Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-06-11 · Heft 46-47 (11.6.1891) · page 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 46-47 (11.6.1891)
Date
1891-06-11
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448165--32268-2480105
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

874 die Damen auf die beiden Studenten aufmerksam und auch in den Mienen der Damen zeigte sich das Staunen. „Es ist ganz gewiß Walter von Kraft", sagte der alte Herr. „Wenn er uns sehen würde, würde er uns erkennen". „So gehe doch hin!" entgegnete die ältere Dame; „vergewissere Dich, ob es unser Neffe ist." In diesem Augenblick traf Wallers Blick die Gesellschaft, und auch Walter stutzte. „Sollte es Onkel Hellwald mit Familie sein?" fragte er sich, und gleich darauf, „ach, wie kämen die hierher". Er wandte sich zu Leo. Doch da kam auch schon der alle Herr zu ihm heran, firixte ihn scharf und sprach: „Du bists doch, nicht wahr? Walter von Kraft!" „Onkel Hellwald!" rief dieser aus und umarmte freudig den alten Herrn. „Aber, Junge", sprach dieser nach einer Weile, „wie hast Du Dich verändert; fast hätte ich Dich nicht erkannt. Woher kommst Du und wohin reisest Dn?" „Ich komme von Heidelberg und will mit meinem Freunde eine Rheinreise machen." „Ei, das trifft sich prächtig", erwiderte der alte Herr, „wir fahren nach Ems und so können wir die Reise bis Coblenz zusammen machen. Komm mit zu Deiner Tante und zu Irma mit ihrem Kinde; sie werden sich freuen, Dich zu sehen." „Gleich, lieber Onkel; ich will nur erst meinem Freunde Bescheid sagen." Walter ging zu Leo und sagte ihm, daß er seinen Onkel soeben getroffen und auf einige Augenblicke zu seiner Tante und Cousine gehen wolle, dieselben zu begrüßen. Leo blickte auf, und als er den alten Herrn sah, grüßte er freundlich. Sein Gruß wurde jedoch kaum erwidert. Befremdet sah Leo auf seinen Freund; doch dieser hatte das kleine Mädchen aus den Arm genommen, welches dem Großvater nachgelausen war, um dem Onkel guten Tag zu sagen. „Bis nachher!" wandte Walter sich zu Leo und folgte seinem Onkel. Die Begrüßung zwischen Walter, seiner Tante und seiner Cousine war eine herzliche. Man freute sich, die schöne Reise zusammen machen zu können und Walter fragte nach einiger Zeit, ob er den Herrschaften seinen Freund vorstellen dürfe. „Wir fiitd begierig, denselben kennen zu lernen", entgegnete die Tante. „Wie heißt Tein Freund", fragte der Onkel, „und was studirt er?" „vr. Leo Rosenthal, studirt Chemie", antwortete Walter. „Dacht' ich mirs doch", sagte der Onkel für sich, „so ein Gesicht kann nur ein Jude haben." Darauf fragte er laut: „Ist Dein Freund ein Jude?" „Ja, Onkel", sagte Walter, „er ist der Sohn des Commerzienrathes Rosenihal in Cöln." „Um so schlimmer", sagte der Onkel; „ich verzichte daraus, feine Bekanntschaft zu machen und kann nicht begreifen, wie ein von Kraft einen Juden seinen Freund nennen kann." Bei diesen Worten erröthete Walter über und über, eine Wolke des Unmuths zog über sein Gesicht. Ek^erhob sich und sprach: ' „Dann bedauere ich, lieber Onkel, Eure Gesellschaft ent- ' behren zu muffen. Herr vr. Rosenthal ist mein Freund und das dürfte Dir in jeder Hinsicht genügen. Ob derselbe Jude, Türke oder Heide ist, kann für Dich dabei nicht in Betracht kommen." „Meinst Du? Du bist noch jung, Walter, und weißt nicht, welch' Blende, verkommene Nation diese Juden sind. Sie gehören nicht in die Gesellschaft, denn betrügerisch und verlogen, treulos und falsch sind sie alle, und selbst durch die heiligsten Beziehungen suchen sie ihre Vortheile. In Berlin sind die Juden durch die Agitation unseres Stöcker längst nicht mehr salonfähig, und ich habe geglaubt, auch von den Studenten in Heidelberg würden sie zu jenen Luftwesen gerechnet, die nicht beleidigen und nicht beleidigt werden können." „Mag sein, daß Berlin und Herr Stöcker uns in der Civilisation um einige hundert Jahre voraus sind", versetzte Walter ruhig; „mich kann der Antisemitismus nicht veranlassen, einen lieben Freund zu meiden." „Ei, Papa", fiel hier Irma ein, „was geht uns die Religion von Walters Freund an. Bringe ihn nur her, Walter, uns genügt es, daß er Dein Freund ist." „Ja, Walte:, stelle uns den Herrn vr. vor", sagte jetzt auch die Tante, „und Dich, Hellwald, bitte ich, Dir eine kurze Zeit Deinen Antisemitismus aus dem Sinn zu schlagen." „Meinethalben", sagte der Onkel, und als Walter sich entfernt hatte, um seinen Freund zu holen, fügte er hinzu: „Muß man doch lästige Insekten während des ganzen Sommers ertragen, warum sollte es schwerer sein, die Gesellschaft eines Juden für einige Stunden mit in den Kauf zu nehmen." Unterdessen war Walter bei seinem Freunde angelangt und hatte diesem den Wunsch seiner Tante und Cousine, ihn kennen lernen zu wollen, mitgetheilt. Eine trübe Wolke des Mißmuths lagerte über Leos Stirn und er sagte zu Walter: „Lasse mich lieber hier, Walter; ich tauge heute nichts mehr für die Gesellschaft der Damen und möchte Deinem Onkel keinen Grund geben, über irgend Jemand ärgerlich zu sein." „Ach, was!" versetzte Walter. „Die Damen wünschen sehr, Dich kennen zu lernen, und mein Onkel, nun mit dem mußt Du es nicht so genau nehmen. Er liest seit 25 Jahren jeden Tag von A bis Z die „Kreuzzeitung". Wird es Dich da wundern, wenn das Gift, das er durch diese Lectüre täglich seinem Geiste zuführt, diesen endlich, ohne daß Onkel sich dessen bewußt wird, gänzlich durchdringt? Nimm Onkel wie er ist und komme meinethalben mit. Meine Tante und Irma werden Dich durch Liebenswürdigkeit und Esprit für den Antisemitismus meines Onkels zu entfchädigen wissen." „Laß mich hier, Walter; weßhalb soll ich das Unangenehme aufsnchen, da ich es doch vermeiden kann!" „Gut, so leiste wer will meiner Tante Gesellschaft! Ich bleibe bei Dir." „Rein, Walter, in keinem Falle! Die Ufer des Stromes bieten mir Unterhaltung genug; ich —" „Entweder Du gehst mit, oder ich bleibe auch da." Walter nahm einen Klappstuhl und wollte sich neben Leo setzen. Doch dieser erhob sich und sagte: „Komme, stelle mich Deinen Verwandten vor. Ich will lieber etwas Unangenehmes mit in Kauf nehmen als Dir ein Vergnügen und eine Freude stören." Sie gingen an den Tisch; Walter stellte seinen Freund vor, der von den Damen mit Liebenswürdigkeit, von dem alten Herrn mit einer förmlichen steifen Verbeugung empfangen wurde. Das Schiff Durchschnitt die grünen Fluthen des Stromes und im Fluge zogen die herrlichen Burgen und ehrwürdigen Ruinen vor den Blicken der Reifenden vorüber. Eine fröhliche Stimmung hatte sich der Passagiere des Dampfers bemächtigt und als nun von irgend Jemand ein Rheinlied angestimmt wurde, da fand dies Lied ein Echo in jeder Brust und brausend drangen die Töne über den Strom und fanden einen Widerhall in den Bergen und klangen hinein in die Dörfer, welche gleich Perlen die herrlichen Gelände schmücken. Die Unterhaltung in der Gesellschaft der beiden Freunde stockte Anfangs. Walter sprach mit seinen Verwandten von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.