Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 46-47 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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876 Auch vom Lande aus merkte man jetzt die Gefahr, in welcher zwei Menschenleben schwebten. Alles schrie nach Booten. Die unglückliche Mutter sah mit irren Blicken auf den Strom, dessen Wellen ihr einziges Kind zu verschlingen drohten. Herr von Hellwald und Walter schrieen und rangen die Hände — das Kind schien verloren. Jetzt erst bemerkte man Leo, der mit allen seinen Kräften gegen den Strom kämpfte. Athemlos sahen alle dem aufregenden Schauspiele zu. Jetzt war er nur noch um Armeslänge von dem Kinde entfernt — jetzt — großer Gott, die Wellen haben das Kind verschlungen — nichts mehr ist zu sehen. Auch von Leo keine Spur. Ein zu Berg gehender Dampfer fährt jetzt über die Stelle, wo man die Verunglückten vor kurzer Zeit noch gesehen- Wen seine Schraube traf, der war verloren. Erschüttert wandten sich alle Blicke von der Unglücksstätte. Herzzerreißend war der Jammer der unglücklichen Mutter, die immer wieder von Neuem Boote ausgesandt haben wollte, um ihren Liebling zu retten. Umsonst! Die ausgesandten Boote kehrten wieder, keines hatte die Verunglückten gefunden — der Strom hatte seine Opfer gefordert; zwei Menschenleben hatten die Wellen vernichtet. Langsam setzte der Dampfer seine Reise fort; mit halber Kraft arbeitete die Maschine; vielleicht daß man die Leichen der Verunglückten sehen und bergen konnte. — Wer vermöchte den Jammer der unglücklichen Mutter beschreiben, deren einziges Kind auf solche Weise vor ihren Augen endet! Wer fände genügend Worte den edlen Helden zu Preisen, der, um ein Menschenleben dem nassen Grab zu entreißen, das eigne Leben wagt und opfert! Im Himmel aber ist es verzeichnet, menschlichen Begriffen schwer faßbar, wenn ein Mensch sein Leben für das Kind des Mannes wagt, der ihn eine Stunde zuvor tätlich beileidigt hat. Ein Jude hat diese That vollbracht, einer von denen, die nur nach Profit trachten, die nur an sich denken und deren Religion ihnen gebieten soll — den Nebenmenschen, wo sie nur können, zu betrügen! O ihr tausendfachen Thoren! Möchtet Ihr doch die Geschmähtenrichtig kennen lernen, ihr müßtet sie achten und ehren, schon der hohen ethischen Lehren halber, die ihre Religion enthält! Der Tag neigte sich feinem Ende. In einem Zimmer des ersten Stockes eines Hotels saßen die Verwandten Walters in trostlosem Jammer versunken. Wie sollte man dem Vater des Kindes, der in Ems zur Cur weilte, entgegentreten, wie ihm das Unglück mittheilen? Niemand hatte den Muth dazu, da jeder wußte, mit welch' inniger Liebe der Vater an dem Kinde hing. Langsam und trübselig verflossen die Stunden; keiner hatte Speise und Trank angerührt. Die alte Dame lag krank im Bette und Herr von Hellwald saß wie gebrochen, stumm vor sich hinstarrend in einem Lehnstuhle, während Walter rastlos im Zimmer auf und ab schritt. Da fuhr ein Wagen am Hotel vor. Niemand achtete darauf. Schritte ertönten auf der Treppe, Stimmen wurden laut, wer bemerkte es? Doch horch! Walter blieb plötzlich stehen und lauschte bange. War's möglich? Ja, es war sicher; zweimal schon hatte er Leo's Stimme vernommen und jetzt, jetzt wieder — eilig stürzte er zur Thüre, öffnete dieselbe und stand vor seinem Freunde. „Leo, Walter" tönte es, und die Freunde lagen sich in den Armen. Doch bald machte sich Walter los. „Du bist, wie ich sehe, Gottlob gerettet", sprach er; „doch sprich, gelang es Dir auch das Kind —". „Elsa liegt wohlgeborgen im Pfarrhaus des nächsten Dorfes; das kalte Bad hat ihr hoffentlich nicht geschadet. Sie verlangt nach ihrer Mutter und da eilte ich selbst, Euch Botschaft zu bringen. Uebermittle Du die Nachricht Deinen Verwandten und lebe wohl." — „Hoho", rief Walter, den Freund in's Zimmer ziehend, „das wäre schön! Onkel, Tante, Irma, freut Euch, Elsa ist gerettet, und hier ist der Goldmensch, dem wir die Rettung des Kindes verdanken. Und denkt Euch, fort will er, so ganz sans fa<;on, ohne unsern Dank abzuwarten; aber ich halte ihn —'' „Laß mich, Walter", bat Leo; „Tu weißt nicht — Dein Onkel und ich — ich bin Jude —. „Ja, Du bist Jude, aber ein lieber Jude, ein herziger, braver Jude, ein Goldjude bist Du", und er küßte ihn in einem fort, während Thronen der Freude über seine Wangen liefen. Jetzt kam auch Irma und der Onkel- Sie trauten ihren Ohren nicht, als sie die Freudenbotschaft hörten. Immer und immer wieder mußte Leo wiederholen, daß das Kind gerettet sei und lebe. Irma wollte sofort hiniahren und das Kind holen. „Deßhalb habe ich meinen Wagen unten warten lassen, gnädige Frau", versetzte Leo; „wenn Sie sich seiner bedienen wollen, so steht er zu Ihrer Verfügung". Irma war rasch fertig; mit Walter und Leo fuhr sie in's Dorf hinaus, woselbst sie ihr Kind, wenn auch matt und schwach, so doch unversehrt vorfand. Ihre Freude, als sie das Kind wieder in ihren Armen hielt, war unbeschreiblich. Vom Pfarrer erfuhr sie, mit welchen Gefahren Leo bei der Rettung des Kindes zu kämpfen gehabt harte, und immer von Neuem dankte sie dem jungen Manne. Die Nacht über blieb Irma bei dem Kinde im Pfarrhaus. Am andern Morgen war Elsa wieder ganz wohl. Man fuhr nach Coblenz, woselbst Walter seinen Freund, der sich entfernen und jeder Dankesbezeugung entziehen wollte, festhielt. : Um zehn Uhr kam Elsa's Vater, den man telegraphisch benachrichtigt hatte, aus Ems. Auch er dankte dem Retter seines Kindes mit bewegtem Herzen und bat, daß er mit Walter einige Tage bei ihnen in Ems verbringen möchte. Leo jedoch lehnte dankend ab; er wollte seine Rheintour fortsetzen und erklärte um 3/.,l mit dem Schnelldampfer stromabwärts fahren zil wollen. Walter solle nur einige Tage bei seinem Onkel bleiben; in Cöln könnten sie sich ja wieder treffen. Walter wollte Leo jedoch nicht verlassen und so begleiteten die Verwandten Walters die beiden Freunde an den Rhein. Als das Schiff, welches sie besteigen wollten, schon nahe am Ufer war, trat der alte Herr auf Leo zu, faßte seine Hand und sprach: „Herr Tr., verzeihen Sie mir das Unrecht, welches ich Ihnen gestern gethan. Von einem aberwitzigen Vorurtheil war ich befangen und es bedurfte erst eines solchen Unglücks, um mich davon zu heilen. Ich hatte Sie schwer beleidigt, und Sie, der Jude, wagten Ihr Leben für das Enkelkind Ihres Beleidigers; Sie sind edler als ich; Gott möge Ihnen Ihre That lohnen, wir können es nicht. Setzen Sie Ihrem Edelmuth die Krone auf und verzeihen Sie mir, einem alten Manne, dem, was er gethan, leid, sehr leid thut. Sie sammelten feurige Kohlen auf das Haupt Ihres Beleidigers, und möge Ihnen die Versicherung genügen, daß diese Kohlen auf meinem Haupte ewig brennen werden". Thränen erstickte seine Stimme. Leo wollte etwas erwiedern, da ertönte auch schon der Ruf: Einsteigen nach Cöln — fertig. Mit einem Sprunge waren die Freunde an Bord, die Maschine keuchte schwer, das Boot entfernte sich rasch vom Lande und bald war es den Blicken der am Ufer Stehenden entschwunden. — Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstraße Nr.2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirt h'schen Hofblichdruckerei-Acrien-Gescllschaft in Mainz.