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Der Israelit · 1891-06-29 · Heft 51 (29.6.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 51 (29.6.1891)
Date
1891-06-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXII. Jahrgang. Beilage?u m 51 des „Israelit *, Iefchurun" Leitender Artikel. Ktlizre» für illis an unseren niiMllchkil rusfislhen Krüdern?u übende Ktebeswerd. Von Moritz Simon, Consul der Ver. Staaten Nordamerikas. Hannover, im Juni. Die brennendste Frage nicht nur für jeden Juden, sondern auch für jeden Philantropen ist augenblicklich die, wie man die in rücksichtslosester Weise aus ihrer Hennath vertriebenen russischen Juden vor Hunger und Verderben schützt und ihnen ein menschenwürdiges Dasein verschafft. Herr Baron v.Hirsch, H err Bar o n v. Rothschild und andere reiche, wohlthätige Glaubensgenossen haben seit längerer Zeit Vorbereitungen getroffen, um allmählich die russischen Juden aus Rußland herauszuführen und sie durch Kolonisation in Palästina, Südamerika (Argentinien) vor ferneren Verfolgungen zu schützen. Leider sind die letzten Ausweisungen so plötzlich gekommen, daß die Ausführung der geplanten allmählichen Kolonisation dieser zahlreichen, über Nacht obdachlos Gewordenen schwerlich bewerkstelligt werden kann. Jetzt heißt es, dieselben möglichst rasch, so gut es eben geht, unterzubringen. England, Amerika, bislang vorwiegend die Reiseziele der armen Unglücklichen, sind nicht geneigt, dieselben ferner in größeren Massen aufzunehmen. ES ist unserer Ansicht nach absolut uöthig, daß in diesem Augenblick sämmtliche Juden Europas und vielleicht auch andersgläubige Philantropen, wie Mr. Oliphant, sich vereinigen, um möglichst rasch und nachhaltig diesen Vertriebenen zu helfen. Um die Frage sofort in Erwägung zu ziehen, wie dieses Riesenwerk anzufassen ist, wie die Geldmittel zu beschaffen sind u. s. w., müßten sämmtliche große jüdische Gemeinden Europas Delegirte wählen, die sich in kürzester Zeit in einem möglichst günstig gelegenen Platz, z. B. Brüssel, Köln oder Wien, zu versammeln hätten. Diese müßten alsdann ein europäisches Comitö bilden, versehen mit Filialen in den Hauptlätzen der verschiedenen Ländern. Bei dem allgemeinen Mitgefühl, von dem augenblicklich alle Juden und Zchilan-- tropischen Nichtjuden für die Sache beseelt sind, wurde es nicht schwer fallen, große Geldmittel zusammen zu bringen, namentlich, wenn man darauf Hinweisen kann, daß nach einem bestimmten Plan vorgegangen wird. Ich würde zur Zeit Vorschlägen, die von dem Sultan in hochherziger Weise angebotene Gastfreundschaft anzunehmen und die Vertriebenen aus Süd- und Ostrußland in Palästina, Kleinasien und anderen Theilen der Türkei anzusiedeln. Bevor dieses jedoch geschieht, müßte ein aus zuverlässigen Glaubensgenossen, sowie tüchtigen Fachmännern wie Geologen, Landwirthen rc. zu bildendes Comitö vorangehen, um die passendsten Gegenden der Türkei auszuwählen. Es müßte besonders Gewicht darauf gelegt werden, mit den türkischen Behörden bündige Verträge abzuschließen, damit unsere Glaubensgenossen nicht Gefahr laufen, später von den niederen türkischen Beamten bedrückt zu werden. Außerdem halte ich es für rat^sam, bei den Regierungen von verschiedenen europäischen Ländern die Genehmigung nachzusuchen, Arbeiterkolonien fern von großen Städten errichten zu dürfen und in denselben in größererIoder kleinerer Anzahl Vertriebene unterzubringen, und zwar müßte man den betreffenden Regierungen gegenüber die Garantie übernehmen, daß die Neuangesiedelten dem Lande in keiner Weise zur Last fallen würden. Zunächst müßte man also Bedacht daraus nehmen, unter der Leitung tüchtiger Fachmänner — gleichviel welchen Glaubens— im Verein mit einigen jüdischen Comitb-Mitgliedern Arbeiterkolonien ähnlich den in Deutschland schon bestehenden, z. B. in Kästorf, Wilhelmsdorf, in den verschiedenen Ländern zu gründen. Die Insassen wären möglichst nutzbringend zu beschäftigen und zu gleicher Zeit könnten die Kinder von vornherein zu Landwirthen, Handwerkern rc. erzogen werden. Sobald derartige Arbeiterkolonien erst bestehen, wird es nicht schwer halten, von der Regierung die Genehmigung zu erhalten, daß die Kolonisten die jüdischen Festtage feiern und an den anderen Festtagen ihrer Beschäftigung nachgehen. Letzteres vorausgesetzt, daß sie dadurch ihre christlichen Nachbarn nicht stören. In erster Linie habe ich bei Errichtung derartiger Arbeiterkolonien England ins Auge gefaßt. Der englische Adel, der sich zu jeder Zeit in hochherziger Weise an die Spitze aller philantropischen Bewegungen gestellt hat und dessen angesehenste Mitglieder, wie z. B. der Herzog von Westminster u. A., auch in der Judenfrage energisch für die Bedrückten Partei ergriffen haben, wird zweifellos den Bestrebungen des ComitbS seine Förderung angedeihen lassen. Durch die Nothlage der Landwirthschaft in England, welche hervorgerufen ist durch den niedrigen Preis für Getreide in überseeischen Ländern und höhere Arbeitslöhne im eigenen Lande, sind im Lause der letzten Jahre verschiedene englische Großgrundbesitzer gezwungen worden, größere Landstriche dem Ackerbau zu entziehen und in anderer Weise, z. B. als Wiesen und Weideland nutzbar zu machen. ES würde nun meiner Ansicht nach nicht schwer fallen, von dem einen oder anderen dieser Herren einen Theil solchen, zu Acker- und Gartenbau geeigneten Landes gegen eine mäßige Rente auf eine Reihe von Jahren in Pacht zu bekommen, falls es nicht gelingen sollte, größere Complexe, die in Bezug auf Bodenbeschaffenheit durchaus nicht zu den besten zu gehören brauchen, zu einem mäßigen Preise käufiich zu erwerben. Auf diesen Territorien müßten, wie schon oben gesagt, die Familien, Männer, Frauen und Kinder, je nach ihren Kräfren unter Leitung von Fachmännern theilS beim Acker- und Gartenbau, theils als Handwerker, theilS mit Korbflechten und sonstigen leichten Arbeiten beschäftigt werden. Auf diese Weise würde es möglich sein, die unglücklichen Leute billiger zu erhalten und namentlich die Kinder zu brauchbaren^ tüchtigen Menschen zu erziehen und sie vor bösen Einflüssen zu bewahren. Sobald sich später Gelegenheit bietet, die Leute in überseeischen Ländern anzustedeln, wird man diejenigen, die sich als brauchbar erwiesen haben, daselbst unterbringen und erreicht damit den doppelten Vortheil, daß man erstens in die überseeischen Länder nur geschulte, brauchbare Menschen schickt und zweitens, daß man diese Leute in der Zwischenzeit billiger und in moralischer Beziehung besser untergebracht hat, als wenn man ihnen gestattet, in die großen Städte zu ziehen, wo sie leicht aus Noth der Versuchung anheimfallen und so sich selbst und ihren Glaubensgenossen Schande machen können. Menschen, welche urplötzlich aus einer geregelten Beschäftigung herausgerissen und ihrer Habe beraubt sind und noch von den Schrecken der an ihnen verübten Grausamkeiten zittern, müsse unmoralisch sinken^ wenn sieLlange^ZeitIohne

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