Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 46-47 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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875 seiner Familie, so daß Leo als stummer Zuschauer und Zuhörer hätte figuriren müssen, wenn ihm nicht die kleine Elsa, das Töchterchen Irmas, Unterhaltungsstoff geboten hätte. Leo war ein Kinderfreund und Elsa, die dieses suhlen mochte, hatte bald seinen Schoß erklettert und durch ihr reizendes Geplauder seinen Unmuth verscheucht. Sie wußte so viel zu fragen und zu erzählen, daß die Geduld eines Kindersreundes kaum ausreichte, ihrem Plappermäulchen zuzuhören. Sie wurde so intim mit ihm, daß sie ihn fast wie ihre Puppe behandelte, so daß, als Irma sich zufällig einmal umwaudte, sie tief erröthete und sagte: „Aber Elsa, wie unbescheiden! Der Herr vr.Jft doch nicht Dein Spielgefährte". „Warum nicht, gnädige Frau?" versetzte Leo; „ich spiele gerne mit artigen Kindern." „Und ich bin artig, nicht wahr Herr Doctor?" fragte Elsa naiv. „Gewiß, mein Kind", entgegnete Leo ernsthaft; „Du bist ein liebes Mädchen." „Siehst Du, Mama", entgegnete sie frohlockend. Doch Irma sagte: „So, jetzt gehe zu Fräulein Mirow, sonst bekommt sie Langeweile." „Ach, ja, die hatte ich ja ganz vergessen!" fuhr Elsa mit kindlichem Pathos fort und eilte zu ihrer Gouvernante. Nun entspann sich eine Unterhaltung zwischen Irma und Leo, die beiden ein großes Vergnügen gewährte. Wenn zwei geistreiche Menschen in der Unterhaltung Gefallen an einander finden, so gleicht diese Unterhaltung einem sprudelnden Quell, ans dessen klarem Wasser die Reflexe der Sonnenstrahlen in unzähligen Funken blitzen und sprühen. Humor und Laune gesellen sich zu einander und lösen einander ab und in den Mienen spiegelt sich die Befriedigung des Herzens. Wer weiß, wie lange die Unterhaltung noch gewährt hätte, hätte nicht Irmas Vater auf eine Aeußerung seiner Tochter eine Bemerkung sich erlaubt, die deren Widerspruch hervorrief. Leo wurde als Schiedsrichter von Irma angerufen, doch erklärte er sich inkompetent, da er Partei sei. „Partei, wieso sind Sie Partei?" fragte Irma. „Gnädige Frau", versetzte er, „ich bin Jude." „Nun, und was schadet das?" fragte Irma. „Sind Sie als Jude nicht fähig objectiv zu urtheilen?" „Warum nicht? Gewiß!" entgegnete Leo, „aber —" „Der Herrvr. hat ganz recht", fiel Herr von Hellwald spöttisch ein. „Als ehrlicher Mann müßte er mir Recht geben, als Jude darf er es nicht." „Ich verstehe nicht", versetzte Leo, „wieso Sie den ehrlichen Mann vom Juden trennen wollen." „Das ist doch leicht zu verstehen", versetzte der andere boshaft, „es ist halt eine ausgemachte Sache, daß sich beide Begriffe nie decken können." Leo sprang auf. „Herr", rief er, „wollen Sie mich beleidigen? Ihr graues Haar würde Sie nicht vor der Antwort schützen, die ich Ihnen alsdann geben müßte." „Nur Ruhe, mein Herr, Ruhe", wehrte der Freiherr in komischem Tone; „Sie kennen doch das englische Sprichwort: present Company is always excepted *). Wie könnte ich den Freund meines Neffen beleidigen wollen!" „Nun, Ihre Worte waren äußerst beleidigend." „Es ist schlimm", versetzte der Freiherr, „wenn man den Fehler des Individuums der ganzen Gattung zum Vorwurf macht, nicht wahr?" „Gewiß!" versetzte Leo, „wie Sie soeben zu thun beliebten —" „Ebenso schlimm ist es aber, wenn sich das Individuum betroffen fühlt, wenn von der Allgemeinheit gesprochen wird. Wo bleibt da die Objectivität, die Ruhe des Philosophen?" *) Die Gegenwärtigen sind immer ausgenommen. „So lange man der Allgemeinheit keine Gemeinheiten vorwirft, so lange bleibe ich ruhig. Nennen Sie die Juden anmaßend, auf ihren Vortheil bedacht, nennen Sie dieselben geizig, sprechen Sie denselben Intelligenz und Idealismus . ab — ich bin nicht gezwungen, dagegen zu protestiren; vielleicht haben Sie schlimme Erfahrungen gemacht und verallgemeinern da, wo Sie dieses selbst als Fehler bezeichneten. Aber den Juden im Allgemeinen die Ehrlichkeit absprechen zu wollen, das ist eine Gemeinheit." Bei diesen Worten wurde der alte Herr todtenbleich; auch Walter, der das letzte Wort gehört hatte, drehte sich verwundert um und hörte seinen Onkel sagen: „Komm, Irma, Judengesellschaft taugt für uns nichts." Leo nahm seinen Hut, trat vor den Freiherrn und sprach mit vor Zorn bebender Stimme: „Ich sträubte mich genug, Ihre Bekanntschaft zu machen! Fragen Sie Walter — Pardon, Ihren Reffen, den Herrn von'Kraft — nur ihm zu Liebe, auf seine Bitte ließ ich mich herbei, mich Ihnen vorstellen zu lassen, und das, Herr Baron, bedauere ich, bedauere ich recht sehr —" Ehe der Freiherr sich von seinem Staunen erholen und erwiederu konnte, hatte Leo sich mit einer steifen Verbeugung gegen die Gesellschaft entfernt und die Treppe zum Salon gewonnen. Er ging hinab; die Reise war ihm verleidet; ob sie ihm auch den Freund geraubt? Noch wußte er es nicht; jedenfalls wurde die Freundschaft heute aus eine starke Probe gestellt. Als Leo in Gedanken einige Zeit dagesessen hatte, kam Elsa an der Hand ihrer Gouvernante an der Thüre vorbei. Sie sah Leo, sprang auf ihn zu und sagte: „Warum machen Sie so ein böses Gesicht? Kommen Sie mit mir zu Mama —" „Danke Dir, mein Kind", entgegnete er freundlich; „ich möchte gerne eine Stunde allein sein." „Haben Sie Kopfweh?" fragte sie mit wichtig besorgter Miene. „Ja, mein Kind", entgegnete er lächelnd. „Daun wünsche ich gute Besserung! Und nachher kommen Sie?" „Ich will sehen", entgegnete Leo, während Elsa sich mit ihrer Erzieherin entfernte. Das Schiff näherte sich jetzt seiner ersten Haltestation, Coblenz. Hier stiegen viele Passagiere aus, welche mit der Bahn weiterfuhren. Auch die Passagiere, welche nach Ems wollen, müssen hier das Schiff verlassen, und lange bevor das Schiff angelegt, entsteht ein Geschiebe und Gedränge, da die Aussteigenden ihr Gepäck zusammensuchen, von Mitreisenden Abschied nehmen und Jeder zuerst die Landungsbrücke betreten will. Leo wich diesem Gedränge aus. Er ging wieder auf das Verdeck, stellte sich an die Seite des Schiffes, die dem Strom zu lag und betrachtete die Coblenz gegenüberliegende Festung Ehrenbreitstein. Eine große Menschenmenge verließ das Schiff. Auch Herr von Hellwald mußte mit seinen Damen absteigen, und diese hatten mit dem Reisegepäck so viel zu thun, daß Niemand auf das Kind achtete. Dieses machte sich von der Gouvernante los und lief über das Verdeck, um einem kleinen Dampsboot nachzusehen. Es legte sich zu weil vornüber, verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Strom. Der Schrei, den das Kind ausstieß, verhallte in dem Lärm, so daß ihn Niemand hörte, Niemand zu Hilfe kommen konnte. Da fiel Leos Blick auf den Strom; er sah ein Kind in den Wellen; an dem hellen Kleidchen erkannte er, daß es die kleine Elsa war. Leo war ein vorzüglicher Schwimmer, und ohne langes Besinnen warf er Rock und Weste ab, zog seine Stiefel aus und sprang über Bord. Eine Dame, die dieses sah, stieß einen Schrei aus und erst jetzt wurde man auf dem Schiffe aufmerksam auf das, was sich ereignet hatte.