Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1891)
- Date
- 1891-06-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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und Vereinswesen pekuniär sehr schlimm bestellt ist, geht schon daraus hervor, daß unsere kleine Kolonie, von jeher auf sich selbst angewiesen, nur sehr wenige Mitglieder unter sich zählt, die den Kampf um das tägliche Brod nicht zu führen haben. Soweit jedoch irgend welche Möglichkeit vorhanden war, ist den Unglücklichen, selbst unter Hintansetzung der eigenen Interessen beigestanden worden, allein unsere Kasse ist jetzt so sehr geschwächt worden, daß bis lange hinaus jede Hoffnung auf Besserung geschwunden ist. Und wie oft hatten wir nicht durch diese Verhältnisse bitter zu leiden und leiden zu lassen! Folgender Fall ist bloß ein blasser Schimmer hiervon: Da kommen vier aus Rußland ausgewiesene Familien, bestehend aus 18 Seelen, deren Hab und Gut Jeder in einem Bündlein trug, und lagerten sich vor der Thür unseres Bethauses. Die nöthigen Reisespesen waren nicht zur Hand, um diese Familien mit dem nächsten Dampfer nach Jaffa zu befördern, und so mußte ihnen mittlerweile Unterkunft verschafft werden. Nach sechs Wochen und den größten Anstrengungen erst konnten wir diesen Armen die Weiterreise ermöglichen, aber da hatten wir schon ebenso viel für Kost und Quartier zu zahlen, als die Reisespesen ausmachten. Da aber jetzt unsere letzten Mittel erschöpft sind, warnen wir alle diejenigen Ausgewiesenen oder Auswanderer, deren Blick nach Zion gerichtet ist, sich nicht eher auf den Weg zu machen, bis sie die erforderlichen Reisespesen haben werden, denn in Konstantinopel kann ihnen bei dem Stand der Dinge absolut keine Hilfe zu Theil werden. Wir bitten schließlich alle jüdischen Zeitungen, zur Verbreitung dieser Warnung beizutragen; es werden hierdurch so Manchem bittere Enttäuschungen erspart bleiben. Konstantinopel, 4. Juni. Für den Vorstand des „Israel. Bruder-Vereins": Jagues Nachtigall, M. Packer, Schriftführer. Präsident. A u st r a l i e n. Sydney, 1. Mai. In der gestrigen Sitzung des Trades and Labour Council stellte Kelly, Vorsitzender der Seemanns Union, den Antrag, zu erklären, daß die gerüchtweise verlautende Masseneinwanderung der aus Rußland vertriebenen Juden und Ansiedelung derselben auf den Südseeinseln zu den größten Besorgnissen Anlaß geben müsse. Der Antrag wurde nicht nur ohne alle Diskussion mit Stimmeneinheit angenommen, sondern auch beschlossen, Sir Henry Parkes brieflich zur sofortigen Ausarbeitung eines drakonischen Ausschlußgesetzes aufzufordern. Ein gleicher Schritt ist von dem Melbourner Trades und Labour Council bei der dortigen Regierung gethan worden. Nach der Chinesenhetze käme also jetzt die Judenhetze an die Reihe. > Vermischtes. Berlin, 13. Juni. Ueber die Auswanderer in Charlottenburg schreibt eine hiesige Korrespondenz: Eine strenge sanitäre Ueberwachung der hier durchziehenden russischen Juden findet seit heute in Charlottenburg statt und zu diesem Zweck ist in der Nähe des Auswanderer-Schuppens daselbst ein Aerztezelt etablirt, in welchem beständig zwei Aerzte, unter Leitung des Herrn Dr. med. Böhm-Charlottenburg, thätig sind. Der entsetzliche körperliche Zustand, in welchem die russischen Auswanderer hier anlangen, hat diese sanitäre Maßregel erheischt. Viele Ankömmlinge sind durch die in den Coupes herrschende schlechte Luft — eS sind öfters 60—70 Personen in einem Wagen vierter Klasse zusammengepfercht — ermattet und erkrankt; vor allem aber sollen Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, um etwaige Einschleppung ansteckender Krankheiten aus Rußland zu verhüten. Das Hilfscomite hat bis jetzt 55—56,000 Fahrkarten, wovon 1500 an Katholiken ausgetheilt wurden, nach Hamburg und Bremen gelöst. Berlin. Das „Berl. Tagebl." schreibt: Durch haltlose Redensarten und ungebührliche Ausfälle sucht die „Kreuz-Ztg." den schimpflichen Rückzug zu decken, welchen sie in Sachen des angeblichen,, Ritualmordes" auf Korfu hat antreten müssen. Die Sache liegt einfach folgendermaßen : Die „Kreuz-Ztg." stellte die unsinnigen Behauptungen aus und richtete an uns die Aufforderung, wir möchten uns die Bestätigung ihrer Angaben durch eine direkte Anfrage beim griechischen Ministerpräsidenten verschaffen. Wir beauftragten darauf unseren Berichterstatter Dr. Hans Barth sich unverweilt nach Athen zu begeben. Dort hatte Letzterer mehrere Unterredungen mit Herrn Delyannis, welcher die Mittheilungen der „Kreuz-Ztg." wiederholt als „dreistes Lügengewebe", als „unerhörte, unqualifizirbare Niederträchtigkeit" brandmarkte. Die „Kreuz-Ztg." und die ihr gesinnungsverwandten Blätter waren gerichtet; selbst politische Freunde des Herrn v. Hammerstein gaben das im Stillen unumwunden zu. Nicht so die „Kreuz-Ztg." selbst; sie erklärte zunächst, sie glaube nicht, daß Herr Delyannis solche Aeußerungen gethan habe; und jetzt, da dies unzweifelhaft feststeht, nennt sie den griechischen Ministerpräsidenten, den sie vor acht Tagen als einen der Ihrigen reklamirt hatte, „eine völlig unglaubwürdige Quelle"! In seiner letzten Ausgabe schreibt dann das fromme Blatt: „Mit Berichten über Unterredungen zwischen H. Barth und Delyannis ist wirklich nichts mehr zu machen; das „Berl. Tagebl." sollte sich nach anderen Hilfstruppen Umsehen." Wir bedauern sehr, nicht auch diesem Appell noch Folge geben zu können. Wir brauchen keine besseren „Hilfstruppen als die von uns mit Namen genannten Gewährsmänner; es sind dies der italienische Konsul Berio in Korfu, der griechische Erzbischof daselbst, Staatsanwalt Bensis, den die „Kreuz-Ztg." selbst, als sie ihn irrthümlich noch zu den Ihrigen zählte, einen der hervorragendsten Juristen Griechenlands nannte, endlich der Ministerpräsident Delyannis, auf dessen Autorität die „Kreuz-Ztg." selbst uns wiederholt verwies. Alle diese Gewährsmänner sind von unserem gleichfalls mit offenem Visir kämpfenden Berichterstatter Dr. Hans Barth wiederholt namentlich als Zeugen aufgeführt worden. Die „Kreuz-Ztg." konnte sich durch Anfragen bei diesen Herren über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Angaben Dr. Barths informiren- Daß sie da-