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Der Israelit · 1891-06-22 · Heft 49 (22.6.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 49 (22.6.1891)
Date
1891-06-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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m en, dem Zar einen Dienst zu leisten, wenn sie durch Angriffe die Juden zur Auswanderung nöthigten. In Odessa erließ der Gouverneur einen Befehl, demzufolge Juden nicht länger als dereidigte Börsenmakler in Odessa zugelassen werden sollen. Vorerst bezieht sich jedoch diese Maßregel nicht auf die jetzigen jüdischen Mitglieder des Börsenvereins, welche zwei Drittel desselben ausmachen. Bekanntlich bestehen zwei Austedlungsvläne für die vertriebenen russischen Juden: jene des Baron Hirsch, welcher seine Stammesgenossen in Argentinien anzustedeln beabsichtigt, und der Vorschlag eines jüdischen Vereins, welcher Palästina im Auge hat. Was das elftere Projekt aubelangt, so hat Baron Hirsch Herrn Arnold White im Interesse des Planes nach Rußland entsendet. White ist, von einem Dolmetsch begleitet, in Moskau gewesen, um mit eigenen Augen zu sehen und zu ermitteln, wie sich das Projekt seines humanen Auftraggebers am besten verwirklichen lasse. Nach der Mittheilung des Journal de St. Petersbourg scheint die russische Regierung diesen Plan entschieden zu begünstigen. Auch die anderen Blätter in Rußland sprechen sich hoffnungsvoll darüber aus. Nowoje Wremja wie Graschdanin versichern Baron Hirsch der weitestgehenden Unterstützung der russischen Regierung und geben dem Wunsche Ausdruck, das Projekt möge bald verwirklicht werden. Was die Colonisations-Jdee in Palästina anbelangt, so hat der obenerwähnte Verein bei Lord Salisbury den Beistand der englischen Regierung nachgefucht, um vom Sultan die Erlaubntß zur Ansiedlung russischer und polnischer Juden in Palästina zu erhalten. Lord Salisbury hat, wie bereits berichtet, durch seinen Privatsecretär Currie mittheilen lassen, daß er den Botschafter der Königin ander Hohen Pforte darüber zu consultiren gedenke, ob die Intervention der englischen Regierung zur Erreichung des betreffenden Zieles beitragen dürfte. Sollte dies der Fall sein, so werde Sir William White ermächtigt werden, die Angelegenheit zur Kenntniß des Sultans zu bringen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Worms. Das hiesige Zwetgcomitö der Alliance isr. hat eine Versammlung einberufen, um über Unterstützung unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland zu berathen. Es wurde ein Comit6 gewählt, das unverzüglich die nöthigen Schritte thue, uin Gelder für besagten Zweck zu sammeln. In der gestern stattgehabten Sitzung konnte die angenehme Mittheilung gemacht werden, daß 8000 Mk. gezeichnet worden sind. Verlin. Die „Kreuz-Ztg." nimmt jetzt von dem ihr durch den Ministerpräsidenten Delyannis in der Athener „Proia" zu Thetl gewordenen amtlichen Dementi Notiz und erklärt dasselbe für — „nichtssagend". Die „Proia" hatte den ausführlichen Artikel in der „Kreuz-Ztg." über den angeblichen Rttualmord auf Korfu vollinhaltlich abgedruckt und alles darin Gesagte als „schamlose Lügen" bezeichnet. Aber Herr v. Hammerstetn schüttelt sich wie ein begossener Pudel den nassen Pelz und trottet auf seinem Wege weiter. Ueberlaffen wir ihn sich selbst und seinen sauberen Athener Gewährsmännern. Wir wollen uns für heute begnügen, unseren Lesern zu zeigen, wie die konservativen Gesinnungsgenoffen des Herrn v. Hammerstein über das Treiben der „Kreuz-Ztg." denken. Das konservative „Bromberger Tageblatt" schreibt in seinem Leitartikel vom 5. d. Mts. Folgendes: Die antisemitische Organe haben seit Wochen, seit dem Ausbruch der Unruhen auf Korfu, die Frage von den rituellen Morden in allen Tonarten breitgeschlagen. Mit besonderer Vorliebe wird sie von der „Kreuzzeitung" tzum wahren Verdruß für humane, jduldsame und aufgeklarte Leser immer wieder auf die Tagesordnung gebracht. Man erkennt aus den Bemerkungen der „Kreuzzeitung" (gegen das „Berliner Tageblatt" und das Dementi der „Proia"), daß sie immer noch den Schein zu retten sucht, als ob auf Korfu thatsächlich ein ritueller Mord stattgefunden habe, das heißt ein Christenkind von dortigen Juden zu den Opferzwecken des Passahfestes geschlachtet worden sei, obwohl bereits durch die Depeschen des offiziösen Wolff'schen Telegraphen-Bureaus die Erklärungen der griechischen Regierung, welche einen solchen Mord entschieden in Abrede stellten, längst aller Welt verkündet worden sind. Nachdem das „Bromberger Tageblatt" in längerer Darlegung die Haltlosigkeit des Märchens vom „Ritualmord" nachgewiesen hat, fährt es fort: Gerade die „Kreuzzeitung", welche sich als die legitime Vertreterin christlicher Gesinnungen hinzustellen Pflegt, hätte am wenigsten Anlaß, den Grundsatz des Christenthums auf den Kopf zu stellen, welches von uns Nächstenliebe und nicht Nächstenhaß fordert. Ihre Devise lautet: „Mit Gott für König und Vaterland." Sie ist zugleich diejenige unseres konservativen Standpunktes. Wir geben ihr aber eine andere Auslegung. Die Schürung des Klassenhasses gegen unsere jüdischen Mitbürger ist weder Gott, noch dem König, noch dem Baterlande angenehm. Gott nicht; denn sie widerspricht dem christlichen Gebot der Nächstenliebe. Dem Könige nicht, weil unser Hohenzollern- Herrscherhaus von Anbeginn her die edle Duldsamkeit gegen die j verschiedenen Religionsgemeinden und Raffen gepflegt und vertheidigt hat. Auch dem Vaterlande nicht, weil zu seiner gedeihlichen Entwickelung in unserer Zeit der sozialdemokratischen Unfriedenstiftung die Fernhaltung aller unnöthigen Klaffenverhetzungen eine der HauptbedinAUngen ist, um wiederum den sozialen Frieden herbeizufuhren. Die antisemitischen Umtriebe sind auch viertens nicht mit dem modernen Konservatismus vereinbar. Wir leben eben im Ausgang des 19. Jahrhunderts und haben die wiffenschaftlich aufgeklärte und gesellschaftlich duldsame Bildung unserer Zeit in uns ausgenommen. Der Konservatismus muß sich in solche Formen kleiden, welche mit dieser Bildung sich vertragen. Den Konserva-

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