Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1891)
- Date
- 1891-07-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1016 spannt sie nicht auf die Folter, man begräbt sie nicht in unterirdischen Verließen, wie es die Inquisition gethan, man treibt sie auch nicht über die Landesgrenze nach der Weise deS naiven Mittelalters — Gott bewahre! — man versperrt ihnen sogar das Ueberschreiten der russischen Grenzpfähle, ohne regelrechten Patz darf kein Jude autzerrussische Lust athmen, und ein solches kostbares Dokument muß mit schwerem Gelde erkauft werden und wird Jeglichem versagt, der nicht seinen ununterbrochenen, mehrjährigen Aufenthalt an dem betreffenden Orte Nachweisen kann,-soeben aber hat man die Aermsten aus ihrem bisherigen Wohnsitze vertrieben, darum kein Paß und zwar von Rechtswegen! Dem langsamen, aber sichern Untergange, dem Tode durch den Hunger, durch verpestete Luft ungereinigter Wohnungen, sollen die Juden anheimfallen — das ist der teufliche Gedanke dieser modernen russischen Regierungskunst. Nur die Annahme des orthodoxen russischen Religionsbekenntniffes gewährt Begnadigung von diesem entsetzlichen Tobesurthetle.- Ein Schrei des Entsetzens, ein Ruf der Entrüstung ob solcher Unthat erfüllt die ganze civilisirte Welt seit Monaten. Die Glaubens- und Stammesgenossen der unglücklichen Schlachtopfer dieses grausamen, kalt berechnenden Fanatismus Hatzen kleinere oder größere Vereinigungen gebildet, um das unsagbare Leid brüderlich zu lindern. Es werden zu diesem Zwecke Geldsammlungen veranstaltet, reichlich stießen die Spenden, — der erste Schritt zum wirklichen Beistände ist jedoch noch nicht geschehen. Unaufhörlich dringen Schaaren flüchtiger russischer Juden über die lang sich hinstreckenden Grenzmarken des weiten Reiches. Sie werden von den Glaubensbrüdern liebreich empfangen, mit Speise und Trank geletzt, mit nothwendiger Gewandung bekleidet und — weitergesandt. Wohin?? Die zur Abfahrt bereiten Schiffe nehmen sie auf — sie befinden sich ja im Besitz eines Fahrscheins — um sie jenseits des Meeres an'S Ufer zu setzen. An welche Ufer? Die cultivirten Länder versagen den Maffen der Flüchtlinge die Niederlassung, in unwirthbaren aber gehen sie einem gewissen Untergange entgegen. Die Kunde von hochherzigen Entschlüssen reichbegüteter Glaubensgenossen erfüllt die Gemüther mit leider nur allzu trügerischer Hoffnung. Ob im fernen Jordanlande oder im neuangebauten Süd-Amerika in der That die Bedingungen für die Existenz von Hunderttausenden Neuankömmlingen vorhanden sein können, unterliegt doch kaum einem Zweifel. Vielleicht mag es gelingen, dort einige Niederlassungen zu gründen, vielleicht — keinenfalls aber darf in solchen ungewissen Versuchen die Lösung der allen Juden obliegenden heiligen Pflicht, den um ihrer Glaubenstreue einem so entsetzlichen Geschick verfallenen Brüdern wirkliche Hilfe zu bringen, erblickt werden. Die Hand, die noch niemals Hacke und Pflugschaar geführt, vermag unangebauten Boden nicht in ergiebiges Ackerfeld umzuwandeln. Nur verhältnißmäßig Wenigen kann durch diese menschenfreundlichen Bestrebungen eine neue Heimath geschaffen werden, die hinlänglich Mittel für die LebenSfristung gewährt. Was mangelt den Hunderttausenden? Ein Plätzchen, wo man ihnen vergönnt, in rüstiger Arbeit in derjenigen Hantirung, die sie erlernt und geübt haben, für sich und die Ihrigen das Stückchen Brod zu verdienen, dessen sie bedürfen. Und sie sind so genügsam und so arbeitslustig durchweg, sind nicht an irgendwelchen freundlichen Zubehör zu der kärglichsten Existenz gewöhnt. Die russische Heimath, welche sie jetzt ausspeit, ist ihnen niemals ein Paradies gewesen — gewiß nicht! Der Handwerker — und es gibt kein Handwerk, das von den russischen Juden nicht gepflegt worden ist — kann aber nur Beschäftigung in kultivirten Ländern finden, und der kleine Kaufmann und Krämer nicht minder. Sendet sie in eine Wüste, und sie verhungern. Allerdings kann auch ein Land sie nicht alle aufnehmen. Ein so plötzlicher enormer Zuwachs seiner Bevölkerung würde ihm zur Last und zur Schädigung für seine Eingesessenen. Wenn aber die Hunderttausenden nach einem wohlerwogenen Plane in Europa, Amerika und Australien vertheilt würden, dann könnten sie, weit entfernt zu einer Landplage zu werden, sich überall als eine erfreuliche Vermehrung der Bevölkerung bewähren. Weiß doch der Jude sich leicht zu akklimatisiren und in die Verhältnisse einzuleben, rühmt man an ihm doch Fleiß, Nüchternheit, Ausdauer, Sparsamkeit und Intelligenz. Warum treten nicht Delegirte der gesammten Judenheit zusammen und richten an sämmtliche civilisirte Landesregierungen die eindringliche Bitte, d aß man ihren unglücklichen Brüdern in angemessener beschränkter Anzahl das Niederlassungsrecht gew ähren mö ge? Die Regierungen werden sich einer solchen Bitte nicht verschließen, werden nicht taub sein gegen das Flehen der Unglücklichen, werden nicht blind sein für die bedrohlichen Folgen einer allseitig geübten Absperrung. Wenn die Unglücklichen, hin- und hergeworfen, elend zu Grunde gehen, so trifft ihr Untergang die gesammte civilisirte Menschheit als eine nimmer zu sühnende Blutschnld. Ein Staat allein vermag die Menge der heimathlos Gewordenen nicht zu tragen, ein jeder aber kann und soll einenTheil eine Heimstätte bieten, zumal wenn seitens der Glaubensgenossen die Haftung übernommen w ü rde , daß sie weder der staatlichen noch communalenArmenpflege zurLast fallen sollen. Es dürfte allerhöchste Zeit sein, daß diese Frage, welche nur von der Gesammtheit der Juden gelöst werden kann, von einem jüdischen internationalen Kongreß mit Eifer erfaßt würde. Angesichts der Größe der Aufgabe haben alle untergeordnete Bedenken zurückzutreten. Wir sollten uns Alle zu der Höhe des Bewußtseins erheben, daß es in der That unsere Brüder sind, für welche wir einzutreten verpflichtet sind. Wir dürfen uns unserer Brüder nicht schämen;