Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 46-47 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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854 läßt. Indessen alle moralischen und materiellen Folgeübel der Korfioter Angelegenheit wären zu verschmerzen und zu vergessen, wenn mit Gewißheit zu erwarten wäre, daß jene Scenen eine vereinzelte Erscheinung bilden werden. Leider kann sich eine derartige Zuversicht vor der Hand nicht bilden. Nach Informationen diplomatischer Kreise, auf Konsularberichten beruhend, steht eine Wiederholung der Exzesse sehr zu besorgen. Bekanntlich war die Untersuchung über das an dem gefundenen tobten Mädchen begangene Verbrechen behördlicherseits sehr ungeschickt geführt worden, man wollte die Sache verschleiern, was eben den Hetzern die Möglichkeit gab, sie als einen rituellen Mord hinzustellen. Die Resultate der Untersuchung sind auch seither nicht bekannt gegeben worden, indessen wäre — dem erwähnten Konsularbericht zufolge — seither festgestellt worden, daß das Mädchen thatsächlich von Juden ermordet worden sei, aber freilich nicht als Opfer religiösen Aberglaubens, sondern weil es, selbst Kinder jüdischer Eltern, seines kindlichen Alters ungeachtet, einem sittenlosen Lebenswandel gehuldigt habe und hierbei einem Racheakt zum Opfer gefallen sei. Diese angeblichen Resultate stimmen vollständig mit der Thatfache überein, daß ja ursprünglich ein jüdischer Schneider der Polizei den Abgang seiner minderjährigen Tochter meldete und Tags darauf einen vor seiner Thüre gefundenen Sack, die Leiche seiner Tochter enthaltend, auf das Gericht trug. Sowie aber letztere doch sonnenklaren Umstände den aufgehetzten Pöbel nicht verhinderten, an den rituellen Mord eines christlichen Mädchens zu glauben, besorgt man, daß das Bekanntwerden der Resultate der Untersuchung, das ja schließlich nicht zu vermeiden ist, neuen Keim zu Gährungen abgeben werde, da anzunehmen ist, daß die Fanatiker nicht an die jüdische Abkunft des Mädchens glauben, sondern sich blos an die Thalsache klammern werden, daß es von jüdischer Hand gefallen sei. Diesmal dürfte es die Regierung indessen nicht auf eine auswärtige Intervention ankommen lassen, denn der Stoß, den das Kabinet Delyannis durch die Vorstellungen der fremden Vertreter und das Erscheinen der Kriegsschiffe vor Korfu erlitten hat, war allzu fühlbar und nachhaltig. Die Regierung ertheilt denn auch bündige Versprechungen und will für alle Fälle die Besatzung der Insel verstärken. Falls übrigens die Auswanderung der Korfioter Juden in dem bisherigen Maßstabe andauern sollte, dürften alle Vorsichtsmaßregeln überflüssig werden, da es sodann keine jüdische Gemeinde mehr geben wird. > Vermischtes -4- Berlkn. Das Kl. Journal schreibt: Von einer »treuen Abonnentin" erhalten wir folgende Zuschrift: „Unter meinem jüdisch klingenden Namen, trotzdem aber eine Christin, Tochter eines evangelischen Predigers, ersuchte ich die Badedirektion zu Horst a. d. Ostsee um Uebersendung eines Prospektes und erhalte daraus wörtlich folgende Antwort auf einer Postkarte: „Zu unsrer Freude ist hier bereits Alles an evangelische Leute vermiethet! Die Badedirection!" Man weiß wirklich nicht, was man zu einer solchen Pöbel- Hastigkeit sagen sollt Reilingen (Baden). Zu der am 10. Mai stattgehabten Fahnenweihe des hiesigen Militärvereins war der isr. Lehrer, Herr A. Heimberger, vom Vorstande eingeladen worden, die Festrede zu halten. Seine ungefähr eine halbe Stunde dauernde Rede wurde von der wohl 3000 Köpfe zählenden Menge begeistert ausgenommen. Dieser Vorgang ist ein sichtlicher Beweis, daß dahier die verschiedenen Confesstonen in Frieden und Eintracht Zusammenleben. Wien, 24. Mai. Am 4. v. M. vergnügte sich auf der Gürtelstraße ein junger Mensch damit, daß er ostentativ an die vorübergehenden Damen anstieß und dabei die Worte: „Ausweichen, Hebräerinnen!" hervorbrüllte; ab und zu brach er auch in deu Ruf: „Hoch Liechtenstein!" aus. Eine von den „angestoßenen" Damen rief einen Sicherhettswachmann herbei, der das Nationale des Exzedenten ausnehmen, wollte. Allein dieser erwiderte: „Mein Name geht Sie nichts an, ich bin Antisemit und damit basta!" Als nun der Wachmann mit der Arretirung drohte, erhielt er zur Antwort: „Machen Sie nicht so viel Aufhebens wegen ein paar Jüdinnen mir scheint, Sie sind selber ein Judenkerl, schämen Sie sich." Jetzt nahm der Wachmann thatsächlich die Arretirung vor, welche verhaltnißmähig ruhig ablies, nur daß der Arretirte ab und zu den Prinzen Liechtenstein hob leben ließ. Theodor Hoch — dies der Name des Arretirten — wurde polizeilich wegen Behelligung von Passanten bestraft, außerdem aber wurde der Akt dem Bezirksgerichte zur Stafamtshandlung wegen Wachebeleidiung abgetreten. Der Richter verürtheilte den Angeklagten zu drei Tagen Arrest. Wessely. Neben Herrn Josef Ornstein, der zum Bürgermeister der hiesigen Stadt gewählt wurde, haben die Wähler der Vorstadt Wessely, eine ausschließlich bäuerliche Bevölkerung, seinen Bruder Abraham Ornstein in den Gemeinderath entsendet. Dabbatai Aewi. Historische Erzählung Vrnsl Schwär?. (Fortsetzung.) „Du kannst Dich entfernen", wandte sich der Vorsitzende an Gabriel; „da der Verbrecher sich weigert, vor uns zu erscheinen, so wäre Deine nochmalige Aussage nicht von Belang." Mit achtungsvollem Gruße entfernte sich der junge Mann, die Richter jedoch blieben noch beisammen, um zu berathen, was gegen diese schreiende Gesetzesverletzung zu geschehen habe.