Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1891)
- Date
- 1891-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. M 55. Israelit... Zeschunin. Zettslhrifl M FSrdermg D. GMkS und D. Krvm ill Aus. GkmWk ml> -Alk. Genirak-Hrgan für das orthodoxe IudenLhum. Begründet von Br. Lehma«» in Mainz. Montag, de» I». Juli S«SI (1891). BflT Zur gefall. Beachtung! Vielfachen Wünschen entsprechend, können bei uns Melke -Dtborrrrerrrenks bestellt werden und wird auf Verlangen unser Blalt an die jeweils aufgegebenen Adressen auf das Pünktlichste besorgt. Expedition des „Israelit & Iefchurun." Leitender Artikel. Me helft» wir unseren rnsslstzen Krüdern? Von Isaak Hirsch. Das lange drohende Unheil ist endlich über unsere Brüder im Czarenreiche hereingebrochen. Wir waren auf Furchtbares gefaßt, die entsetzliche Wirklichkeit aber übertrifft selbst die trübseligste Ahnung. Israels Geschichte ist mit Blut und Thränen geschrieben. Die Jahrhunderte Hallen das grauenvolle Echo der Angstrufe und Schmerzensschreie, der Klagen und Seufzer aus jüdischer Brust wider. Das Weh und der Jammer der Gegenwart aber übertönen jenes Echo. Das heute in Rußland verübte Attentat auf Menschlichkeit, Recht und Liebe dürfte vergebens ein ebenbürtiges Beispiel in der europäischeil Staaten-Geschichte suchen, seitdem die Flammen der spanischen Ketzerverbrennungen erloschen. Die von der Inquisition verübten Ruchlosigkeiten möchten übrigens noch milde erscheinen im Vergleiche mit den heute im Moskowiterlande gegen die Inden unternommenen Maßregeln. Die alten spanischen Henker Torquemada, Mendoza und Ximenez waren nur Stümper in ihrem Handwerk. Die Archive weisen für den Zeitraum von Ende des fünfzehnten bis Anfang des neunzehnten Jahrhunderts nur die Zahl von etwa 30,000 Schlachtopfern und etwa 300,000 Eingekerkerten und Güterberaubten als Trophäen der Glaubenswuth und Habgier auf. Ferdinand und Jsabella, die Katholischen, erließen doch wenigstens einen Ausweisungsbefehl gegen die Juden, welcher etwa 300,000 Menschen der Heimath beraubte. Die russischen Juden der Gegenwart aber, etwa vier Millionen zählend,*) sind der gänzlichen Vernichtung geweiht. Der an ihnen zum Vollzüge gebrachte Vernichtungsprozeß ist der grausamste und rafstnirteste, der je geübt worden. Jgnatiew hat ihn vor neun Jahren ersonnen und Pobedonoszew führt ihn aus. Alle außerhalb der sechzehn Gouvernements wohnenden Juden erhalten den Befehl, nach denjenigen Orten des Niederlassungsbezirks zurückzukehren, zu welchem sie oder ihre Väter einstmals gehört haben, unbeschadet, daß ihnen oder ihren Vätern seinerzeit von Seiten der zuständigen Behörde die Erlaubniß zur Niederlassung an ihrem gegenwärtigen Wohnsitze ertheilt worden war. Innerhalb der sechszehn Gouvernements aber ist ihnen durch ein neuer Gesetz der Aufenthalt auf dem platten Lande untersagt worden, und durch Verordnungen werden eine Anzahl kleinerer Städte nunmehr für Dörfer erklärt. Spitzfindische, vexatorische Interpretationen sonstiger Gesetze und Verordnungen, brutale, gewiffenlose Polizeikniffe, unerhörte, willkürliche, grausame Maßregeln der höchsten, hohen und niederen Beamten thun das Uebrige. So werden Hunderttausende redliche Existenzen mit einem Schlage vernichtet. Ungezählte Schaaren plötzlich der Heimath Beraubter strömen in die ohnehin übervölkerten Orte des Niederlassungsbezirks, wo schon bislang der weit größten Mehrzahl der jüdischen Einwohner kaum die Möglichkeit zur Erlangung eines auskömmlichen kärglichen Erwerbs geboten war. Es fehlt dort an Raum, um die Neuankömmlinge zu bergen, geschweige denn an Gelegenheit, sich eine neue Existenz zu gründen. Noth, Elend, Hunger, Verzweiflung fast der gesammten Judenschaft ist die unerbittliche Consequenz dieser Regierungskunst. Die Juden sollen sich gegenseitig aufreiben, das ist deren infernalischer Zweck. Man errichtet den Juden keine Scheiterhaufen, man *) Die Erhebungen des russischen statistischen Zentral- Comites aus dem Jahre 1884 weisen für die 16 Gouvernements, welche den Juden zum Wohnsitz gestattet sind, 2,930,639 Israeliten aus. Wie viel Juden sich außerhalb dieses Niederlassungsbezirks befinden, läßt sich nicht genau feststellen. Die Schätzungen hierüber sind sehr verschieden. Manche beziffern die Anzahl der Juden, welche nunmehr aus den anderen 44 Gouvernements in den Niederlaffungsrayon getrieben werden, auf eine Million, Andere geben solche auf das Doppelte an.