Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 51 (29.6.1891)
- Date
- 1891-06-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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950 den Kopf gegen die Brust gesenkt, sog er in tiefen Athemzügen die erfrischende Seeluft ein; doch schien er keine Ahnung zu haben von der wunderbaren Schönheit des Abends, denn er wandte keinen Blick empor zum azurblauen Himmel, an dem der Vollmond bereits aufgegangen war, und wandte keinen Blick auf die unablässig heranrauschenden Wellen, in deren glitzernden Schaum die Mondesstrahlen sich brachen. Sein Blick war nach Innen gekehrt. Unablässig richtete er an sich die Frage, war er der von Gott verheißene Messias? — oder war er es nicht? Alle die Jahre hindurch hatte er an sich geglaubt, alle die Jahre hindurch hatte er sich so stolz gefühlt, so über alle Welt erhaben — und war so glücklich gewesen in diesem Gefühl. Und nun mit einemmal war ihm der Zweifel gekommen. Woher? Daß seine Mutter nicht an ihn geglaubt hatte, das hatte er längst gewußt — wohl hatte es ihn verdrossen, doch gekümmert hatte es ihn nie, hatte ihn nie wankend gemacht in dem Glauben an sich selbst. — Und mm — dieses winzige Papier, diese halbverlöschten Schriftzeichen, die konnten seinen Zweifel erregen? Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und seufzte laut, und unwillkürlich richtete er den Blick zum Himmel. Dort war soeben der erste Stern sichtbar geworden; ein schöner, großer, heller Stern. „Mein Stern," murmelte Sabbatai in sich hinein, „doch meine Zeit ist noch nicht gekommen." „Ob sie kommen wird?" Da vernahm er plötzlich in unmittelbarer Nähe seinen Namen nennen. Hastig wandte er sich um. „Friede sei mit Dir, Sabbatai Zewi!" Er haite die Stimme sofort erkannt, hatte er sie doch vernommen in der freudevollsten Stunde seines Lebens, als er wonnetrunken die erste Huldigung entgegengenommen. „Mit Dir sei Friede, Abraham Jachini!" erwiederte er, indem er die dargebotene Hand des andern herzlich drückte. Einige Augenblicke standen beide Männer schweigend einander gegenüber, alls wollte ein Jeder bei dem hellen Scheine des Vollmonds in des Andern Angesicht lesen, was dessen Seele bewege. „Du bist schon längere Zeit hier in der Reichshauptstadt?" fragte Jachini endlich. „Seit mehr als dritthalb Jahren," entgegnete Sabbatai, „seit die Rabbinen meiner Vaterstadt den Bann über mich ausgesprochen haben." „Den Bann haben sie über Dich verhängt?" rief Jachini, die Hände zusammenschlagend, „den Bann verhängt über den Gesalbten des Herrn?" Sabbatai athmete tief auf, als wäre ihm eine Zentnerlast von der Brust genommen, diese Anerkennung that ihm wohl, überaus wohl. ,Eben deßhalb", — erwiederte er, den Blick dem Mond zuwendend. „Verstehe, verstehe," fiel Jachini lebhaft ein, „die alten, auf Amt und Würde stolzen Rabbinen verweigern dem Messias die Anerkennung, weil sie wohl voraussehen, daß unter der Herrschaft des Messias ihre Zeit zu Ende ist." Sabbatai zuckte die Achseln. „Sie haben den Bann über mich verhängt, haben mir sogar mit dem Tode drohen lassen, falls ich fortfahren würde, Jünglinge zu belehren." „Die Verruchten!" rief Jachini, drohend die Hände ballend. Sabbatai erwiederte nichts, wiederum blickte er hinauf zum Himmel, der sich mehr und mehr mit Sternen bedeckte und schweigend schritten die beiden Männer mehrere Minuten nebeneinander einher. (Fortsetzung folgt.) .SfcwOt* uitfc „Jeschurun' erscheint wöchentlich zweimal, MaatagS und Doaaerftagd, jede»««! in mindesten» 8 Drei» de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'» 1« Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch der» Buchhandel )» beziehen hei E» F. Kiriuarber, Leipzig« Doßpiah 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder der« Kam». — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Direkte Francozusendung unter «reisband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterroich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für'» Ausland 1« Reichs-Mark, »» die Expedttto« fr«« wnpchnde«. Inhalt (Hauptblatt): Installation des Chief Rabbis. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Frankfurt a. M. Solingen. Beuthen. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Aus Ungarn. Mako. — Frankreich: Paris. — — Schweiz: Basel. — Rußland: Petersburg. — Rumänien: Bukarest. — Griechenland: Athen. — Vermischtes. — Feuilleton: Sabbatai Zewi. Historische Erzählung von Ernst Schwarz (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Skizze für das an unseren unglücklichen russischen Brüdern zu übende Liebeswerk. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Stuttgart Eppendorf. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Rußland: Odessa. — Vermischtes. Verantwortliche Redaktion: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition deS „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Berlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.