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Der Israelit · 1891-07-02 · Heft 52 (2.7.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 52 (2.7.1891)
Date
1891-07-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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965 „Was?" rief Jachini, „diese schöne, stattliche Frau, die ich nicht für Deine Mutter, sondern für Deine Schwester gehalten habe, sie —" „Ist heimgegangen." „Möge sie in Frieden ruhen," sagte Jachini salbungsvoll, „armer Freund — wann habt Ihr sie verloren?" „Vor zwei Monaten." „Sie war eine brave Frau," fuhr Jachini fort, „eine ausgezeichnete Gattin und Mutter — eine Esches chajil, wie sie im Lüde geschildert wird." Er blickte wiederum von der Seite in das klassisch schöne Angesicht des jungen Mannes empor. „So fleißig," fuhr er fort, „so fürsorgeud für Alle und für Alles — das Einzige, was mich bei der in jeder anderen Beziehung geradezu vollkommenen Frau befremdet hat, war, daß ihr das Verftändniß für die hehre Sendung ihres Sohnes zu fehlen schien." Sabbatai erröthete. „Es ist wahr," murnielte er, „meine Mutter, sie ruhe in Frieden, hat an mir gezweifelt." Jachini wiegte bedenklich das graue Haupt. „So lange sie hiniedcn weilte, hat ihr Zweifel Dich wenig gekümmert — aber — es ist eine eigenthümliche, eine überaus eigenthümliche Thatsache, die Worte der Heimgegangenen haben für uns oft mehr Gewicht — als die Worte der Lebenden." Sabbatai wechselte abermals die Farbe, entgeguete jedoch nichts. Was er dachte? — Jachini vermochte es nicht zu ergründen. — Wieder blickte er hinauf zu dem sternbesäeten Himmel, dort schien sich eben ein Stern von einem anderen abzulösen und in weitem Bogen hernieder zur Erde zu gleiten. Was dachte der junge Mann? — weßhalb preßte er die Lippen so fest aufeinander? Wiederum gingen sie schweigend nebeneinander. „Hast Du hier auch Schüler?" fragte Jachini endlich. „Wenige", erwiederte Sabbatai. „Ich habe meinem Vater das Wort gegeben, vorläufig jede öffentliche Kundgebung zu vermeiden — meine Zeit ist noch nicht gekommen." „Aber sie nahet," fiel Jachini begeistert ein, „nie im Leben werde ich jenen hehren Moment vergessen, in dem der Messias sich uns geoffenbart, nie im Leben kann ich Gott genügend dafür danken, daß er mich gerade an jenem Tage in Deines Vaters Haus geführt hat." Sabbatai's Auge leuchtete in der Erinnerung an jenen erhabenen Moment — aber er war schweigsam geworden, überaus schweigsam. Noch lange wandelten die beiden Männer an dem Ufer des Meeres auf und nieder, Jachini trug die Kosten der Unterhaltung so ziemlich allein, Sabbatai antwortete nur auf direct an ihn gerichtete Fragen. Endlich machten sie sich auf den Heimweg. Der ältere Mann begleitete den jüngern bis zu dessen Wohnung; es stellte sich heraus, daß dieselbe sich gar nicht weit von seiner eigenen befand. „Du wohnst schon lange hier in diesem Hause?" „Seit meinem Hiersein." „Seltsam, seltsam, ich wohne schon seit sechs Wochen im dritten Haus von hier, und erst heute haben wir uns getroffen." Jetzt erst fiel es Sabbatai ein, sich nach der Dauer von Jachini's Aufenthalt in Konstantinopel zu erkundigen. Dieser zuckte die Achseln. „Mit Bestimmtheit weiß ich es selbst nicht, wie lange ich hier bleiben werde — einige Monate dürften mich meine Geschäfte wohl hier aufhalten — und ich hoffe, es wird mir während dieser Zeit öfters vergönnt sein, das Antlitz des Gesalbten Gottes zu schauen." Sabbatai erwiederte einige verbindliche Worte, dann reichten sie einander die Hände und trennten sich. Kopfschüttelnd schritt Jachini seiner Wohnung zu. „Armer Schelm," flüsterte er in sich hinein, „ihm ist der Glaube an sich selbst abhanden gekommen — seltsam l — und ehedem — es scheint, er hat eine doppelte Wandlung durchgemacht — ob man ihm nicht wieder auf die Beine helfen könnte?" Es war ein seltsames Lächeln, das die schmalen Lippen des dürren, granbärtigen Mannes umspielte. „Geld muß er haben, das unterliegt keinem Zweifel." Mehrere Tage waren vergangen, die beiden Männer kamen fast täglich zusammen, entweder trafen sie sich am Meercsufer, oder Jachini suchte Sabbatai in seiner Wohnung auf, Beide schienen aneinander Gefallen zu finden. Eines Tages befanden sich beide wiederum auf ihrem gewöhnlichen Wege zum Bosborus, als Jachini die Bemerkung machte, daß er sein Augenglas vergessen habe. „Da muß ich umkehren und nach Hause gehen," sagte er, „denn ohne Brille bin ich kein Mensch. Du wirft mich entschuldigen, Sabbatai, aber ich muß Dich verlassen; ich kehre jedoch sofort zurück, wo werde ich Dich treffen?" „Ich begleite Dich", sagte Sabbatai. „Um so besser," entgegnete Jachini, „so bleiben wir zusammen."

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