Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1891)
- Date
- 1891-06-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448167--32307-2480146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
- İzmir 1× ep/1047963
OCR text
XXXII. Jahrgang. Brilllge M M 49 in» „Israeli! & Ieschurim" Leitender Artikel. Dr. Dalman über das Blutmärchen. Der I^ie., Herr Dr. G. H. Dal man in Leipzig, einer der wenigen christlich-germanischen Gelehrten, die sich berufsmäßig mit dem Studium der jüdischen Literatur und Geschichte befassen, veröffentlicht im „Berl. Tagt." im Interesse des Rechts und der Wahrheit folgende Erklärung: „Meine Kenntniß der jüdischen Religion, sowohl in ihrer talmudischen, als ihrer mittelalterlichen und modernen Form, hatte mir längst schon außer Zweifel gestellt, daß die jüdische Religion als solche einen rituellen Mord nicht kenne, sondern in jeder Weife perhorrescire. Doch schien es mir möglich, daß ebenso, wie innerhalb der christlichen Kirche Sekten aufgetreten sind, welche sittliche Vergehen mit religiöser Glorie umgaben, auch im Judenthum eine im Geheimen wuchernde Sekte existiren könne, welche aus abergläubischen, von der jüdischen Religion nicht gelehrten Motiven die Gewinnung und den Genuß von Christenblut oder überhaupt die Tödtung von Christen empfehle. Ich las zunächst die Schriften von Justus, Rohling, Ecker, Victor, Fritsch, welche eine derartige Geheimlehre „enthüllen". Hier zeigt schon eine oberflächliche Lektüre dem Fachmann, daß grobe Unwissenheit und seltene Frechheit sich in diesen Schriften mit dem Mantel der Sach- und Fachkenntniß schmücken. Nichts macht die Oberflächlichkeit und die Leichtfertigkeit der antisemitischen Schriftsteller so sonnenklar, wie die Weise, in welcher sie aus halb oder gar nicht verstandenen oder auch ganz erfundenen Citaten „Lehren des Judenthums" fabriziren, um dann derartige Fabrikate, wenn sie auch längst in ihrer Erbärmlichkeit von Sachverständigen erkannt worden waren, immer aufs Neue als Resultate tiefdringender Forschung in die Welt zu rufen. Trotz alledem meinte ich, was die Herren Rohling und Justus zwar nicht erwiesen hatten, könne vielleicht doch wahr sein, und setzte es mir zur Aufgabe, neue und stichhaltigere Beweise dafür zu suchen. „Ans den entlegensten Winkeln der jüdischen Literatur verschaffte ich mir Schriftwerke der verschiedensten Art, Gesetzbücher, Ritualien, Schriftauslegungen, Darstellungen mystischer Systeme. Ich war nicht zufrieden mit Ausgaben, welche unter den Augen christlicher Obrigkeiten und Censurbehörden gedruckt wurden, sondern erwarb, ohne Kosten zu scheuen, noch vor der Einrichtung einer päpstlichen Censur für jüdische Bücher bald nach der Erfindung der Buchdruckerkunst erschienene Exemplare. Die Stellen, welche das Santo Officio der Inquisition durch ihre schwarzen Stempel getilgt hatte, suchte ich zu entziffern. Ich kaufte neue und alte in nichtchristlichen Ländern gedruckte Werke, wie sie die jüdischen Offizinen von Konstantinopel und Salonichi, von Jerusalem und Smyrna geliefert haben. Ich schrieb nach Marokko und Algier, nach Tunis und Bagdad, um die Literatur in die Hände zu bekommen, welche dort unter den Juden circulirt. Um mit der jüdischen „Geheimlehre" der Kabbala, in welcher die orientalischen Koryphäen der Antisemiten die Blutlehre entdeckt haben wollen, vertraut zu werden, ließ ich mich von einem greisen jüdischen Kabbalisten, dem Schwiegersohn eines rumänischen Wunderrabbts, d. h. eines der kabbalistischen Heiligen, in die den jüdischen Gelehrten Deutschlands meist völlig unbekannte kabbalistische Literatur einführen. Planmäßig habe ich überall gerade die Stellen durchforscht, wo am ehesten Christenthumsfeindschaft und Aberglaube die Lehre vom rituellen Morde zu Tage gefördert haben könnten. Es wäre mir fast eine Befriedigung gewesen, wenn ich irgendwo etwas derartiges entdeckt hätte. Aber ich habe nichts gefunden. Was Andere in alter und neuer Zeit zum Beweise der Irrlehre angeführt haben, ist nichtig. In der jüdischen Literatur ist ein Beweis für ihre Existenz nicht zu entdecken. „Ich zweifle nicht, daß die Antisemiten, weil sie gar nicht in der Lage sind, eine derartige Untersuchung führen oder auch nur beurtheilen zu können, dies nie einsehen werden, daß sie nie gestehen werden, daß sie von Urtheilsunfähigen dupirt wurden, daß sie auch fern:r ihren blinden Leitern blindlings folgen werden. Sie werden sich darauf berufen, daß die Thatsächlichkeit ritueller Morde aktenmäßig und durch richterliche Erkenntniffe feststehe. Ich setze einmal den Fall, daß bei allen mit mehr oder weniger Sicherheit von der Geschichte überlieferten Blutprozessen wirklich ein Christ von einem Juden ermordet worden wäre. Aber daraus würde doch immer noch nicht das Vorhandensein einer Lehre vom rituellen Morde folgen, so wenig das Christenthum eine Blutlehre hat, wenn auch viele Christen — was die Antisemiten immer so sehr erklärlich finden — Juden gemordet haben. Nun soll gerade die rituelle Verwendung des Blutes ermordeter Christen durch richterliches Erkenntniß und eigenes Geständniß der Angeklagten feststehen. Aber es gibt kein einziges nicht durch die Folter erpreßtes Geständniß dieser Art. Ich zweifle nicht, daß auf demselben Wege noch heute solche Geständniffe zu gewinnen