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Der Israelit · 1891-06-22 · Heft 49 (22.6.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 49 (22.6.1891)
Date
1891-06-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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909 Noch einmal umarmte er den Sohn und drückte ihn lange und fest an seine Brust. Dann entwand sich der junge Mann aus seinen Armen, schwang sich gewandt auf das größere Fahrzeug und wurde von dem seiner harrenden Kapitän mit freundlichem Händedruck begrüßt. Der Vater zögerte noch mehrere Minuten im Nachen und blickte mit überströmenden Augen auf den Sohn, den er für lange, lange Zeit nicht sehen sollte. — Auch Sabbatai konnte sich einer mächtigen Rührung nicht erwehren. War es der Abschied von dem Vater, der mit solch' grenzenlosem Vertrauen an die hehre Sendung des Sohnes glaubte? — war es das Bewußtsein, daß er fortan auf sich allein, auf seine eigene Einsicht werde angewiesen sein? — Zwar hatte der junge Mann keine geringe Meinung von seiner Einsicht — dennoch — er hatte noch nie das Vaterhaus verlassen, wo alle seine Bedürfnisse, fast ohne daß er sich derselben bewußt worden, befriedigt worden waren — dafür hatte er fortan selbst zu sorgen — freilich, die Mittel dazu brauchte er nicht zu erwerben, die hatte sein Vater ihm reichlich gewährt. — Trotzdem war es eine eigenthümliche, unangenehme Empfindung, die ihn zu überwältigen drohte, als er den Nachen sich entfernen sah. — Er war nun unter lauter fremden Menschen, nicht ein Glaubensgenosse befand sich auf dem schwankenden Fahrzeuge — doch der Kapitän war seinem Vater befreundet und hatte ihn freundlich willkommen geheißen. — Sabbatai war einsichtsvoll genug, der Stimmung, die ihn hatte überwältigen wollen, in keiner Weise Ausdruck zu leihen, im Gegentheil, je unbehaglicher er sich fühlte, desto selbstbewußter ward seine Haltung. Jetzt hatte Mordochai mit seinem Nachen den Strand wieder erreicht und war ausgestiegen, aber er trat nicht sofort den Heimweg an, er wartete, bis das Schiff, das seinen Sohn in die Ferne führen sollte, die Anker lichten werde. Unablässig war sein Angesicht dem Schiffe zugewandt, doch Thränen entströmten unablässig seinen Augen, so daß er den Sohn nicht mehr sehen konnte. Jetzt rauschten die Wellen stärker, das Fahrzeug hatte sich in Bewegung gesetzt. Mordochai schluchzte laut. Mit einer heftigen Bewegung drückte er beide Hände gegen die Augen, um die Thränen, die sie verdunkelten, zu verwischen. — Noch einmal sah er die herrliche Gestalt des jungen Mannes, der sich über das Schiffsgeländer neigte und dem Vater die letzten Grüße zuwinkte — dann verdunkelten abermals Thränen seinen Blick und bevor er sie entfernt hatte, war das Schiff in dem Morgennebel verschwunden. Sabbatai aber stand hoch aufgerichtet auf dem Verdeck des Schiffes, das leicht durch die schäumenden Wogen dahinglitt. — Vom Lande her blies eine frische Brise und trieb das schwer beladene Fahrzeug rasch in die offene See. Sabbatai tauchte gern die kräftigen Glieder in die glitzernde Fluth, doch war er noch nie in einem größeren Schiffe gefahren. Und als nun die Segel gehißt wurden, eines über das andere und der Wind mit voller Kraft hineinblies und das Fahrzeug pfeilgeschwind dahinflog, da war's ein Hochgefühl, das die Brust des hochmüthigen, jungen Mannes schwellte, ihm war's, als lenke seine Macht das Schiff, als gehorchten Wind und Wogen dem unausgesprochenen Befehle seines Mundes. Als nun der Nebel geschwunden war und der purpurne Sonnenball dort am Horizont, wo Himmel und Wellen einander zu berühren schienen aus der glitzernden Fluth aufzutauchen schien, höher, immer höher — bis er endlich hoch oben am Himmel stand und aus des Meeres Spiegel widerstrahlte und alles ringsum wie in goldigem Glanze erstrahlte, da erhob Sabbatai seine wunderschöne Stimme in mächtigem Gesänge und wie gebannt lauschte der Kapitän und seine Mannschaft den zauberhaften Tönen, die der hochgewölbten Brust des schönen Jünglings entquollen. Er sang: „Seht, wie die Sonne dort tauchet Empor aus der glitzernden Fluth. Seht, wie sie strahlend schon leuchtet Am Himmel in purpurner Gluth. Stolz, wie ein Held sie durchlaufet Ihre Bahn in trotzigem Muth. Seht, wie sie strahlend leuchtet Dem Gottessohn auf glitzernder Fluth, Erleuchtet mit strahlendem Glanze Die Bahn, die er wandelt voll Muth. Ohne jegliche Berechnung hatte Sabbatai setneu Gesang begonnen, es war von jeher seine Art gewesen, was ihn das Herz bewegte, das ließ er austönen in seinen Liedern. Doch so vertieft, so hingerissen er von dem eigenen Gesänge schien, so war ihm dennoch der Eindruck nicht entgangen, den derselbe auf seine Umgebung ausübte. Der Kapitän hatte die Morgenpfeife aus dem Munde genommen, die Matrosen und die Schiffsjungen standen mit offenem Munde da und alle lauschten den auf der Fluth der Töne dahinströmenden Worten, deren Sinn oder Unsinn sie schwerlich ahnten. Sabbatai sang noch viele Lieder oder Psalmen, wie sein ihn vergötternder Vater seine Sangesweisen zu nennen liebte. Und als er endlich geendet hatte, da dankte ihm der Kapitän mit warmem Händedruck und die Bootsleute kamen einer nach dem andern und zogen einen Zipfel seines Gewandes ehrfurchtsvoll an ihre Lippen. Es war in

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