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Der Israelit · 1891-06-17 · Heft 48 (17.6.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 48 (17.6.1891)
Date
1891-06-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Der Gehilfenobmann Jakob Reumann hielt den Meistern vor, daß sie die Gehilfen der Sympathien für das Großkapital beschuldigen, selbst aber seien sie anläßlich der Gründung der Rohwaarenhalle zu Großkapitalisten und obenein noch zu Juden, die sie sonst am liebsten „fressen" möchten, bitten gegangen. Wenn man die Versammlungen der Meister besuche, erhalte man ein eigenthümliches Bild von der politischen Reife der Kleingewerbetreibenden. (Rufe: „Liechtensteiner!") Meister König erwtederte hierauf, daß man es schon satt habe, Juden zu fressen, und mit Unrecht sage man den Meistern nach, daß sie mit den Pfaffen liebäugeln. Gehilfe H u e b e r entgegnete, die Meister hätten bei der letzten Reichsrathswahl ihre Sympathien für die Pfaffen deutlich bewiesen. (Beifall.) Er habe ihnen wiederholt dargelegt, daß ihnen die Feudalen viel mehr schaden, als die Juden; sie wollten aber die Juden verdrängen, um ohne Concurrenz ihre christlichen Brüder aussaugen zu können. (Lebhafter Beifall.) Die Gehilfen träten stets für die wahren Interessen des Gewerbes ein, aber auch für die der Frechheit und Humanität. Herr Nowotny, Vertreter der Meister, sagte, er habe allerdings antisemitisch gestimmt, aber das sei bei der Gemeinderathswahl gewesen; bei den Reichsrathswahlen sei er nicht so dumm, seinen Stimmzettel zu zeigen. (Gelächter.) Uebrigens sei es natürlich, daß er sich dorthin wende, wo eben die Majorität sei, denn er allein könne doch keinen Sommer machen. (Stürmisches Gelächter.) Reumann entgegnete hierauf unter Beifall und Gelächter, daß dieser Ausspruch eine eigenthümliche politische Reife und eine curiose Auffassung von der Bethätigung der Ueberzeugung durch den Gebrauch des Wahlrechts bekunde. Gehilfe Win d is ch verwies die Meister darauf, daß die Leute, denen sie zujubeln, ihnen wohl goldene Berge versprechen, aber weder etwas für sie thun können, noch thun wollen. Gehilfe Schrammel erklärt, die Gehilfen könnten nicht mit den Meistern gehen, weil diese Antisemiten sind, und die Gehilfen sich dazu nicht hergeben wollten. Die Meister würden einst noch froh sein, daß die Gehilfen klüger waren als sie, und ihre Kräfte nicht in einem thörichten Kampfe zersplitterten. (Beifall.) Nach einer längeren Debatte über das Benehmen der Meister gegen die Vertreter der Gehilfen in der letzten Meisterversammlung bemerkte Hueber, daß sich die Meister aus den Antisemiten-Versammlungen einen Ton angeeignet haben, der den Verkehr mit ihnen höchst unerquicklich mache. Er beantrage daher, in Zukunft in die Meisterversammlungen keine Delegirten mehr zu entsenden. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Die Versammlung schloß l mit einer stürmischen Kundgebung für den in seiner I Eigenschaft als Genosscnschafts-Commissär und als Vertreter der Gewerbe-Behörde anwesenden Magistratsrath Dr. Ferdinand K r o n a w e t t e r, auf welchen die anwesenden Gehilfen Hochrufe ausbrachten. Rußland. In Bezug auf die Judenverfolgungen in Rußland finden wir in der „Times" nachstehende Petersburger Depesche: Während des jüngsten Aufenthaltes des Czars in Moskau berichtete der neue General-Gouverneur Großfürst Sergius seinem kaiserlichen Bruder über die Art und Weise, wie die jüdischen Handwerker von dort ausgewiesem wurden. Der Großfürst soll insbesondere auf die brutale Behandlung der Juden und den Umstand hingewiesen haben, daß man ihnen nicht die Zeit zur Abwicklung ihrer Geschäfte gelassen habe. Wie verlautet, hätte der Czar sich daraufhin mit Entrüstung über das Vorgehen der Behörden bei Ausführung des Ausweisungs-Ukas ausgesprochen, in welchem ganz ausdrücklich die allmähliche Entfernung der Juden anbefohlen worden sei, damit denselben die Zeit zur Ordnung ihrer Geschäfte gegönnt werde. Es sollen nunmehr, wie versichert wird, Befehle ergangen sein, welche dieser empörenden Sachlage ein Ende machen und die Behörden zwingen dürften, sich an den stricten Wortlaut des kaiserlichen Edicts zu halten. Türkei. Konstantinopel. Wir erhalten die folgende Warnung zur Veröffentlichung: Verchrliche Redaktion l Der Vorstand des „Jsr. Bruder-Vereins" zu Konstantinopel sieht sich gedrungen, einen Warnungsrnf durch die Zeitungen ergehen zu lassen, um unsere armen Glaubensgenossen, die von hier aus weiter fortgeschafft zu werden glauben, vor Enttäuschung zu bewahren. Die Herzlosigkeit, mit der jetzt die Judenverfolgungen in Rußland betrieben werden, spottet — wie wir täglich von Betroffenen vernehmen — jeder Beschreibung. Auch der Jude, welcher dort dem mittleren Stande angehörte, wird durch diese Maßregel buchstäblich zum Bettler gemacht, und wenn er sich schon bis zu irgend einer Hafenstadt durchschlagen kann, dann langt er da vollends mittellos an. Konstantinopel ist bekanntlich die Haltestelle für diese Unglücklichen, deren Ziel Palästina ist, und während in früheren Jahren bei der Emigration unsere Gemeinde vom Auslande unterstützt wurde, um den Auswanderern zum Weiterkommen zu verhelfen, fehlt jetzt selbst jede Anregung hierzu. Daß es mit unserem Gemeinde-

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