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Der Israelit · 1891-06-22 · Heft 49 (22.6.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 49 (22.6.1891)
Date
1891-06-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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912 wären. Steht es denn fest, daß jene Frauen des Mittelalters wirklich in dem Verkehr mit dem Teufel standen, von welchem die Juristen jener Zeit auf Grund von thatsächltchen Geständnissen ein ganzes System entwickelten? Sind sie wirklich mit dem Satan durch die Luft nach dem Blocksberge geflogen? Haben Hostien, die man durchstach, wirklich Blutstrahlen ausgespritzt? Wer die richterlichen Erkenntnisse in Bezug aus das Eine für zuverlässig hält, muß auch das Andere glauben. „Sollte jemals der Nachweis geführt werden, daß ein Jude einen Christen gemordet hat, um das Blut in abergläubiger Weise zu verwenden, jo hätte doch das mit dem Judenthum nichts zu thun, sondern es wäre das psychologisch Wahrscheinlichste, daß die Blutlüge antisemitischer Christen den entsetzlichen Gedanken in das Hirn eines Wahnsinnigen gesenkt hätte. „Ein Räthsel erscheint es, daß bei solchem Sachverhalt die Existenz der nicht exiftirenden Blutlehre doch noch von so Vielen geglaubt wird, daß so Wenige entschieden gegen sie auftreten. Zum Theil kommt dies von der allgemeinen Unwissenheit betreffs jüdischer Dinge, zum Theil aber daher, daß derjenige, welcher heutzutage die Juden gegen eine falsche Anklage vertheidigt, selbst von seinen Freunden schief angesehen, von den Antisemiten aber mit dem Schmutz einer fanatischen Polemik ohne sachliche Gegengründe beworfen wird, daß man damit zufrieden sein muß, wenn die antisemitischen Publizisten, frühere Offiziere, Techniker u. s. w., ihre Unwissenheit mit der Behauptung zudecken, sie seien über das Judenthum besser unterrichtet als einer, der sich Jahre lang mit dessen Erforschung beschäftigt hat. „Möchte endlich der Tag kommen, an welchem Wahrheit und Recht in diesem Kampfe den Sieg gewinnen, an welchem alle echten Christen etnsehen, daß es nicht angeht, denen die Hand zum Bunde zu reichen, welche mit unedlen Waffen streiten und außerdem in der Schmähung der christlichen Religion das weit übertroffen haben, was Stöcker und seine Freunde ihren Gegnern vorwerfen, während sie zu den antichristlichen Lästerungen ihrer Parteigenossen mit unbegreiflicher Beharrlichkeit schweigen. Wenn dieser Tag einst gekommen sein wird, dann wird es erst möglich sein, über die zahlreichen sittlichen, sozialen und wirthschaftlichen Mißftände unserer Zeit eine sachliche Verhandlung zu führen." Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Marburg, 18. Juni. Böckel und Stöcker scheinen keine gute Freunde zu sein. Böckel ist verzweifelt darüber, daß im „Volk" die judenfreie Märkte als eine wohlthätige Einrichtung gepriesen werden, ohne, daß ihm dabei eine Lobeshymne gesungen wird. Er schließt den Ausbruch seiner schmerzlichen Ergüsse mit folgenden schönen Worten : Nun sollte man doch meinen, dem Urheber solcher nützlicher Einrichtungen, dem Mitteldeutschen Bauernverein und seinem Vorsitzenden, Herrn Dr. Böckel, würde darin wenigstens Anerkennung zugesprochen, aber nein, dem Verfasser „von der hessischen Grenze" sind antisemitische Volkspartei, Bauernverein, Dr. Böckel unbekannte Größen, oder sollte er seine Gründe haben, sie nicht zu nennen? Ich frage detz* halb: Ist es christlich oder ehrlich deutsch gehandelt, die Verdienste einer nationalen Partei einfach todtzuschweigen? Darum Gesinnungsgenossen, soweit ihr noch das „Volk" haltet, beim bevorstehenden Vierteljahreswechsel schafftS euch vom Hals! (Den Schlußsatz unterschreiben auch wir. Red. d.J.) Rimbach, 18. Juni. Nachdem in letzter Woche im Gasthaus „Zur Krone" dahier eine durch Herrn Rentamtmann Schäfer aus Schönberg abgehaltene Grasversteigerung wegen antisemitischer Kundgebungen ausgesetzt werden mußte, fand diese am Montag abermals statt. Zur Verhütung ähnlicher Vorkommnisse blieben die Israeliten diesmal fast gänzlich fern. Dadurch wurden durchschnittlich pro Morgen 10 Mk. weniger erlöst, als bei der vorhergegangenen Versteigerung. Berlin, 17. Juni. „Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit, doch nah ist beim Unglück die Menschlichkeit! Sie tröstet mit Liebe, die nimmer vergeht, Sie spricht eine Sprache, die Jeder versteht." Diese Worte widmete der Vicepräsident des deutschen Reichstages Herr Dr. Baumbach den tief bedrängten Menschen russischer Nation, die unsere Grenzen streifen, unsere Marken durchwandern, um dem gräßlichsten Elend zu entfliehen, um an einem Winkel der Erde Rast zu finden. „Nah ist beim Unglück die Menschlichkeit", das konnte unser Auge und unser Ohr am Abend des 18. Juni wahrnehmen, an welchem das Fest zu Gunsten unserer russischen Brüder ftattfand. Bis auf den letzten Platz waren die Räume der Philharmonie lange vor Beginn ihres Concertes gefüllt und die Nachfrage nach Billets, die sich in den letzten Tagen bis zu einer ungeahnten Höhe gesteigert hatte, läßt wohl schließen, daß ein dreimal so großes Etablissement sich nicht als ausreichend erwiesen hätte. Alles wollte gern ein Scherflein zur Linderung des Unheils, das Menschenkinder über ihre Brüder gebracht, beitragen.-- Mit dem treffend gewählten Choral. „Aus tiefster Noth schrei ich zuDir" wurde die erhebende Feier eingeleitet. Man hätte kaum eine mehr sich eignende Tonschöpfung wählen können. Nachdem das herrliche Meisterstück verklungen war, nahete die Künstlerin Frl. Teresina G e ß n e r, um den von Schmidt-Cabanis verfaßten

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