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Der Israelit · 1891-06-08 · Heft 45 (8.6.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 45 (8.6.1891)
Date
1891-06-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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836 die russische Judenverfolgung den ganzen Vorrath von „Gründen" aus, die man aus der antisemitischen Literatur der letzten Jahre genugsam kennt und die, nachdem sie in Deutschland dutzende Male widerlegt worden sind, jetzt mit bemerkenswerther Zählebigkeit — nichts ist bekanntlich so schwer umzubringen als erlogene Behauptungen, die agitatorischen Zwecken zur Grundlage dienen können — in den Spalten der russischen Reptilien-Blätter auftauchen. Neben diesen „Gründen" finden sich im „Nord" noch — nach gut antisemitischer Art und Sitte — einige eigenhändig zurechtgemachte Entstellungen und Erdichtungen. Kurzum, wenn der genannte Artikel auch in Wahrheit nicht aus offiziöser Quelle stammen sollte, so könnte er doch ganz gut russisch-offiziös sein; denn die Freunde der russischen Reichskanzlei würden, wenn sie an die Verteidigung der russischen Judenverfolgungen gehen wollten, doch nichts anderes zusammenbringen, als dieses Gewebe von mehr oder minder bewußten Unrichtigkeiten, wie es der Artikel des „Nord" rcpräsentirt. Es verlohnt sich nicht der Mühe die Ucbertreibungen und Fälschungen im Einzelnen zu widerlegen. Zu bewundern ist nur die elegante Leichtigkeit, mit welcher der Artikel die beiden brennendsten Schandmale der gegenwärtigen russischen Judeuhetze abfertigt, den religiösen Fanatismus nämlich, durch den sie verursacht, und die grausame Brutalität, mit der sie ausgeführt wurde. Diese beiden Thatsachen werden in einfachster Weise dadurch widerlegt, daß sie abgeleugnet werden. Religiösen odernationalen Fanatismus gibt es in Rußland gar nicht und hat es nie gegeben. Pobedonoszew führt ein Toleranzregiment, das an Josef II. erinnert, und Rußland ist ein Asyl, in dem alle anderwärts verfolgten Culte Schutz und freie Ausübung finden. Der Nationalismus ist nirgends weniger zu finden als in Rußland; seine Staatsmänner sind von'wahrhaft kosmopolitischem Geiste erfüllt, und in Katkow ist dem neunzehnten Jahrhundert ein zweiter Marquis Posa erstanden. Darum ist es auch vollständig unlogisch, aus den Judenverfolgungen auf einen in Rußland vorhandenen Antisemitismus zu schließen. Und die bei der Austreibung der Juden verübten Brutalitäten? Das .sind lediglich Erfindungen jüdischer Journalisten. In Wahrheit ist die russische Polizei mit jener Zartheit vorgegangen, durch die sie seit langem bekannt ist; man hat die Juden nur zu Vergnügungsreisen in Salonwagen erster Klasse veranlaßt, und an den Bestimmungsorten haben sie zu ihrer freudigen Ueberraschung auf Staatskosten für sie erbaute Landsitze vorgefunden. . . . Was Wunder, daß in diese offiziöse Pastete auch das alte Ammenmärchen von den jüdischen Koalitionen hineingemengt ist, die zum Zweck haben sollen, gewisse Grundelemente des Staatslebens zum Nutzen der jüdischen Privat-Interessen zu korrumpiren. Diese armen und gedrückten Menschen, auf denen die Eiseufaust des russischen Despotismus seit jeher mit besonderer Wucht gelastet, werden jetzt auf einmal als Mitglieder einer Eamorra hingestellt, gegen die das russische Millionenreich schleunigst Schutz - maßregeln ergreifen muß, um nicht unterzugehen! Was Wunder auch, daß die Wendung wiederkehrt von den Juden, die alle Rechte beanspruchen und sich aller Pflichten entziehen. Die jüdischen Soldaten, die zu Hunderten auf den türkischen Schlachtfeldern geblieben sind, beweisen freilich nichts; denn sich für die hohe Politik des Zaren erschießen zu lassen, ist offenbar ein Recht und keine Pflicht. Der Gipfel der Unverfrorenheit ist aber jene Stelle des Artikels, die sich anf die Thatsache beruft, daß in Preußen jüdische Geschworene ihre Glaubensgenossen stets freiznsprecheu pflegten. Der „Nord" bleibt eine nähere Angabe darüber, wann, wo und unter welchen Ilmständen diese „Thatsachen" in Preußen enthüllt wurden, wohlweislich schuldig; und er wird cs sich wohl gefallen lassen müssen, so lange als Lügner bezeichnet zu werden, bis er diese Angaben geliefert haben wird. England. London, 3. Juni. Gestern führte Lord Rothschild dem Vorstand der vereinigten Synagogen gegenüber aus, daß man die Gefahr, die angeblich aus der Einwanderung der Inden nach hier erwachsen solle, übertreibe. Er ist der Ansicht, daß man den wohlhabenden jüdischen Arbeitern wegen des hiesigen überfüllten Arbettsmarktes Wohnorte außerhalb Englands verschaffen und den mittellosen hier eventuell Arbeit Nachweisen solle. DieHanptpflicht für die hiesigen armen Juden sei die Bemühung um ihre Naturalisation. London, 4. Juni. In der soeben stattgefundenen Sitzung der Mitglieder des Councils und der auswärtigen Delegirten der Provinzialgemciuden wurde der Rev. Dr. Hermann Adler »"j zum Chief Rabbi der isr. Gemeinden Londons und der Provinzen und Colonien des britischen Reiches einstimmig gewählt. Die feierliche Jnstallirung ist auf den 23. dieses Monats festgesetzt. Feuilleton. Am Merk der Menjchenliede. (Momentbilder aus Charlottenburg.) „Wofern ihr Thränen habt, bereitet euch sie jetzo zu vergießen'." — dieses Shakespearesche Wort könnte man als Inschrift in das gewaltige Steinthor eingraben, das uns

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