Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1891)
- Date
- 1891-06-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXII. Jahrgang. M 49 Israelit *> Jeschurun. Btitrdjtifl;ut FSrdMllS B. Gkilks llstz D. fthen« ti W«. Gk«rMr MZtz>le. Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehman« in Mainz. Montag, den 22. Juni 5651 (1891). Da mit dem 1. Jutt 1891 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleidet. Zur gesäll. Beachtung! Vielfachen Wünschen entsprechend, können bei uns Beife - B6a«ttcittenfs bestellt werden und wird auf Verlangen unser Blatt an die jeweils aufgegebenen Adressen auf das Pünktlichste besorgt. Expedition des „Israelit & Jeschurun." Leitender Artikel. Ein jüdischer Antisemit. Berlin, 15. Juni. Hier spukt seit einigen Jahren ein Wolf, der auf den Namen Lion hört und sich von dem bekannten Wolf in der Fabel nicht zu seinem Vortheil unterscheidet. Während der letztere erscheint, sobald man von ihm spricht, erscheint seine Berliner Spielart nicht wenn, sondern damit man von ihm spricht, in allen möglichen und unmöglichen Eigenschaften. Aber bis jetzt wollte es ihm nicht gelingen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Seine Spur läßt sich bis Rastatt verfolgen, wo er noch simpler Chasan und Schochet war. In Saarlouis, wo er später amtirte, fabrizirte er eine neue Citronen - Essenz und Predigten und nennt sich seitdem Prediger. Unter dieser Charge sunktionirte er dann auch in Rostock und von da siedelte er nach Berlin über. Inzwischen war er auch Redacteur und Schriftsteller und hat durch eine seiner jüngsten Schriften endlich vermocht, was er bislang erfolglos anstrebte. Man spricht von ihm. „Man" ist die Zeitung des Herrn Stöcker, „Das Volk"; sonst weiß die Welt noch immer sehr wenig von Herrn Lion Wolf und seinen Thaten. Auch wir haben die Existenz der in Rede stehenden Schrift erst durch das Leiborgan des Herrn Stöcker erfahren, das sich ganz vergnügt die Hände über den guten Fang reibt, den es da gemacht hat. Wäre Herr Wolf und seine Schreibseligkeit ernst zu nehmen, entsprächen seine Angaben wenigstens der Wahrheit, so wäre das in der That ein saftiger Bissen für die Nachtreter des Herrn Stöcker. Aber wenn man der Sache auf den Grund geht, findet man ohne viel Mühe, wie stark Herr Wolf selber ftöckert und wie das Behagen der Antisemiten an ihm sich schon durch diese Wahlverwandtschaft erklärte. „Der jüdische Kultusbeamte", plaudert Herr Wolf aus, „ist das Sttefkiud der jüdischen Gemeinden". Das ist dem „Volk" gleichgiltig; uns auch, da es G. s. D. nicht wahr ist. Wenn Beamte ihren Beruf, d. h. ihre Gemeinde nicht stiefmütterlich behandeln, dann haben auch sie keine derartige Behandlung zu fürchten. Wenn sie aber Redakteur spielen, als Schriftsteller glänzen möchten, Limonade brauen und andere Allotria treiben, die sie von ihrem Berufe nothwendig ablenken müssen, dann wird wohl eine Stiefmütterlichkeit durch die andere Wett gemacht. Herr Wolf erzählt dann von der großen Konkurrenz unter den jüdischen Cantoren, von den Mitteln und Mittelchen, die sie angeblich anwenden, um ein Amt zu erlangen und fährt dann wörtlich fort: „Im Anfänge der 60er Jahre kamen aus dem Osten Leute nach Deutschland. Sie hatten in ihrer sogenannten Heimath nichts zu verlieren und konnten in Deutschland nur gewinnen. Die jüngeren Leute entzogen sich ihrer Militärpflicht und ließen leichten Herzens „ihre Anverwandten zurück." Dieser unerhörten Verleumdung folgen dann eine Masse nicht minder gehässiger Denunciationen, die jedem Vollblut-Antisemiten zur Ehre gereichen