Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1891)
- Date
- 1891-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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906 tiSrnus antisemitischer Gehässigkeit und Beschränktheit dagegen lehnen wir unumwunden ab. Wir haben diesen vortrefflichen Ausführungen nichts hinzuzufügen. Karlsruhe, 18. Juni. Verehrliche Redaktion! Die heutige Nummer Ihres geschätzten Blattes nennt auch mich als Mitglied eines Frankfurter Comitss zur Unterstützung der bedrängten russischen Israeliten. Gleich Ihrem Herrn Vertreter hatte ich die Ehre, einer vertraulichen Besprechung anzuwohnen, nicht aber bin ich Mitglied irgend eines Comites! Hochachtungsvollst Samuel Straus. Aus Baden. Die Firma S. Model in Karlsruhe hat den städtischen Armen 200 Mk., den Ferienkolonien 100 Mk., der Kindersoolbadstation Dürrheim 100 Mk., der Kinderkrippe 66 Mk., der Kleinkinderbewahranstalt 66 Mk. und dem Badischen Frauenverein 500 Mk. überwiesen. — In Pforzheim wurde dieser Tage der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt. In Mosbach hielten am Sonntage den 14. d. M. die isr. Lehrer der Rabbinatsbezirke Wertheim, Tauberbischoffsheim und Mosbach eine außerordentlich stark besuchte Versammlung ab. In Mühlhausen (Oberfranken) bildete sich vor etwa einem halben Jahre ein Kriegerverein. Zum Vorstande dieses Vereins wurde ein Glaubensgenosse Herr Kaufmann Jul. Wassermann, der als Feldwebel den Feldzug 1870/71 mitmachte und in demselben sich öfters auszeichnete, erwählt. Bei der am 14. Juni stattgefundenen Fahnenweihe repräsentirte er würdevoll diesen Ehrenposten und erwarb sich hiedurch die Sympathien aller Festversammelten. Zu bemerken ist noch, daß dem Vereine nur zwei Israeliten angehören. — Gewiß ein schönes Zeichen des friedlichen Einvernehmens der Konfessionen. — k. O esterr. - Ungar. Monarchie. Aus Ungarn, 10. Juni. Wie es scheint, beginnt man auch im Lager der Neologen das taktlose Vorgehen des Herrn Seminarrektors Bloch — über welches ich unlängst berichtete — zu mißbilligen, und man strebt durch verschiedene Vorwände es zu beschönigen. So schreibt der „Egyenlöseg" in seiner letzten Nummer: „.Oder ist es vielleicht nicht eine durch unzähmbaren Haß erzeugte Beleidigung, wenn Jemand daran zweifelt, ob das Oberhaupt der Preßburger Jeschiwah fähig ist zu beurthetlen, welche Ehe den Vorschriften des Schulchan-Aruch entspricht und welche nicht? Keine Autorität wird die Talmudgelehrsamkeit des Preßburger Oberrabbiners in Zweifel ziehen." Die abfällige Kritik, welche durch Prof. Bloch über das vom Prcßburger Oberrabbiner n gut geheißene Gutachten der orthodoxen Landeskanzlet geübt wird, sucht man dem Umstande zuznschreibn, daß dasselbe ihm (Bloch), da derselbe nicht ungarisch versteht, nicht gut erklärt wurde, und daß dem Ursprung des Konfliktes ein Jrrthum zu Grunde liege. Ich will an dieser Entschuldigung nicht zweifeln, obwohl Ursache hiezu genug vorhanden ist. Es drängt sich aber Jedem die Frage auf: Ist cs nicht ein kühnes Unterfangen und ein durch nichts zu motivirendes Wagniß an das Urtheil einer Kapazität, wie es Oberrabbiner Schreiber '"j ist, auf das Gerede Vertrauens unwürdige r Menschen hin Kritik zu üben?! — Jede Sache hat jedoch auch ihre guten Seiten. Die Herren von der Neologen-Liga haben sich neuerlich gründlich blamirt, und sie werden wenigstens in nächster Zeit keine Lust mehr verspüren, in religiösen Dingen Gutachten abzugeben und die gesetzcstreuen Rabbiner öffentlich zu beleidigen. L. G-g. Holland. Amsterdam. Dieser Tage sind hier eine große Anzahl aus Rußland vertriebener Juden angekommen, welche mit dem ersten abfahrenden Dampfer nach New-Aork reisen wollen. Sie sind aus verschiedenen Theilen Rußlands gekommen. Die meisten hatten von Verwandten aus Amerika Geld erhalten, um nach der neuen Welt zu kommen. Allgemein war ihre Klage, daß den Juden in Rußland das Leben einfach unmöglich gemacht werde. So z. B. sprach ich einen Schneider, namens Hirsch, aus Wilna, dessen Sohn, ohne die gesetzliche Erlaubniß bekommen zu haben, nach Nordamerika ausgewandert war. Die Polizei fordert deswegen von dem Vater eine Geldbuße von 300 Rubeln, und weil er kein Geld hatte, wurde sein Hausrath verkauft. Der Mann hatte nichts mehr zu essen und mußte fort. Dabei werden die Juden in allerlei Weise belästigt. So z. B. ist es den Schneidern verboten, mit Maschinen zu arbeiten; es ist nur erlaubt, mit der Hand zu nähen. Sie können gar nichts verdienen, müssen aber trotzdem allerlei Abgaben bezahlen. Ein anderes Beispiel: Ein Tapezierer aus Kaminski, ein Mann, der 50 Jahre in Rußland gelebt hatte, mußte jetzt auswandern. Mit Kindern und Enkeln zählte die Familie zehn Personen. Der Mann hatte einen guten Verdienst, allein da kam plötzlich der Befehl der Regierung, daß die Juden an den Platz ihrer Geburt zurückkehren müßten. „Und ich", sagte der arme Teufel, „bin geboren ikl einem Dörflein, wo ich als Tapezierer keinen Heller verdienen könnte. Man muß doch essen, und deßhalb blieb mir nichts übrig, als das Land zu verlassen." Unter den übrigen Juden befanden sich