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Der Israelit · 1891-06-11 · Heft 46-47 (11.6.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 46-47 (11.6.1891)
Date
1891-06-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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855 Daß der Bann über den Frevler verhängt werden müsse, darin stimmten Alle sofort überein; Einer jedoch erklärte den Bann in diesem Falle als durchaus unzulänglich. Handle es sich doch vor allem darum, die Jugend, die Träger der Zukunft unseres geheiligten Volkes, den Verführungskünsten des Verbrechers zu entziehen. Dazu werde der ausgesprochene Bann nicht hinreichen; denn die bethörten Jünglinge würden sich dadurch nicht zurückhalten, sich um ihren Meister zu schaaren und dessen verderblichen Lehren zu lauschen. Man einigte sich schließlich, vorläufig nur den Bann über den Missethäter zu verhängen, ihn jedoch gleichzeitig warnen zu lassen, daß, falls er seine Lehrthätigkeit nicht vollständig einstellen werde, er sofort des Todes schuldig erklärt werden würde. Als der Gerichtsbote zum zweitenmal in das Haus des Mordochai Zewi trat, traf er nicht diesen, sondern dessen Frau. „Mein Mann ist nicht zu Hause," sagte diese, noch bevor der Bote sie angeredet hatte, „Ihr müßt gegen Abend wiederkommen, wenn Ihr mit ihm reden wollt." „Ich verlange nicht nach Eurem Manne," erwiederte der Gerichtsbote, „meine Botschaft gilt Eurem Sohne Sabbatai." „Meinem Sohne Sabbatai?" fragte die Frau erschreckt, ohne daß sie sich selbst klar war über die Ursache ihres Schreckens. „Was wollt Ihr von meinem Sohne Sabbatai?" Der Bote überlegte; es schien ihm nicht schicklich, über den ihm gewordenen Auftrag zu reden, bevor er denselben vollzogen, dennoch hielt er es wüuschenswerth, daß Sabbatai's Mutter denselben sofort erfahre. „Begleitet mich zu Eurem Sohn," sagte er, „da werdet Ihr erfahren, was ich ihm zu sagen habe." Beide begaben sich durch den langen, düsteren Gang hinaus in den Hofraum, wo das Lehrzimmer Sabbatai's sich befand. Schon von fern vernahmen sie die wunderbar schöne, klangvolle Stimme des jungen Mannes. Es war ein seltsames Lied, das er in spanischer Sprache sang: „Aufsteigend auf einen Berg Und herabsteigend in ein Thal, Begegnete ich Melißeide, der Tochter der Kaisers, Welche kam, um ihr Haar zu waschen. Ihr Antlitz war glänzend, wie ein Degen, Ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl Ihre Lippen waren wie Korallen, Ohren und Arme waren wie Milch." Die Frau öffnete die Thür des Lehrzimmers und trat ein; der Bote folgte ihr. Die Schüler hatten sich bereits entfernt, Sabbatai befand sich allein und durchmaß, mit weiten Schritten auf- und niederwandelnd, singend den weiten, eingefriedeten Raum. Er hatte die Eintretenden vermuthlich sofort bemerkt, doch gab er sich den Anschein, als glaube er sich allein; ohne sich in seinem Gesänge zu unterbrechen, setzte er seine Zimmerpromenade fort. „Sabbatai Zewi!" ries der Gerichtsbote. Der Sänger wandte sich zu ihm und blickte den Kühnen, der es abermals wagte, ihn zu stören, herausfordernd an. „Verfluchter Hund!" schrie er ihm entgegen, „was unterfängst Du Dich?" „Ich komme abermals im Namen der Rabbinen —" „Daß sie in's Gehinnom fahren!" schrie Sabbatai, mit dem Fuße stampfend. „Sabbatai!" rief seine Mutter voll Entsetzen, „wie kannst Du so gottlos reden?" Er hielt es nicht der Mühe werth, der Erschreckten zu antworten, der Gerichtsbote aber fuhr fort: „Sabbatai Zewi, das Rabbinen-Gericht läßt Dir durch mich verkünden, daß der Bann über Dich ausgesprochen ist." Sabbatai's Mutter stieß einen gellenden Schrei aus. „Gerechter Gott!" rief sie händeringend, „was hat er verbrochen, daß der Bann über ihn verhängt ist?" „Ich spotte des Bannes!" rief Sabbatai, sich hochmüthig in die Brust werfend. „Spotte nicht!" warnte der Gerichtsbote, „Du hast den Namen Gottes frevelnd ausgesprochen, Du hast Deine Schüler zu Gott lästernder Kundgebung verleitet, darum gibt das Rabbinen-Gericht Dir hiermit kund und zu wissen, so Du nicht achtend des Bannes, Deine Lehrthätigkeit nicht vollständig aufgeben wirst, so wirst Du sofort, ohne weitere Warnung, des Todes schuldig erklärt!" Sabbatai's Mutter stieß abermals einen gellenden Laut des Entsetzens aus und sank, in Thränen ausbrechend, auf eine der uiedern Bänke. Der Gerichtsbote hatte sich sofort entfernt; der junge Mann blickte ihm bleich und im ersten Augenblick vollkommen verstört nach. Sabbatai Zewi war kein Held; an dem, was man Muth nennt, gebrach es ihm vollständig und war er durchaus nicht gewillt, um seiner Selbstverhimmlung willen sein theueres Leben zu gefährden. — Aber er hatte bereits begonnen, den eigenen Schwindel als göttliche Eingebung zu betrachten — und seine zahlreichen Schüler glaubten an ihn und sein Vater und der weise, welterfahrene Jachint — wie hätte er nicht selbst an sich glauben sollen? — Aber — aber — wenn er an sich selbst glaubte, wenn er glaubte an die Göttlichkeit seiner Sendung

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