Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1891)
- Date
- 1891-07-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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969 „Hier ist der Talisman, der mich am Tage schützt. So oft ich ihn sehe, soll ich all' der Gebote meines. Gottes gedenken und sic ausübcn. Er sagt mir, daß der wahrhaft Gute und Glückliche Herr seiner Leidenschaften ist und denselben niemals fröhnt; daß Sinnenluft und Augenweide den Menschen ins Unglück stürzen, daß das Glück des Menschen in seiner eigenen Brust ruht und nur durch ein Leben der treuesten Pflichterfüllung und des felsenfesten Glaubens errungen werden kann." Man hatte während dieses Gesprächs das Haus erreicht. Es lag herrlich; unter Bäumen und Sträuchern versteckt, glich es einer Laube, die zum Eintreten einlud. Jussuf öffnete die mit wildem Wein fast ganz überwucherte Thüre und bat den Scheich, voranzugehen. Er selbst blieb in dem Rahmen der Thüre stehen, deutete auf eine in Manneshöhe an dem einen Pfosten befestigte Kapsel und sprach: „Hier, mächtiger Scheich, ist die zweite Form meines Talismans. In dieser Kapsel befindet sich ein Abschnitt aus dem heiligen Buche meiner Religion. So oft ich mein Haus betrete, so oft ich es verlasse, berühre ich diese Kapsel und diese Berührung erweckt 'olgende Gedanken in mir. Dein Haus, ruft diese Kapsel mit ihrer Schrift mir zu, sei Deinem (Rotte geweiht. Dem Unrecht und der Sünde ist der Eintritt gewehrt; alle Armen und Elenden seien in ihm willkommen. Friede und Eintracht thronen nur da, wo Gott sich niederläßt, und Gott erwählt sich nur die Stelle, da man Ihn verehrt, Seine Gebote befolgt. Vertrau' auf Ihn, ruft mein Aniulet mir zu, er schützt Dich und Dein Haus; Er wird Dein Leben verlängern, wird Deine Tage zahlreich werden lassen, daß sie währen wie die Dauer des Himmels über der Erde." Stille hatte der Scheich diesen Worten gelauscht; sinnend blickte er in dem mit orientalischer Pracht und raffinirtem Luxus ausgestatteten Gemache umher. Die Worte des Juden hatten ihn gepackt, ohne daß er cs wollte; sie hatten Erinnerungen in ihm wachgerufen, die er längst vergessen wähnte, sie hatten ihn: die Grundlosigkeit seines Judenhasses, seine eigene Schlechtigkeit vor die Augen geführt und er war unwillig über sich selbst. Auf seiner Stirne erschienen verhängnißvolle Runzeln und mit verbissenem Grimme fragte er: „Und Dein dritter Talisman? „Wo hast Du den?" „Verzeihe einen Augenblick, daß ich Dir ihn hole." Jussuf entfernte sich ans dem Gemache, ohne daß der Scheich ihm folgte. Nach kurzer Zeit trat er mit lächelndem Antlitz wieder ein. Er hielt ein Beutelchcn in der Hand, auf welchem sich mit Gold gestickte feltfamc Schriftzeichen befanden. Mit Jnbrust führte er das Beutelchen an seine Lippen und sprach: „Hier in diesem Beutclchen ist mein dritter Talisman; er schützt den Körper und den Geist, das Hans und die Familie." „Und darf ich sehen, wie Du ihn trägst, diesen Talisman, oder hat es eine andere Bewandniß mit ihm?" „Nein, mein Herr und Gebieter. Deine hohe Weisheit hat herausgefunden, wie dieser Talisman wirkt. Jeden Morgen, nachdem ich die von meiner Religion vorgeschriebcne Waschung ausgeführt, umhülle ich mich mit dem ersten Talisman, der mich dann den ganzen Tag nicht wieder verläßt. Alsdann nehme ich diesen Beutel und mit seinem Inhalt schmücke ich Hand und Haupt." Jussuf zog zwei Riemen aus dem Beutel, an welchen schwarze Kapseln sich befanden. Er nahm den einen, rollte ihn auf, entblößte seinen linken Arm und wickelte den Riemen siebenmal um den Arm, und dreimal um den Mittelfinger. Darauf band er den zweiten Riemen so um sein Haupt, daß dessen Kapsel in der Mitte der Stirne, einer Krone gleich, auf seinem weißen Haar saß. Wie ein Prophet stand er vor dem Gewaltigen. Heiliger Ernst und demutsvolle Hoheit verschönten sein Antlitz, und als der Scheich nun fragte: „Und was bedeuten diese Riemen, diese Kapseln?" Da begann Jussuf mit fester Stimme: „Dein ganzes Leben, ruft dieser Talisman mir zu, schaffst Du Dir selbst mit -Deinem Arm und Deinem Haupte. Widme beide Deinem Gotte, das Haupt, in welchem der Gedanke entspringt, der Arm, der ihn zur That wandelt. Lasse den Arm nicht handeln, bevor das Haupt gedacht. Ich umwickle den linken Arm, der schwächer ist, als der rechte, denn durch den Willen Gottes werden Schwache mächtig. All' Dein Sinnen und Denken, Dein Dichten und Trachten lasse von dem Einzig Ewigen ausgehen, sich auf den richten, vor dessen Richterstuhl alle Menschen gleich sind und der einst Rechenschaft von Dir fordern wird. Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziges, ewiges Wesen. Das ist die felsenfeste Ueberzeugung, die der Talisman mir gibt und die Lehre, hoher Herr, nach welcher ich lebe. Du sollst lieben, den Ewigen, Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen, Deiner ganzen Seele und Deinem ganzen Vermögen, also steht geschrieben in den Pergamenten, welche diese Kapseln bergen. Diese Dinge, die ich Dir heute gebiete, nimm Dir sie zu Herzen; schärfe sie auch Deinen Kindern ein und rede von ihnen,