Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 51 (29.6.1891)
- Date
- 1891-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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952 Beschäftigung bleiben und gezwungen sind, durch die ihnen verabreichten Gaben ein müßiges und kümmerliches Dasein zu führen. Bei diesem Unternehmen ist vor Allem ein richtiges Verständniß und ein warmes Mitgefühl für die Leiden der armen Vertriebenen erforderlich. Andererseits aber muß doch dringend davor gewarnt werden, daß die leitenden Mitglieder des ComitS's sich bei ihren Handlungen nicht allein von ihrem Mitleid leiten, sondern auch den kühlen Verstand walten lassen. Bei der kollossalen Masse von Menschen, welche zu versorgen sind, mutz überall die grötzte Oekonomie walten und darf den Leuten zunächst nur das unbedingt Nothwendige geboten werden. Die Angesiedelten müssen kräftige aber einfache Nahrung erhalten und zur Arbeit angehalten werden. Während es in zivilisirten Ländern rathsam ist, die Arbeiterkolonien möglichst klein anzulegen, würde ich Vorschlägen, in halb zivilisirten Ländern, wie z. B. Türkei, Bulgarien u. s. w. die Kolonien möglichst groß anzulegen, um der benachbarten Bevölkerung Respect einzuflößen und Conflicte mit Anders-Gläubigen zu vermeiden. Zu gleicher Zeit müßte von allen Seiten alles mögliche aufgeboten werden, um von der russischen Regierung bez. von dem Clären die Genehmigung zu erwirken, daß die Juden allmählich Rußland verlassen und nicht plötzlich gezwungen werden, sofort auszuwandern. Außer diesem wäre, gestützt auf die Erfahrungen der Vertreter des Herrn Baron von Hirsch und anderer, eine Kolonisation in Argentinien und anderen südamerikanischen Staaten anzustreben. Es ist unbedingt erforderlich, bei der Kolonisation die sämmtlichen Länder der Erde in's Auge zu fassen. Ein ganz besonderes Augenmerk verdienen die Hülflosesten der Hülflosen. Kinder, welche elternlos sind und deren Ernährung und Erziehung den Eltern zu schwer fällt, sollten in eigens zu diesem Zwecke zu errichtenden Waisenhäusern in verschiedenen Ländern untergebracht werden. Um rasch beginnen zu können, sollte man möglichst in solchen Gegenden, wo der Unterhalt der Kinder recht billig ist, Landcomplexe mit Gebäuden Preiswerth zu erwerben suchen. Diese Gebäude müßten sofort behufs Unterbringung der Kinder zweckentsprechend umgebaut resp. durch möglichst einfache Baulichkeiten ergänzt werden. Außer Religionsunterricht sollten diese Kinder den Unterricht einer gewöhnlichen Dorfschule genießen, dahingegen aber angehalten werden, je nach ihren Körperkrästen im Hause sowohl wie in Gärten und auf dem Lande zu arbeiten und sich in jeder Weise nützlich zu machen. Der größte Theil der Lebensmittel müßte selbst gezogen und viele Gebrauchsartikel sowie mancherlei Gegen stände, wie Flechtartikel rc. zum Verkauf angesertigt werden. Ernährung und Kleidung der Kinder müßte die denkbar einfachste sein. Auf diese Weise würde man mit verhältnißmäßig geringen Mitteln eine große Anzahl dieser unglücklichen Kinder zu kräftigen und nützlichen Menschen erziehen. Leider ist bei Errichtung unserer Waisenhäuser in den verschiedenen Ländern bislang häufig der Fehler begangen, die Gebäude zu elegant herzustellen und den Kindern eine ^kostspielige Erziehung zu geben. Dies sind die rohen Umrisse; die detaillirteren Pläne wür^ man "st durch gemeinsame Berathungen feststellen konnm. Em ist es nöihig, ohne Zeitverlust und energisch ans Wer' ^hen. Zeitrrngsnachrichterr und Correfpoudenzeu. Deutschland. Berlin, 23. Juni. Wie die „Kreuzztg." aus Moskau erfährt, ist eine Verordnung ausgearbeitet und harrt der Veröffentlichung, nach welcher die Militärvergüustigungen (verkürzte Dienstzeit u. dgl.) fortan nur an solche verliehen werden sollen, welche ohne Unterschied ihres Glaubens die Prüfung in der orthodoxen Religion bestanden haben. Da, um diese Prüfung zu bestehen, ein Religionsunterricht vorhergehen muß, der natürlich nur von den Popen ertheilt werden kann, so würde die ganze Maßregel auf eine offene Proselytenmacherei hinauslanfen. Berlin. Von dem deutschen CentralcomUe für die russischen Juden erhalten wir folgende Mittheilung: Nachdem es dem geschäftsführenden Ausschuß des deutschen Eentralkomites für die russischen Juden gelungen ist, von ihm reffortirende Sichtungs-Comitvs an den Grenzstationen zu organisiren, hat das Berlin-Charlottenburger Lokalcomitö auf Veranlassung des geschästssührenden Ausschusses des deutschen Centralkomito's beschlossen, seine Thätigkeit am Dienstag, den 23. d. Mts. Abends, einzuftellen. Die Grenzkomitö's übernehmen nunmehr die gesammte Weiterbeförderung nach geschehener Prüfung der persönlichen Verhältnisse eines jeden Auswanderers gemäß der mit dem Centralcomito gemeinsam festgestellten Normen. Stuttgart, 19. Juni. Ihrem schönen Aufrufe für unsere hart bedrückten Brüder in Rußland ist es zu danken, daß sich hier Männer aller Confessionen vereinigten, den Unglücklichen nach Kräften Hilfe zu leisten. Fünfundzwanzig der angesehensten hiesigen Bürger, worunter nur fünf Israeliten, erließen in hiesigen Blättern einen Aufruf, worin es u. A. heißt, daß gegenüber solcher Noth alle Vorurtheile schweigen und andere Erwägungen vor dem menschlichen Mitgefühl und Erbarmen zurücktreten müssen. Herr F. Kahn dahier hat schon ca. M. 300» gesammelt und an Herrn Dr. Nülf nach Memel geschickt. Eppeudorf. Das hiesige „Wochenblatt" schreibt: In letzter Zeit haben sich wieder zahlreiche russische Israeliten, welche hier seit Jahren ansässig sind, an die zuständigen Behörden mit der Bitte um Aufnahme in den deutschen Unterthancnverband gewandt. Da die Naturalisation solcher Ausländer mit Rücksicht auf die Wünsche der russischen Staatsregierung und aus anderen Gründen prinzipiell unthunlich ist, so sind in allen Fällen ablehnende Bescheide erfolgt. Andere Bittsteller haben sich, wie hiesige Blätter melden, trotzdem durch Immediatgesuche an den Kaiser gewandt, augenscheinlich in dem Glauben, derselbe werde hin-