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Der Israelit · 1891-07-09 · Heft 54 (9.7.1891) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 54 (9.7.1891)
Date
1891-07-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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999 weit eher die Barmherzigkeit Gottes, als die Mittel des Haffes zu Hilfe ruft. Es ist daher eifrig und fromm, Alles zu vermeiden, der Bewegung gegen die Juden, wie dem sogenannten theoretischen Antisemitismus Vorschub zu leisten, da man im voraus nicht absehen kann, welche Formen er schließlich annehmen werde. Das Eine wissen wir, woher jede solche Bewegung stammt und wie sie im Anfang aussieht; aber wie weit sie gehen wird, wohin sie gelangt, welche Gestalt sie in der Empörung des Volkes und in der Aufwühlung der menschlichen Leidenschaften annehmen wird, das vermag Niemand vorherzusagen. Im Namen der christlichen Menschenliebe muß daher zum Schutze der verfolgten Juden das Symbol unseres Glaubens erhoben werden." Rußland. Von verschiedenen Seiten ist bereits berichtet worden, daß der augenblicklich in Petersburg weilende Vertreter des Baron Hirsch, Arnold White, welcher die Lage der Juden in Rußland studirt hat, im Stande gewesen ist, selbst den russischen Regierungsmännern neue Informationen zu übermitteln. Der eigentliche Urheber der neuesten Judenhetzen, der Oberprokureur Podjedonoszew, hat Herrn White wiederholt sehr freundlich empfangen, allein Ersterer hat natürlich nicht von den Vorstellungen abgebracht werden können, welche er sich auf Grund der falschen Berichte der russischen Beamten über den Charakter und die Thätigkeit der Juden gebildet hat. Herr White ist, wie er dem Petersburger Correspondenten der „Times" erzählte, schmerzlich berührt worden durch das, was er auf seiner Reise von dem Elende unschuldiger jüdischer Kinder gesehen hat. Er schlägt die Errichtung eines Cen- Iral-Comits's und verschiedener Lokal-Comite's zur Beförderung der Auswanderung der Juden unter Regierungsaufsicht, sowie Erleichterungen für diese Auswanderung vor, und der Minister des Innern hat sich auch bereits im Prinzip einverstanden erklärt. Wesentlich verschlimmert wird die Lage der innerhalb des ihnen zugewiesenen Rayons zusammengedrängten Juden noch durch den allgemeinen Nothsiand, welcher von den antisemitischen Agitatoren natürlich zu neuen Hetzereien gegen die Juden ausgebeutet wird. Die russische Regierung scheint sich aber der drohenden Gefahr neuer Gewaltthätigkeiten nicht vollständig bewußt zu sein und Herr White hat dieselbe auch über diesen Punkt aufzuklären versucht. So darf man hoffen, daß die Reise des geraden und offenherzigen Mannes zu günstigen Ergebnissen führen wird, nicht blos dadurch, daß außerhalb Rußlands genaue Mittheilungen über die Lage der Juden in Rußland verbreitet, sondern daß auch in Petersburg selbst an maßgebender Stelle falsche Vorstellungen zerstört werden. Bulgarien. In Philippopel in Bulgarien hätte das Blutmärchen beinahe antisemitische Unruhen hervorgerufen. Dank dem aufgeklärten Verhalten der bulgarischen Geistlichkeit und der Presse hat der Zwischenfall keine Folgen gehabt. Ein christliches Kind im Alter von 8—9 Jahren ist Anfangs Mai verschwunden und ist noch nicht gefunden worden. Am Tage seines Verschwindens sah man es wie gewöhnlich zu Schule gehen, doch ist es während der Schulstunden verschwunden. Man hat auf seinem Platz seine Mütze, seine Mappe und seine Bücher gesunden. Da die Schule nahe dem Ufer der Maritza gelegen ist, so kam man auf den Gedanken, daß es das Opfer seiner Unvorsichtigkeit wurde, indem es ins Wasser fiel. Dies war auch zuerst die Ansicht seiner Eltern. Erst nach und nach schöpfte man Argwohn gegen die Israeliten, und es fanden sich Leute geringen Standes, die sie auklagtcu, das Kind zu dem bekannten Zwecke entführt zu haben. Und das ist alles. Der gesunde Menschenverstand der bulgarischen Bevölkerung hat augenblicklich die alberne Anklage auf ihr Nichts zurückgeführt, und die lokalen Blätter, welche sich der Angelegenheit berechtigten, veröffentlichten über diese Frage Artikel,' die alles Lob verdienen. Der Plovdiv und die Balkanska Zora, zwei in unsrer Stadt erscheinende Tageblätter, haben schnell unsere Sache in die Hand genommen und traten warm und erfolgreich für sie in Abhandlungen ein, welche in Betreff der Gelehrsamkeit und des Menschenverstandes der Wahrheit, der Unparteilichkeit wahre Kunstwerke sind, und zu gleicher Zeit von warmer Sympathie erfüllt waren. Wir dürfen der bulgarischen Geistlichkeit das wohlverdiente Lob nicht versagen. Die Priester find zumeist Vermittler der friedlichen Lösung dieser Frage. Ihre Reden lauteten zu Gunsten der verleumdeten llnschuld. Vierzehn Tage vor dem Verschwinden des christlichen Kindes war plötzlich ein anderer Knabe in einem Stadtviertel verschwunden, das am linken Ufer der Maritza gelegen ist. Die aufgewiegelte Bevölkerung war im Begriff das israelitische Vierte! zu stürmen, wo keiner die drohende Gefahr ahnte. Ein Pope eilt herbei und räth zur Vorsicht, man umgiebt ihn. Er verlangt, man solle zum mindesten einige Stunden warten; er sagt, daß Wuth und Uebereilung schlechte Rathgeberinnen seien. Zwei Stunden später war das verlorene Kind gefunden. Wir erfuhren die Thatsache erst einige Tage später. (Alliance-Bericht.)

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