Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1891)
- Date
- 1891-07-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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964 Marx wurde zunächst bekanntgegeben, daß die seit 160 Jahren in Wien bestehende türkische israelitische Eultusgemeinde sich dahin ausgesprochen habe, ihre Selbstständigkeit beizubehalten und sich mit einer neu constituirenden Wiener Cultusgemeinde nicht zu vereinigen. Sie begründe ihr Recht auf Beibehaltung ihrer Selbstständigkeit durch mehrfache internationale Verträge, so auf den Pafsarowitzer, den Sistowaer Frieden, ferner dadurch, daß ihr Statut stets von der türkischen Botschaft genehmigt wurde, daß sie ferner eine eigene Matrikelführung habe, ihre eigenen religiösen Wohlthatigkeitsanstalten besitze und erhalte, und daß auch die Formen des Sephardischen Cultus von anderen Cultussormen wesentlich abweichen. Nichtsdestoweniger meint der Referent, daß, nachdem im Sinne des §, 2 des Reichsgesetzes vom 21. März 1890 „in demselben Gebiete nur Eine Eultusgemeinde bestehen könne", die türkische Eultusgemeinde als solche zu bestehen aufhören", in die Wiener Eultusgemeinde übergehen müsse und sich allenfalls nur als ein Bethausverein constituiren könne. Er lade die Vertreter der Wiener Eultusgemeinde ein, diesfalls mit den Vertretern der Türkengemeinde in Verhandlungen zu treten. Hierauf wurde von den Vertretern der Wiener Eultusgemeinde bemerkt, daß derartige Verhandlungen bereits eingeleitet worden seien, aber zu keinem Resultate geführt haben, daß auch von den neuen Verhandlungen kein Erfolg zu erwarten sei, da auch die Vorstände der Wiener Eultusgemeinde durchaus nicht das Verlangen haben, die ältere seit 160 Jahren in Wien bestehende türkische Jsraeliten-Gemeinde in ihrem Bestände alteriren oder in den größeren Verband einer neuen Wiener israelitischen Eultusgemeinde einverleiben zu wollen. Nichtsdestoweniger werde der Vorstand dem Wunsche der Regierung Nachkommen, mit den Repräsentanten der Türkengemeinde neuerlich zusammentreten und diesen die eben ausgesprochenen Anschauungen mittheilen. Von dem Referenten wurde darauf hingewiesen, daß derzeit in den bisherigen Bezirken Wiens 99,800 Israeliten vereinigt zu Einer Eultusgemeinde in den neuen Bezirken Wiens 18,700 Israeliten wohnen, daß es sich nicht empfehle, den dermaligen Bestand von drei selbstständigen Eultusgemeinde» blos für die letzteren beizubalten, vielmehr die Vereinigung zu Eitler Eultusgemeinde angezeigt erscheine. Es sei der Wunsch des Herrn Statthalters, daß die Grenzen der neu zu constituirenden Eultusgemeinde sich mit der neuen politischen Grenze Wiens decken, daß in Wien nur Eine israelitische Eultusgemeinde bestehe. Nachdem die Vertreter der vorortlichen Gemeinden sich dieser Anschauung anschlossen, erklärten auch die Vertreter der Wiener Gemeinde sich hiermit im Prinzipe einverstanden, jedoch mit dem Vorbehalte, daß durch Genehmigung des von ihnen vorgelegten neuen Statuten-Entwurfes der neuen Gemeinde die-Möglichkeit gewährt werde, die erforderlichen bedeutenden Geldmittel zu beschaffen. Der von der Wiener Eultusgemeinde vorgelegte neue Statuten-Entwurf fand mit ganz geringfügigen Abänderungen allseitige Billigung. Dieser Entwurf enthält eingehende Bestimmungen Uber die Verpflichtungen der Eultusgemeinde hinsichtlich des Gottesdienstes, der Erhaltung ihrer religiösen Einrichtungen, der Pflege des Religions-Unterrichtes, der Förderung für Unterrichtszwecke, für Arme, für Wittwen und Waisen, für Krankenpflege und Altersversorgung. Die Verwaltung wird besorgt von einem 24gliedrigen Cultusvorstande, welcher sich in sechs Sectionen theilt. Die sechs Sections-Obmänner bilden das Vertreter-Collegium. Zwei der Sections-Obmänner sungiren anch als Vice-Präsidenten. An der Spitze der Gemeinde steht der von dem Vorstande zu erwählende Präsident. Alle diese Funktionäre verwalten ihr Amt als Ehrenamt unentgeltlich. Die Angestellten der Gemeinde sind: 1. Die Cultusbeamten: Rabbiner, Prediger und Cantoren; 2. die Verwaltungsbeamten. Für die Gemeinde-Rabbiner werden in der Regel Universitäts-Studien und der Nachweis theologischer Befähigung verlangt. Die ökonomischen Erfordernisse der Eultusgemeinde werden, insoweit die Einnahmen aus den Gemeinde-Anstalten nicht hinreichen, durch die Cultussteuer aufgebracht. Das Minimum der letzteren ist 10 fl., das Maximum 5000 fl. jährlich. Die Repartirung auf die einzelnen Gemeindemitglieder nach Maßgabe ihres Vermögens und Einkommens erfolgt durch eine von dem Cultusvorstande zu nominirende Schätzungs-Commission, gegen deren Ausspruch die Berufung an den Vorstand ergriffen werden kann. Von Seite der Statthalterei wurde angeregt, daß die Matrikenführung zwar in Einer Hand vereinigt sei, daß aber in mehreren Bezirken Anmeldestellen eingesetzt werden. Endlich wurde der 1. Januar 1892 als der Tag, an welchem die vereinigte Wiener Jsraeliten-Gemeinde zu bestehen beginnen solle, in Aussicht genommen. Wien, 20. Juni. Die Antisemiten beantragen den Erlaß eines Gesetzes gegen die Einwanderung fremder, zumal russischer Juden nach dem Muster der - Anti-Chinesenbill. Czernowitz. Für das nächste Studienjahr wurde zum Rector Magniiicus der hiesigen Universität der Ehemie Dr. Richard Przibram gewählt. Es ist dies wohl der erste Jude, der ein solches Amt in Oesterreich bekleidet. Bern, 24. Juni. Die Kommission des Natic-- nalraths hat mit 4 gegen 2 Stimmen beschlossen, das isr a el it i scheSchächten zu gestatten, wie es der Ständerath bereits gethan hat. Zu den russichen Judenausweisungen wird aus Moskau gemeldet, daß in Libau 13 000 Juden ihre Pässe zum Zwecke der Prüfung abgenommen wurden. Man glaubt, daß eine Massenausweisung der Juden bevorstehe, da sich herausgestellt hat, daß viele Juden in Libau wohnen, welche nicht die Berechtigung dazu besitzen. Nach einer aus Konstantinopel zugehende Meldung begegnen die Bemühungen des englischen Botschafters, Sir W. White, in Angelenheit der Ansiedlung der aus Rußland ausgewiesenen Juden in Palästina bisher den größten Schwierigkeiten, so daß nur sehr geringe Aussicht auf Verwirklichung dieses Projectes vorhanden sei. F c it i % t $ t o n. Ifabbatcn Aswi. Historische Erzählung Trust Schwor?. (Fortsetzung.) Jachtni blickte von der Sette lauernd zu dem jungen Manne empor; er kam ihm verändert vor, doch noch war er sich nicht klar, in was diese Veränderung bestand.. „Erhälst Du häufig Nachrichten von Deinen Angehörigen V" begann er nach kurzer Pause wieder, „sind Deine Eltern gesund?" „Mein Vater ist gesund," sagte Sabbatat, „meine Mutter jedoch ist — ist nicht mehr", fügte er leiser hinzu.