Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1891)
- Date
- 1891-06-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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837 lbett Zugang zu den Stadtbahnbögen draußen in der schönen r Nachbarstadt Berlins öffnet. Ein amtliches Holzschild sagt dasselbe trockener in den zwei inhallreichen Worten: „Für Auswanderer". Giebt es inhaltreichere Worte? Du hast Dir in einem Leben voll Arbeit und Entbehrungen ein Heim gegründet. War Deine Arbeit gesegnet, so hast Du Dir Haus und Hof erworben. Ein Weib, das Leid und Freud mit Dir theilt, wohnt an Deiner Seite und belebt Dir die Heimath zu einer Stätte des Glücks. Sie hat Dir Kinder geschenkt, ihre und Deine Ebenbilder, und all' Dein Mühen ist darauf gerichtet, den Kleinen die Sorgen fernzuhalten und sie für die Zukunft auszurüsten, damit sie den Kampf des Lebens leichter durchkämpfen, als es Dir gegönnt war. Du hast Freunde, Gleichgesinnte gefunden. Du bist ein Glied in einer Gesammtheit, und fühlst Dich glücklich, es zu sein. Du hast eine Heimath!. Ta plötzlich zerstört das wüthende Element, was Du mühselig, durch den Fleiß von Jahren und Jahrzehnten geschaffen. Wo Menschenhand gewaltet zur eignen Freude und zum Segen der Gesammtheit, ward es öd' und wüst. Heimathlos stehst Du da, und nur der eine Trost ist Dir geblieben, Weib und Kind sind glücklich der furchtbaren Fluth entronnen und schaaren sich um Dich mit der stummen Frage: Was nun? Was nun? Nun, wo Dein halbes Leben hinter Dir liegt, und die kampfgestählte Kraft der Jugendjahre erlahmt ist? — — Jenseit des Ozeans — haben es die Nachbarn nicht hundert Mal erzählt — liegt das große Goldland. Dahin, Dahin! Du nimmst den Wandcrstab zur Hand und gehst thränenlos und gefaßt. Allmählich erwacht auch die Hoffnung wieder. Denn wo der müde Fuß ein Stündchen Ruhe findet, warten Deiner fühlende Männer, um Dir zu helfen, und liebevolle Frauen, um Dein Weib trostreich aufzurichten, und Dein Kind mit zarter Hand zu Pflegen. Und so gelangst Du an das große Meer. Wasser und Himmel. Tausend Zukunstsgedanken drängen sich in Deinem Hirn. Schon bauest Du drüben in der neuen Heimath Deine Stätte, schon hast Du Dich an den unglücklichen Bruder angeschloffen, den das gleiche Schicksal Dir zum Freunde gemacht hat, schon siehst Du sehnenden Auges das Land, das Dich gastlich empfangen wird, schon ruht das Rad, dessen Schlag Dir Wochen hindurch freundlicher Ton des Trostes gewesen, schon hält Tein Schiff in dem belebten Hafen, fremde Klänge empfangen Dich — aber nicht, wie Du seit Wochen geträumt und gehofft mit menschlichem Brudergruß, nein, mit der barschen Frage, die all die heiteren Bauten deiner Phantasie mit eins zertrümmert, wie das mitleidslose Element dir Haus und Hof zerstört. Tort in dem Goldland können sie nur den brauchen, der etwas mitbringt. Und du, was bringst du mit? .... Und wieder bis du obdachlos, heimathlos! Tröste dich mit den Tausenden, die im Kampfe mit den Mächten der Natur unterlegen sind. Kampf mit der Natur ist Menschenschicksal! Wie aber, wenn der Mensch, wenn mein Bruder mitleidlos ist, wie das Element? wenn der Nachbar, mit dem ich gestern friedlich über hundert Dinge geplaudert, die wir gemeinsam lieben, heute sein Schwert gegen mich kehrt, weil es auch Dinge giebt, die er anders ansieht als ich? Wenn der harmlose Mann, der gestern gar nicht gewußt hat, daß er mich nicht lieben dürfte, zur Bestie wird, weil man ihm in's Ohr geflüstert, daß ich nicht sein Bruder sein darf? O, wer sie gesehen hat die Scharen bleicher Männer und schwankender Frauen, wie sie bekümmert um ihre Küchlein mit dem Ausdruck der Hoffnungslosigkeit die dunkle Treppe des Bahnsteigs herabkamen — der mußte daran verzweifeln, daß die beglückende Lehre der Bruderliebe je die ganze Menschheit erfassen könnte.... Der Bahnhof Charlottenburg ist der letzte Ausläufer der großen Berliner Stadtbahnlinie. Er liegt auf einem ziemlich hohem Damme und gewährt einen freundlichen Rundblick über die hübsche, in Grün gebettete Stadt, über saftige Wiesen und eine weit hinreichende Häuserreihe, die am Ende des Gesichtskreises mit dem Meer der Bauten der Reichshauptstadt zusammenfließt. Täglich bringen vier bis sechs Züge an die sechshundert Auswanderer hierher. Aus allen Gegenden Rußlands, auf allen Wegen kommen sie: die größere Zahl über Eydtkuhnen und Alexandrowo — Thorn, kleinere Trupps auf dem südlichsten Wege von Sosnowice — Kattowitz und auf dem nördlichsten vor Tauroggen. Der Zug hält. Scheu und furchtsam steigen einige Männer mit großen, schweren Bündeln aus den Wagen; sie schauen sich um und wissen nicht was sie beginnen sollen. Die Sprache des Schaffners ist ihnen fremd, den Zuspruch des menschenfreundlichen Beamten verstehen sie nur halb, aber eines wissen sie schon: in Berlin soll ihnen geholfen werden. Mit fömlicher Andacht sprechen sie den Namen der Reichshauptstadt aus, denn die ersten Auswanderer, die der russischen Bedrängniß entflohen, haben ihnen schon geschrieben, wie man hier Menschenliebe zu üben versteht. Es ist ihr Glück, daß sie unsere Menschenliebe nur aus den Briefen ihrer Brüder kennen, hätten sie in Eydtkuhnen manche unserer Zeitungen gelesen — die Hoffnung hätte sinken muffen. Allmählich hat sie der Zuspruch Wohlwollender die Treppe hinab geleitet. An zwanzig Tischen haben sie Platz gefunden, mit Kisten und Kasten. Hundert Hände sind bereit, den Unglücklichen zu dienen. Die gestern Diener waren, schlimmer noch, die von der Hand des rohen Grenzwächters hin- und hergestoßen wurden, bis sie ihm den letzten Groschen gaben, um nur herauszukommen aus dem Lande des Jammers und die Luft der Freiheit zu athmen — sie fühlen jetzt ein Glück, das sie nie gekannt haben: von fremden Menschen Gutes zu empfangen, denen sie nie werden danken können, die den Dank nicht heischen. Oben am ersten Tische waltet des Schaffneramts ein freundlich blickender Mann und ein reizende junge Frau. Tie Hand, die sonst die Feder zu führen gewohnt ist, reicht gefüllte Tassen, und gierig langen zehn Hände nach dem dampfenden Kaffee und der erfrischenden Milch. Die Dame widmet sich den Kindern, die mit tausend Handküssen danken. Wahrlich, sie verdient den Dank! Verstünden ihre Glaubonsbrüder im heiligen Rußland das Evangelium der großen Menschheitliebe wie sie, sie müßten vor Zerknirschung zusammenbrechen bei dem Anblick des Jammers, den sie geschaffen haben. Ganz unten, wo die Oeffnung des Stadtbahnbogens ein helles Licht in die halbdunkle, lange Halle einlätzt, sitzt zusammengekauert ein graubärtiger Mann. Seine Umgebung bezeigt ihm besondere Achtung, und ein junger Mann ist liebevoll um ihn besorgt. Es ist sein Sohn. Er war Arzt in dem kleinen Städtchen des Wilnaer Gouvernements, aus dem der Vater zu flüchten gezwungen war. Nicht die Schergen der Regierung hatten ihm den bescheidenen Platz in dem letzten Häuschen der Stadt gewehrt, die Noth hatte ihn davongetrieben. Ter Rabbiner fand keine Schüler mehr in den blutigen Tagen der Verfolgung, und der gute Sohn wollte den greisen Vater nicht verlassen auf dem weiten Wege über den Ocean. Es war ein gebildeter junger Mann von bester Lebensart, der bescheiden und gewandt, zugleich in drei Sprachen über die Noth seiner Stammesgenossen berichtete. Und tragisch war der Schmerz, mit dem er über die geistige Noth seines Vaterlandes Rußland weinte. Die Thränen standen ihm in den Augen, als er mir sagte; „Ihr deutschen Juden seid glückliche Menschen, Euch ge-