Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1891)
- Date
- 1891-06-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Vermischtes. Hamburg, 15. Juni. Die „Hamburger Nachrichten" warnen eindringlich vor einer Ansiedelung der aus Rußland auSgewiesenen Juden in Afrika, besonders im Congo-Gebiete. Für eine Tropen-Colonisation eigneten sich geschwächte, allen Entbehrungen ausgesetzt gewesene russischen Juden weniger, als irgend ein anderes Volk. Eine Tropen-Colonisation wäre in diesem Falle ein reiner Massenmord. Triest, 15. Juni. Aus Korfu wird gemeldet, die Stimmung der Bevölkerung lasse weitere Unruhen befürchten, nachdem bekannt gegeben ist, daß nach dem Resultate der Untersuchung kein Ritualmord stattgefunden habe. Die Garnison wurde verstärkt. In HidalmoS (Siebenbürgen) wurde am ersten Siwan ein D'tPn Di’D feierlichst begangen. Herr Oberrabbiner Samuel Paneth hielt in der Synagoge vor einem zahlreich versammelten Publikum eine längere mit großem Beifalle aufgenommene ntsm, in der er auch der traurigen Lage unserer bedrängten russischen Brüder gedachte, als deren Folge von den Anwesenden 205 fl. zur Unterstützung der russischen Glaubensgenossen gespendet wurden. Nach dem nruo Gebete und nach dem jedem Mitgliede der '“ori eine NnDDD zum Lernen zugetheilt worden, nahm die W rniyD HiSD ihren Anfang, in der viele geistreiche min '“QT namentlich von den Herren Oberrabbiner I. M. Paneth aus Warmezo und Rabbiner I. D. Friedmann, M. Porgesz, I. D. Czukermandel und D. Groß gesprochen wurden. Somenfeld Mihaly, Gemeindenotär. Paris, 16. Juni. Im Saale Wagram fand gestern eine Antisemiten-Versammlung statt, welcher die boulangistischen Abgg. Laisant, Gousiot und Laur beiwohnten. Es wurde eine Tagesordnung beschlossen, in der die deutschen Juden gebrandmarkt werden, welche den französischen und russischen Geldmarkt an sich rissen und dadurch die Nationalvertheidigung beeinträchtigten. Es wird ferner verlangt, daß Frankreich dem Beispiele Rußlands folge und wenigstens die Großen von Israel ausstoße. Es solle eine Untersugung angestellt und das Heer und Beamtenthum sollten von den Juden befreit werden. Paris. Im „Temps" veröffentlicht Jules Simon einen Aufsatz über die Judenverfolgung, welcher wie folgt schließt: „Im Jahre 1492, als die katholischen Könige Granada eroberten, faßten sie zwei Entschlüsse: den besiegten Mauren ihre Güter, ihre Waffen und ihre Religion zu belassen, die Juden aber, die an dem Kampfe ganz unschuldig waren, aus dem Lande zu vertreiben. Man gab ihnen eine Frist von vier Monaten, um das Land, darin sie geboren worden, zu verlassen und ihre Geschäfte abzuwickeln. Nach Ablauf dieser vier Monate mußten sie sich entfernt haben oder getauft sein. Die Taufe war für die Juden eine sehr ernste Sache; bei dem geringsten Verstoß gegen die Gebote des neuen Glaubens drohte ihnen nichts Geringeres, als der Scheiterhaufen. 70.000 Familien zogen das Exil vor. Das war ein Schauspiel, werth des ewigen Mitleids. 70.000 Familien verbannt, ohne daß wider sie ein anderes Verbrechen, als die vielhundertjährige Verdammniß ihrer Rasse Vorgelegen wäre! Und man war an der Schwelle jenes XVI. Jahrhunderts, das man das Jahrhundert der Renaissance benannt hat. Allerdings ist die Nacht vom 24. August 1572 das unvergeßlichste Datum dieses Sekulums gewesen. Ah. die Menschheit braucht viel Zeit, um wirklich human zu werden! Wir prahlen mit unseren großen Empfindungen, unserer Brüderlichkeit, unserer zunehmenden und blühenden Civilisation — und plötzlich inmitten dieses Hosiannah erscheint die Horde der Wölfe mit blutigem Rachen, um uns daran zu erinnern, daß die Civilisation nur an der Oberfläche sei und tief in den Herzen die Barbarei wohne." Wilna, 27. Mai. Die Stadt Rowno ist von einem furchtbaren Brande, der vierzehn Stünden wüthete, heimgefucht worden. Mehrere lausend Bewohner, meistens Juden, sind obdach- und erwerblos. Vier Synagogen wurden eingeäschert. Im Gouvernement Wilna wurde an einem Israeliten, dessen Frau und vier Kindern ein Raubmord begangen. Drei Bauern drangen Nachts in das HauS des Juden, der als Schankwirth in guten Verhältniffen lebte, ein, erschlugen den Sohn und Vater mit einem Beile und stürzten sich dann auf die Frau und die drei Töchter. Zwei der Letzter» wurden niedergestreckt, die Mutter brach unter den Beilhieben bewußtlos zusammen; die jüngste Tochter sollte noch einige Zeit leben, um vergewaltigt zu werden. Als sie sich dagegen wehrte, wurden ihr Nase, Ohren und Lippen abgeschnitten; darauf stach man sie nieder. Bei dem Suchen nach Geld bemerkten die Mörder, daß die Frau noch lebte. Man versprach ihr Schonung, wenn sie den Aufbewahrungsort der Kasse verrathe. Kaum hatte sie das gethan, als ihr der Schädel gespalten wurde. Die Mörder sind verhaftet. — Bei der gegenwärtigen Strömung in Rußland dürften dieselben noch irgend einen Orden erhalten oder zu Polizeibeamten ernannt werden. Jaffa (Palästina.) Die hiesige isr. Gemeinde hatte in den letzten elf Monaten eine Einnahme von 53,791 Piaster, die bis auf 613 P. verausgabt wurden. New Bork. Das vor drei Jahren gegründete Hodrew- DeelnneLl-Inotitut",welches innerhalb der jüdischen Jugend Lust und Liebe zum Handwerk wecken will, wurde nach dem Jahresberichte im vergangenen Jahre von 150 Zöglingen besucht. Die Einnahmen betrugen 19,270,63 Dollar, die Ausgaben 16,654,38 Doll. Habbatai Aewi. H i st o r i s ch e Erzählung Vonsk Schwure. (Fortsetzung.) Mitternacht war vorüber, im Hause des Mordochai Zewi lag alles im tiefen Schlafe, als der Hausherr und sein Sohn geräuschlos die Hinterthür öffneten und durch dieselbe ins Freie traten. Der Vollmond war aufgegangen und beleuchtete mit seinem silberhellen Schein alles rings umher, doch in den Straßen, die sie durchschritten, war alles öde und leer, kein lebendes Wesen ließ sich blicken. Dennoch sprachen die Männer nur mit leiser, gedämpfter Stimme. Endlich hatten sie den Hafen erreicht, in dem eine Anzahl Schiffe vor Anker lagen. Mordochai war hier mit allem vertraut. Ohne zu überlegen, schritt er ans einen Nachen zu, der hart am Ufer lag, forderte den Sohn zum Einsteigen auf, stieg selbst ein und ruderte dann gewandt einem Dreimaster zu. Er war sofort bemerkt worden und schien erwartet zu werden und hatte bald das große Schiff erreicht.