Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 51 (29.6.1891)
- Date
- 1891-06-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448169--32347-2480188- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
949 ^4ltiU4i4!t. abbatat Hewi. i st o r i s ch e Erzählung von Vvnst Schwan?. (Fortsetzung.) Als Sabbatai Kunde erhielt von dem Ableben seiner Mutter, zerriß er nicht seine Kleider und saß auch nicht trauernd sieben Tage auf der Erde. Dergleichen Kundgebungen der Trauer zieme dem Gesalbten Gottes nicht, erklärte er seinen Vertrauten. Er hatte sich zwar, dem Rathe seines Vaters entsprechend, in der Hauptstadt des türkischen Reiches vollständig ruhig verhalten, hatte sich zu keiner Demonstration verleiten lassen, trotzdem hatte er wiederum einige Anhänger um sich versammelt, mit denen er unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, von seiner messianischen Sendung zu sprechen Pflegte. Als er jedoch, wenige Tage nachdem er durch ein Schreiben seines Vaters von dem Hintritt seiner Mutter Nachricht erhalten hatte, von seinem Bruder ein Schreiben empfing, dem das Blatt Papier, auf dem seine sterbende Mutter an ihn geschrieben hatte, beigeschlossen war als er sie las, jene zitternden Züge, das letzte Lebenszeichen derjenigen, die ihn so unendlich geliebt, die ihm so unendlich viel Gutes erwiesen — deren letzte Sorge, deren letzte Kraftanstrengung ihm gegolten, seinem wahren Wohl, seinem ewigen Heil — da entstürzten Thränen seinen Augen, und banger Zweifel an sich selbst erfüllte seine Brust. Hätte sein Vater ihn so gesehen, er hätte seinem ältesten Sohne gezürnt, daß er dem jüngern diesen Schmerz bereitet. Der Vater selbst, trotz seines tiefen, verzweiflungsvoüen Kummers um den Verlust seiner sanften Frau, war nicht willens gewesen, ihr letztes Vermächtniß dem fernen Sohne zukommen zu lassen. Doch ihre älteren Söhne, mit deren Hilfe die Sterbende ihren letzten Wunsch, ihre letzte Bitte dem Papier übergeben hatte, hielten sich verpflichtet, dasselbe ihrem Bruder zu senden, und ohne den Vater davon in Kenntniß zu setzen, hatten sie es Sabbatai zugefandt. Er weinte heftig und lange und zürnte sich selbst, daß er seiner Thränen nicht Herr zu werden vermochte; aber er schloß die Thüre, daß ihn keiner in seinen Thränen überraschen konnte, denn er schämte sich seiner Schwäche. — Seltsam, kalt und ruhig war er geblieben, als fein Vater ihm mitgetheilt hatte, daß das reinste, treueste Herz aufgehört hatte zu schlagen. — Er war im Groll von der Mutter geschieden, er hatte ihre steten Bitten und Mahnungen nie beachtet und nie beantwortet. Die Nachricht von ihrem Tode hatte ihn weder überrascht, noch erschüttert — und dieses kleine, zerknitterte Papier mit den wenigen, kaum leserlichen Schriftzeichen hatte ihn dermaßen außer Fassung bringen können. Ihm war, als sähe er die hochgewachsene, stattliche Frau, deren Züge er trug, wie sie verlangend die Arme ausftrcckt nach dem fernen Sohne, wie ihre bleichen Lippen seinen Namen lallten. — „Sabbatai, laß' ab! laß' ab!" schluchzte er händeringend, und ohne sich vollständig klar zu sein, was er that, zerriß er sein Obergewand und setzte sich auf den Fußboden. Und so saß er sieben Tage. — Keinen ließ er zu sich, öffnete die Thüre nur, um die Speisen entgegenzunehmen, die ihm gebracht wurden, dann schloß er sie sofort wieder und schob den Nachriegel vor. Als die Trauerwoche vorüber war, ging er wieder aus, aber er mied den Verkehr mit seinen vertrautesten Freunden. Und wenn sie zu ihm kamen, so sprach er wenig und ließ sich auch durch ihre Bitten nicht bereit finden, sie an seinen Studien theilnchmen zu lassen. Er selbst aber studirte fort und fort. Doch eigenthümlich war's, während er bisher auf jeder Seite, die er durchforscht, eine Bestätigung seiner messianischen Sendung gefunden hatte, jetzt durchforschte er alle Seiten des Sohar und der anderen kabbalistischen Werke, und fand nirgends auch nur eine Andeutung, die er hätte auf sich beziehen können. — Freilich, hin und wieder wollte es ihn wohl dünken, als wollte die eine oder die andere Stelle auf ihn Hinweisen — doch bei näherer Erwägung mußte er immer wieder zweifeln. — Und wenn er nicht zweifelte, dann war es ihm immer, als hörte er die Stimme seiner Mutter: „Sabbatai, laß' ab! laß' ab!" Er litt ernstlich, die Farbe schwand von seinen Wangen, das Feuer aus seinen Augen. Tag und Nacht forschte er in kabbalistischen Schriften, aber er that es mehr aus Gewohnheit, das Forschen an und für sich hatte den Reiz für ihn verloren. Es war gegen Abend. Der Tag war drückend heiß und schwül gewesen, doch jetzt hatte sich ein Luftzug erhoben, vom Meere her wehte es erfrischend und brachte Kühlung auch in die schmutzigen Straßen der Hauptstadt. Am Ufer des Bosborus lustwandelte ein einsamer Spaziergänger. Langsam schritt er einher;