Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1891)
- Date
- 1891-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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904 würden. Die von auswärts gekommenen Beamten, überhaupt die eingewanderten Glaubensgenossen sind die Ursachen des Antisemitismus. „Sie konnten nicht alle Kantoren werden, sie wurden zunächst Hausirer, dann Kaufleute, Spekulanten, Bankiers und endlich in nicht geringer Zahl Millionäre. Die jüdischen Schulen haben ein größeres Kontingent von Kindern der Ausländer als einheimische Kinder. — Die Kantorentöchter besuchen schaarenweise die Konservatorien und bilden ein bedeutendes Kontingent der deutschen Oper. Von sämmtlichen jungen Aerzten und Rechtsanwälten, die seit fünf Jahren ihr Examen gemacht, sind 80 Procent aus den Familien unserer Kultusbeamten hervorgegangen U" Doch wir wollen mit der Aufzählung dieser Flunkereien nicht fortfahren, welche die Wahrheitswidrigkeit in jedem Zuge offen zur Schau tragen. Nur die Verdächtigung, als entzögen sich die russischen Auswanderer der Militärpflicht, soll in ihrer Verlogenheit hier gekennzeichnet werden, weil man außerhalb Rußlands doch vielfach nicht in der Lage ist, sie in ihrer ganzen Grundlosigkeit zu würdigen. Von nichtjüdischen Antisemiten ist dieser Vorwurf allerdings wiederholt erhoben, aber immer an der Hand zuverlässiger statistischer Angaben schlagend widerlegt worden. Es gibt kein Land, in dem factisch undverhältnißmäßig es mehr jüdische Soldaten gibt, als gerade in Rußland. Es gibt kein Land, in dem weniger Fluchtversuche möglich sind, als in Rußland, da die zurückgebliebene Familie mit schweren Geldstrafen die Fahnenflucht eines ihrer Glieder büßen muß. Unter Kaiser Nikolaus, der die jüdischen Knaben und Jünglinge nächtlicher Weise aus den Betten holen und sie zwangsweise taufen ließ, um sie dann als Militärs zu verwenden, kamen bet den russischen Israeliten viele Versuche, sich der Militärpflicht zu entziehen, vor, weil sie lieber alles über sich ergehen lassen wollten, als die 25 schönsten Jahre ihres Lebens unter unmenschlicher Härte zu verbringen. Aber das sind Zustände, die G. s. D. 30—40 Jahre hinter uns liegen. Diese Verleumdungen aber heute zu widerholen, Angesichts des Jammers, unter dem unsere Brüder und Schwestern gerade jetzt im russischen Reiche leiden, dazu gehört eine Verworfenheit der Gesinnung, die kaum ihresgleichen finden dürste. — Alle Richtungen der zeitgenössischen Juden vergessen Angesichts des herzzerreißenden Jammers alles, was sie trennt und scheidet und reichen sich brüderlich die Hand, um mit vereinten Kräften, durch „jüdische Liebe" die Wunden zu heilen oder doch zu mildern, die „russische christliche Liebe" unseren Brüdern und Schwestern schlägt, und eS findet sich ein jüdischer Mann, der sich als Großkophta der Kultusbeamten aufspielt, der ein „Prediger" zu sein vorgibt und der nicht vor solchem Attentat zurückschreckt! Das „Volk" bekundet doch eine viel geringere Dosis Fanatismus, wenn es die Insinuation, als hätten die von Osten Eingewanderten den Antisemitismus zu verantworten, mit folgenden Worten zurückweist: „Was die von Herrn Löwe Wolf angeblich entdeckte „Ursache des Antisemitismus" betrifft, so diene demselben zur kurzen Entgegnung, daß für uns die Stammeseigenschaften der semitischen Rasse maßgebend sind, nicht aber die zufällige Staatsangehörigkeit ihrer Mitglieder." Wenn aber das „Volk" mit seinem Genrebild, das es von diesem Herrn entwirft: „Herr Löwe Wolf im Glashause sitzend und mit Steinen um sich werfend", andeuten wollte, als ob Herr Wolf gar am Ende selber ein aus dem Osten Eingewanderter sei, so ist es im Jrrthum. Herr Wolf ist 1845 in Emden geboren. Die Verworfenheit, die er den russisch-polnischen Juden anlügt, ist international. „Es ist ein trübes Kulturbild," sagt Herr- Wolf, „das ich hier entwerfe. Ich muß meine innere Erregung zügeln, damit nicht die ganze Wahrheit enthüllt wird, denn ich möchte nicht, daß unser Feind außerhalb des Judenthums daraus Kapital schlage." „Schade darum," bemerkt das Anttsemitenblatt dazu, „wir hätten Herrn Löwe Wolf noch gerne weiter gehört; er plaudert so hübsch — aus der Schule!" Aus der Schule hat Herr Wolf nichts geplaudert, wenn er durch seine verbitterte Kantorenbrille die Welt ansieht und seinen Kantorenschmerzen in dieser stöckerhaften Weise Luft macht. Er hat nur sich und seine Gesinnung ausgeplaudert und dabei sich in einer Weise bloßgestellt, die ihn unmöglich macht bei allen redlichen, wahrheitsliebenden Menschen. Der Abgrund, den er uns enthüllt, ist so jäh, daß er uns wie ein psychatrisches Räthsel anstarrt. Zur Lage der Juden in Hiußland. Wie aus Odessa berichtet wird, wollen beinahe die gesammten jüdischen Bewohner Elisabethgrads nach Palästina und Amerika auswandern. Sie verkaufen ihre Besitzungen bis 10 Proc. unter ihrem Werthe. Nach der Auswanderung wird Elisabethgrad nur Garnisonstadt sein. Auch aus anderen Gegenden liegen Berichte von Judenauswanderungen vor, die vornehmlich durch die Excesse fanatischer Bauern verursacht wurden, welche glaub-