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Der Israelit · 1891-06-11 · Heft 46-47 (11.6.1891) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 46-47 (11.6.1891)
Date
1891-06-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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860 Auch der bekannte Schriftsteller und Gemeindepoet Rudolph Baumbach ist natürlich nicht zurückgeblieben und aus seinem nie versiegenden Liederquell ließ er eines jener reizenden Poeme hervorsprudeln, die mit der bestrickenden Anmuth in der Form eine so erwärmende Gefühlsinnigkett verbinden. Damit auch der witzige Schalk nicht fern bleibe, erscheint Julius Stettenheim mit einem Gedicht, welches — die Auswanderung aus Rußland propagtrt. Da noch täglich, ja fast stündlich neue Spenden eingehen, so wird die Tombola von einer kaum zu überbietenden Reichhaltigkeit sein. MySlowitz. Dem hier gebildeten Comite zur Unterstützung ausgewiesener Juden aus Rußland sind 750 Familien, welche in den nächsten Tagen zur Weiterbeförderung nach Argentinien eintreffen, angemeldet und empfohlen worden. Alle möglichen Vorbereitungen werden zu deren Bewirthung getroffen. Im Mai passirten 2800 Auswanderer unsere Station. Ratibor. Viele Trupp Auswanderer passirten die Station Ratibor. Sie nahmen die Route Berlin-Breslau-Oderberg und haben hier Nachmittags einen 3 ständigen Aufenthalt. — Die Oberschlesischen Hilfcomitss centralisiren sich. Hier fand eine Sitzung statt, der zwei Delegirte des Beuthner Comittz's beiwohnten. Es wurde beschlossen, daß jede Grobgemeinde die kleineren Nachbargemeinden in ihrer Mitte zusammenschließen und alle Gemeinden wiederum sich zu einem „Oberschlesischen Hilfscomit4" auf einem Delegirtentag, der in Beuthen am 14. Juni ftattfindet, verbinden sollen. So hofft mau eine Zersplitterung der Kräfte zu vermeiden und unter einheitlicher Leitung die Transportfrage durch unsere Grenzprovinz bestens zu regeln. Gelder sind daher nicht mehr an das Central-Comits, das sich in Berlin gebildet, zu senden, sondern vorläufig hier in Reserve zu halten. In den letzten Tagen kamen wiederholt versprengte Trupps von Ausgewiesenen hier durch; es waren meist Schneider, Schuhmacher und Schmiede, die friedlich in ihren Städten wohnten und von den Schergen des Oberprokureurs des heiligen Synods, Pobedonoszew, von Haus und Hof vertrieben wurden. Die Redaction des „Oberschlesischen Anzeigers" wurde von hiesigen und auswärtigen christlichen Kreisen befragt, ob auch sie durch Spenden an diesem rein menschlichen Liebeswerke sich betheiligen dürften. Darauf antwortete das Blatt: Wir meinen, daß diese Unterstützungen nicht allein gestattet, sondern geradezu geboten sind und die Pflicht dünkt uns um so dringender, als gerade unsere israelitischen Mitbürger bei allen nur möglichen Gelegenheiten für rein christliche Zwecke sich bisher stets freudig betheiligt haben. Aus Baden. Sr. Kgl. Hoheit der Großherzog hat denOberamtsrtchter Dr.Sally Maas in Mannheim zum Landgerichtsrath in Mannheim und den Dr. Ludwig Mai, Sohn des Lehrers Mai in Ludwigshafen, zum Notar inFurtwangen ernannt. Zu unserem Nike. Bei dem hohen Interesse, das gegenwärtig von der gesammten Judenheit unseren unglücklichen, aus Rußland vertriebenen Brüdern und Schwestern entgegengebracht wird, glauben wir dem Wunsche vieler unserer geehrten Leser zu entsprechen, wenn wir ihnen ein Bild vor Augen führen, aus welchem erkenntlich, wie eigentlich diese Armen aussehen uud welchen Eindruck dieselben Hervorrufen. Es ist vielfach noch die irrige Meinung verbreitet, daß die Auswanderer zum großen Theil aus der Hefe der russischen Judenheit bestehen und daß vornehmlich solche sich zum Verlassen ihres Vaterlandes rüsten, die in Rußland nichts zu verlieren haben und daher anderwärts nur gewinnen können. Das ist durchaus nicht der Fall. Leute, die sich in den besten Verhältnissen befanden, geehrte, angesehene Bürger mußten zum Wanderstab greifen, um sich außerhalb ihres von ihnen so geliebten Vaterlandes ein neues Heim zu suchen. Auch das junge Paar, das uns Herr Pr ins in seinem heutigen Bilde vorführt, traf das Ausweisungsdekret gerade in dem Augenblick, als der junge Mann, der sich seither ganz dem Thorastudium gewidmet hatte, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen sich anschickte. Der Vater ist vor einigen Wochen hinubergegangen in jene bessere Welt, in der kein Unterschied gemacht wird, zwischen Kaiser und Bettler und in der Jeder nach Verdienst seinen Lohn empfängt. Er starb in der Hoffnung, daß sein wohlgeordnetes und einträgliches Geschäft seinen Kindern alle niedrigen Sorgen fernhalten werde. Da kommt der „Poliziant" mit dem bekannten rothen Zettel und innerhalb 24 Stunden müssen sie marschbereit sein. Sie verkaufen in aller Eile, war irgendwie verkäuflich ist, zu jedem Preise, der ihnen geboten wird, sie nehmen mit, was transportabel, und nun sind sie nach langer, langer Reise und unter großen Strapazen hier in Amsterdam angelangt. Der Erlös aus den Habseligkeiten ist längst aufgezehrt, und ungewohnt, das Mitleid ihrer Brüder in Anspruch zu nehmen, blicken beide verzweiflungsvoll gen Himmel. „Was nun?" „Was nun?" Das Kind zu ihren Füßen weiß nichts von dem Schmerz der Eltern, die Flöte, die ihm ein vorübergehender Knabe geschenkt, bereitet ihm viele Freude. Was wird einst sein Schicksal sein, wird es ihm besser ergehen, wie den Eltern? O möge das Hetligthum recht bald gebaut werden, damit alle Drangsal ein Ende habe! Es ist ein ergreifendes Moment, das uns der Künstler hier vor Augen führt, ergreifend durch seine erhabene Einfachheit, ergreifend durch die traurige Wirklichkeit. Herr Ben ja min Pr in» ‘'V, ein Sohn des unseren Lesern bekannten Rabbi Liepman Philip Prins ’"J, ist einer von den wenigen jüngeren Malern, der fern von dem heute modernen craffen Realismus, sich seine Ideale bewahrt hat. Nachdem derselbe die Amsterdamer Akademie, an deren Spitze der rühmlichst bekannte Professor Allebö steht, absolvirte, setzte er seine Studien auf der Antwerpener Künstlerschule unter Professor Verlöt fort. Aus der Pariser Hochschule, wo er seine Studien vollendete, errang er sich einige Preise. Man lobt hauptsächlich das Colorit seiner Bilder. Dem Pinsel des jungen Künstlers entstammen noch einige andere Gemälde jüdischen Inhalts, die wir vielleicht ein anderes Mal unseren geehrten Lesern im Abdruck vorsühren werden.

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