Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 51 (29.6.1891)
- Date
- 1891-06-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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953 sichtlich dieser Ablehnungen korrigirend eingreifen. Nach Lage der Sache erfolgte nach wie vor ein ablehnender Bescheid. Oeftcrr.-Ungar. Monarchie. Wien, 20. Juni. Der Wiener antisemitische Gewerbe-Genossenschaftstag wurde wegen Ueberschreitung seiner Statuten durch Entwickelung politischer Thätigkeit behördlicherseits aufgelöst. Wien, 23. Juni. Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Budget-Debatte fort. Der JungczecheVaschaty verlangte, daß Minister Prazak, der für Böhmen nichts geleistet habe, zurücktrete. Böhmen werde auch ohne Oesterreich existiren. Abgeordneter Kaiser (deutschnat.) meinte, die Liberalen wollten zur Herrschaft gelangen, damit die Juden nicht, gleich wie aus Rußland, aus Oesterreich vertrieben werden. (Stürmischer Beifall bei den Antisemiten.) Abg. Wrabetz: So tief wird Oesterreich niemals sinken! (Lärm bet den Antisemiten.) Während einer folgenden Rede des Antisemiten Schneider verließ die Linke demonstrativ den Saal. Wien, 24. Juni. Mit einer markigen Abfertigung wandte sich Graf Coronini heute im Reichsrath gegen die gestrige Brandrede des Mechanikers Schneider; über den Antisemitismus und seine volksverhetzenden Tendenzen ist nicht leicht in so entschiedener Weise und in so vornehmer Form der Stab gebrochen worden, wie Graf Coronin es that. Er sagte: „Die erhabenen Wahlsprüche unserer Monarchen sind uns Allen unvergeßlich, unter anderen auch jener, der — obwol schon älter als vier Jahrhunderte — doch in unseren Herzen eingegraben ist: Austria erit in orbe ultima. (Lebhafter Beifall.) Insbesondere unangenehm hat mich jene Rede berührt, welche wir am Schlüsse der gestrigen Sitzung gehört haben. An dieser Rede kann ich nicht vorübergehen, weil ich vermöge meiner persönlichen Verhältnisse, die ich mir keineswegs zum Verdienste anrechne, in der Lage bin, über die Tendenzen, von wkichen diese Rede erfüllt war, ein unbefangenes Nrtheil abzugeben. Ich selbst» jeder Zoll ein Arier, als Officier gewohnt, an dasjenige, was erlaubt oder unerlaubt, was ehrenhaft oder unehrenhaft ist, den allerstrengsten Maßstab zu legen (Sehr gut! links), ich selbst in gar keiner Verbindung mit den Leitungen von Geldinstituten oder von auf Erwerb gerichteten Unternehmungen, von der Wiener Presse, wie mir das Haus das Zeugniß geben wird, keineswegs verwöhnt — da werden mir die Herren zugeben müssen, daß das Urtheil, welches ich jetzt mit kurzen Worten aussprechen werde, gewiß ein unbefangenes ist, daß dessen Aufrichtigkeit nicht im Mindesten in Zweifel gezogen werden kann — als getreuer Anhänger unserer Verfassung, welche allen Religions-Genossenschaften, allen Volksstämmen in der Monarchie die vollste Gleichberechtigung gewährt, als treuer Sohn Oesterreichs, welches ich mir nicht anders denken kann, wie nur als Hort und Heimstätte der weitgehendsten Toleranz (Beifall links), und schließlich vor Allem als guter Chri ', zu dessen vornehmsten Geboten das gehört, welches lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Beifall links), muß ich die Tendenzen, von welchen die Rede erfüllt war, auf das entschiedenste bedauern und verdammen. (Lebhafter Beifall links.) Rußland. In Odessa ist in diesen Tagen, auf der Rückreise von Palästina, ein gewisser Herr Mase, der Bevollmächtigte der Moskauer jüdischen Gemeinde, eingetroffen,welcher für die russisch-jüdischen Emigranten am rechten Ufer des Jordan Land angekauft hat. Auch der Bevollmächtigte des Baron Hirsch, Herr Arnold White, der bekannte Forscher über die Kolonisation in Afrika, ist augenblicklich in Odessa. Er hat von Baron Hirsch den Auftrag erhalten, die Emigration der russischen Juden nach Südamerika zu organisiren und deren Kolonisation in Argentinien zu regeln. Herr White hat dem Stadtgouverneur, Kontre-Admiral Seljonoi, und dem Stadthaupt, Herrn Marasli, seine Aufwartung gemacht. Hierauf besuchte er die jüdische Handwerkerschule „Trud" und das jüdische Waisenhaus, wie auch einige hervorragende Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Auf einem österreichischen Dampfer sind kürzlich zwei Bevollmächtigte der jüdischen Gemeinde der Stadt Poltawa nach Jaffa gereist, um daselbst Land für die russischen Juden anzukaufen. Dieselben haben hierzu von 72 Familien die Vollmacht erhalten. > Äermrschtes. Berlin, 22. Juni. Man wird den Berlinern nicht in Verdacht halten, daß die Vergnügungssucht ihn in der heißen Jahreszeit des Abends und des Mittags in die Concertsäle treibt. Von den 3000 Menschen, die am Sonntag Mittag den Concertsaal in der Leipzigerstraße füllten, wäre wohl die größere Hälfte in die freie Gottesnatur hinausgezogen, wenn nicht das Verlangen, den von der Tyrannei Verfolgten Sympathie auszudrücken, sie veranlaßt hatte, dem von dem Verbände ehemaliger Schüler der Religionsschule der „Adatz- Jisroöl" veranstalteten Matinee beizuwohnen. Auf 12 Uhr war der Beginn des Festes angesetzt, doch schon lange vor der festgesetzten Stunde waren der Hauptsaal und die Rundgällge überfüllt. Genüsse edelster Art wurden dem andächtig lauschenden Publikum geboten. Den Reigen der Deklamationen begann der königliche Hofschauspieler Herr Maximilian Ludwig, der den von Arnold PerlS verfaßten Prolog mit einer tiefinnigen Empfindung vor' trug, die alle mächtig ergriff. Ernst und Scherz wechselten ab, Alles war bestrebt, der guten Sache mit dem Schönsten und Besten zu dienen. Die konigl. Hofschauspielerin, Frl.Margarethe Kramm, Herr Friedrich Mitterwurzer und Herr Ludwig Stahl vom Berliner Theater, Herr Richard Alexander vom Wallner-Theater und andere Capacitäten der Kunst spendeten ihre Gaben für den Altar der Menschenliebe. Zum Beschluß des ganzen Concerts spendete die Gesangsabtheilung des Verbandes ehemaliger Schüler und Schülerinnen der Religionsschule der „Adaß Jisroel" unter Direction des Herrn H. B raun den Ehor beim Einzug der Gäste auf der Wartburg aus Wagner'« „Tannhäuser", dessen Ausführung einen höchst würdigen Abschluß der in allen ihren Theilen sehr gelungenen Beranstaltungen bildete. Die Versammlung lohnte das schone Werk mit ihrem einmüthigen Beifall, und allseitig wurde den geschäftssührenden Mitgliedern des Comitas, den Herren vr.meä. Weyl, Bukofzer, Mann, Seckelsohn, Struck, Braun, Levy und J oachim die wohlverdiente Anerkennung ausgedrückt.