Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1891)
- Date
- 1891-07-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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970 wenn Du in Deinem Hause sitzest, wenn Du auf dem Wege gehest, wenn Du Dich niederlegest, wenn Du wieder aufstehcst. Allüberall sei Dein Gstt bei Dir, Dich zu schirmen, zu schützen, zu führen', zu leiten. Dies sagt mein Talisman, hoher Scheich, und er wird mich selbst dann schützen, wenn Du sinnen würdest, rnich zu verderben." „Wie komnist Du darauf, Iussuf?" fragte der Scheich. „Die Falte au Deiner Stirn deutet nichts Gutes", versetzte Iussuf. „Du hast einen scharfen Blick, Jude," versetzte lächelnd der Scheich, „und deßhalb wirft Du auch wissen, warum ich Dir zürne. Du verbirgst mir die Sängerin, deren Stimme ich gehört. Laß' sie kommen und vor mir singen, daß mein Auge sich an ihrer Schönheit labe, wie mein Ohr sich au ihrem Gesang ergötzt." „Warum soll sich die Taube nicht schutzsnchend verbergen, wenn der Adler in ihrer Nähe weilt? Ich kann Deinen Wunsch nicht erfüllen, mein Herr und Gebieter, denn meine Tochter ist krank." „Krank? Du scherzest." „O, möchte es ein Scherz sein! Möchte die dunkle Nacht, die den Geist meines Kindes umgibt, sich lichten. Möchte Er mein tägliches Gebet erhören, bei dem allein Rettung ist und Hilfe." Forschend blickte der Scheich den Juden an. Iussuf hielt diesen Blick aus; er zuckte mit keiner Wimper. „Ich will Dir glauben, Jude", sprach er. „Doch noch eines. Bon wem hast Du Deinen Talisman?" „Herr," entgegnele Justus, „diesen Talisman besitze ich nicht allein; bei all' meinen Glanbensgenossen wirst Du ihn finden. Arm und Reich, Groß und Klein kennt seine Bedeutung." „Und lebt man auch danach?" „Herr, befolgen alle Moslemin die Satzungen des Korans? Hier, wie dort, gibt es Menschen, die sich klüger dünken als Gott, weiser als Allah, und deßhalb die Lehren ihrer Religion nicht kennen, ihre Gebote nicht befolgen. Triffst Du aber einen Strenggläubigen von meinen Glaubensgenossen, so kannst Du sicher sein, daß mein Talisman sich auch in seinem Besitze befindet, und daß sein Thun und Lassen den Lehren des Talismans gemäß sich vollzieht." „So hätte ich die Deinen seither ohne Ursache verfolgt? Hätte rnich von falschen Rathgeberu, von der eigenen wilden Leidenschaft verleiten lassen? Nun, Iussuf, das soll anders werden. Deiue Glaubensgenossen sollen Schutz und Zuflucht in meinem Lande finden und gleiche Rechte wie meine übrigen Unterthanen genießen." „Herr, wenrr Deine Worte zur Wahrheit würbeit, so hätte mein Talisman ja schon seine wunderbare Kraft bewiesen! Unsere Gebete für Dich würden täglich zu nusereul Gotte emporsteigen; Dein Name wäre gesegnet für alle Zeiten und Dein Ruhm begründet für alle Geschlechter. In den spätesten Zeiten würde Deine Gerechtigkeit gepriesen, Deine Weisheit bewundert werden." Der Scheich erhob sich. Freudig führte Jussuf ihn durch alle Räume, ohne Scheu zeigte er ihm die herrlichen Anlagen seines Besitzthnms. Ein Anderer kehrte er zu seinem Gefolge zurück, ein Anderer, als er es verlassen. Und er hielt Wort. In Omar, dem Freunde Jussnfs, hatte er den richtigen Mann für die Ausführung seiner guten Vorsätze zur Seite. Wie neu lebten die armen, verfolgten Inden auf. Rasch erholten sie sich von dem Elende, in dem sie geseufzt. Und die gute That des Scheich trug ihre goldenen Früchte. In ungeahnter Weise hoben sich Handel und Verkehr. Da, wo früher die elende Karre auf holprigem, schlechtem Wege ihren Schueckengang machte, saust jetzt die Eisenbahn vorüber und gestattet, alle Produkte des gesegneten Landes preiswürdig zu verwerthen. Immer neue Absatzqnellen entdecken die fleißigen Kanflente, immer neue Erwerbsquellen für die Bewohner des Landes. Der Volkswohlstand steigt zusehends und die Stenerkraft des Landes hat eine solche Höhe erreicht, daß es dem Scheich leicht ist, die Forderungen des Sultans zu befriedigen und seinen eigenen Säckel zu füllen. Omar steht in hoher Gunst bei ihm und Iussuf? Iussuf ist glücklich mit der Wohlfahrt seiner Glaubensgenossen, mit der Wohlfahrt des Landes, in dem er lebt. Er hat das Glück erlebt, seine Tochter geheilt zu sehen. — Heute ist er ein hundertjähriger Greis; der Scheich verehrt ihn wie einen Vater und beide trauern aufrichtig über die Verfolgungen, welche die Juden in jenem fernen Reiche des Nordens ertragen müssen. „Gewiß," sagte der Scheich oft zu Iussuf, „kennt der Sultan jenes Reiches Euren Talisman nicht, sonst würde er solche Gräuel nicht dulden." „Du magst Recht haben," entgegnet dann Jussuf jedesmal seufzend, „entweder er kennt ihn nicht, oder er will ihn nicht kennen. Möge Gott meinen armen Brüdern helfen!" Briefkasten der Redaktion. AW7- Das Jnhalts-Verzeichniß für das erste Halbjahr 1891 wird der nächsten Montags Nummer beigelegt. I. V. in F. Veröffentlichung Ihres Räthsets unthunlich. Für den folgenden Theil ist die Redaclion nicht verantwortli ch