei Tagen hatten sie ihre Immobilien veräußert und die Stadt verlassen. Niemand ließ sich bekehren. Auch an anderen Orten gehen die russischen ausübenden Regierungsorgane fortwährend mit der größten Rücksichtslosigkeit und Barbarei gegen die Juden vor, sogar gegen unmündige jüdische Waisenkinder. Ein im Sterben liegender Wittwer erhielt den Ausweisungsbefehl. Tags darauf verstarb er, worauf sein Bruder sich seiner Kinder annahm. Die Polizei verfügte die sofortige Ausweisung der beiden unmündigen Kinder. Der Oheim bat um^Zurücknahme der Ausweisung, worauf die Kinder dis zur höheren Entscheidung ins Gesängniß gesperrt wurden. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Darmstadt, 9. Juli. Das hiesige Oberlandesgericht hat neuerdings anerkannt, daß Gastwirthe in ihren Lokalen polizeiliche Befugnisse und Verpflichtungen haben. Es handelt sich in dem fraglichen Fall um eine Beleidigungsklage gegen einen Bureaugehülfen in Ober-Ramstadt und gegen einen dortigen Gastwirth, weil Ersterer eines von den bekannten antisemitischen Flugblättern (Fritfche-Leipzig) in dem Wirthslokale aufgehängt hatte, nachdem er vorher einen Ober-Ramstädter Handelsmann unter die Namen der Güterschlächter gesetzt und eine Wittwe aus Messel, als aus dem Erbe der Väter vertrieben, in der entsprechenden Rubrik jenes

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