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Der Israelit · 1891-06-08 · Heft 45 (8.6.1891) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 45 (8.6.1891)
Date
1891-06-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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838 stattet man, Eurem Vaterlaude zu dienen.. Die heiseren Stimmen, die Euer glückliches Land gern auf die Stufe Rußlands herunterschreieu möchten, werden doch bald verstumme» müssen vor dem allgemeinen Chor, der die hehre Religion der Gleichheit predigt. Wir aber, was können wir thun? Mit Mangel und Vorurtheil unter den Eigenen kämpfend, öffnen wir uns endlich den Weg, der zu Licht und Freiheit führt. Wir hoffen schon den finsteren Bann gebrochen zu haben. Wir haben uns die Wissenschaft der Zeit angeeignet, wir sprechen die Sprache unserer orthodoxen Nachbarn, wir wirken neben und mit ihnen, wir lieben was sie lieben, wir verehren, was ihre Verehrung ist, wir haben Freunde unter ihnen, wir kämpfen um dieselben Ideale — und der Federstrich eines ruhelosen Mannes genügt, um das Werk eines Jahrhunderts zu nichte zu machen." In diesem Augenblick trat ein anderer Herr an den Tisch heran und fragte nach den Geldbedürfnissen der Leute. Viele von ihnen besaßen Schifffahrtskarlen, die ihnen die Verwandten aus Amerika, Cpfer derselben Unduldsamkeit, herübergeschickt hatten; andere besaßen das Geld, um sie zu kaufen; die meisten aber waren mittellos, yalb nackt in die Welt hinausgegangen. „Was habt Ihr Euch dabei gedacht?" fragte ich einen stämmigen Mann, der aus Charkow kam, „als Ihr ohne einen Rubel in der Tasche in die Fremde zöget? „Lieber Herr," sagte der Mann in seinem verstümmelten Deutsch, „ich war Gerber zu Hause. Ich habe vierzig Rubel den Monat verdient, ich bin gesund und stark und war ein glücklicher Mann. Ich habe Frau und zwei Kinder, eine gute Frau, Gott erhalte sie, und kleine, liebe Kinder, sie sind dort geblieben und leben von der Barmherzigkeit. Aus Charkow hat man uns nach Polen zurückgeschickt in das Dorf, wo ich geboren bin, was soll ich da machen? Dort giebt es keine Gerbereien. Gott wird helfen, Hab' ich gedacht, Hab' mein Bettgewand verkauft, meinen Rock, nur um über die Grenze zu kommen, schlechter, Hab' ich gemeint, kann es nicht werden, hier sind gute Leute, die Helsen uns nach Hamburg, von da hilft man uns nach Amerika, und wenn ich dann gespart habe, was die Reise kostet, dann kaff' ich mein Weib und meine Kinderchen Nachkommen." „Und wenn man Euch dort nicht aufnimmt? Ihr wißt doch, daß man die Leute zurückweist, die gar nichts haben." „Dann weiß ich nicht mehr was ich anfange," sagte er in dumpfer Hoffnungslosigkeit. Von dem Hauptraume führt eine Holztreppe hinunter in einen kleineren Bogen. Auf den ersten Blick konnte man erkennen, daß die Männer und Frauen, die hier auf den Bänken saßen und um die Treppe herumstanden, einem anderen Stamme angehörten, Die jüdischen Flüchtlinge oben zeichneten sich durch Beweglichkeit und Lebhaftigkeit aus, die meisten von ihnen hatten ein schwächliches Aussehen, ihr Typus, zwar kein rein semitischer, war doch kein durchaus von der Gesichtsprägung der anderen abweichender, so daß man sie als Stammesgenossen erkannte. In ihrem Jargon besitzen sie ein Berständigungsmittel in allen Theilen der Welt, wo man deutsch spricht und versteht. Unten aber herrscht größere Ruhe, größere Sicherheit, zeigten die Männer ein gesunderes Aeußere, die Frauen eine größere Passivität; und der Mangel eines Verständigungsmittel verurteilte sie alle zu geduldigem Abwarten. Merkwürdiger Weise war eine organisirte Hilfe für die Leute unten, polnisch-katholische Arbeiter, nicht zur Stelle. Weiß denn Berlin nichts von dem Durchzuge dieser Leute? Selbst diejenigen, welchen es nicht ganz an Geldmitteln fehlt, bedürfen der Unterstützung bei der Lösung ihrer Fahrkarten, bei dem Verkehr mit den Beamten, an dem Tische des Wartesaals, wo sie nicht wissen, wie sie um die nöthige Erfrischung zu bitten haben. Viele aber brauchen auch das Allernöthigste. Nach der 24stündigen Reise kommen Frauen und Kinder so ermüdet an, daß sie einen Trunk mit herzlichem Danke entgegen nehmen. Zum Glück ist das Hilfskomite, das oben waltet, nicht so engherzig wie die, die all das Elend verschuldet haben. Kaum war es bekannt geworden, daß auch unten reisemüde Leute der Hilfe bedürfen, als Thee, Kaffee uud Brod zur Stelle war und eine freundliche Schenkin aus großen Kesseln die dargereichten Taffen füllte. Das Werk der Menschenliebe vollzog, was die Bildung noch nicht vollbracht hat, es vereinigte Mensch mit Menschen und fragte nicht nach Stamm und Art. Drüben am Strand der Newa sitzt ein Mann in einem herrlichen Palast; Gott hat ihm das Szepter verliehen über Hunderte Millionen, auf daß er sie glücklich mache, das ist seine innerste Ueberzeugung: dabei sieht er nicht, was in seinem großen Reiche geschieht, weiß er nicht, wie Tausende bluten, um Hunderten ein Leben voll Genuß zu bereiten. Oder glaubt er wirklich den Ohrenbläsern, welche ihm sagen, daß es Gott gefällig sei, Menschenleben und Menschenglück zu zerstören, weil diese Menschen Gott der über den Welten waltet, in anderer Form verehren? Die bescheidenen Frauen und Männer, die draußen das Werk der Menschenliebe üben, sie könnten ihm bester als seine Rathgeber sagen, wie leicht es ist, Glück zu schaffen, wenn man die Macht dazu hat, und wie fluchwürdig der Mißbrauch einer Gewalt, der es so leicht wäre, Segen zu spenden. Raphael Löwenfeld im „Berliner Tageblt." Wochen - Kalender. Donnerstag, ll. Juni, 5. Silvan. sstpIL' my. Festes^Anfang 7 Uhr 30 Min. (Mainzer Uhr.) Freitag, 12. Juni, 6. Siwan. my:m Samstag, 13. Jnni, 7. Siwan. rny3t£H '3. Fe-:es Ausgang 9 Uhr 10 Min. (Mainzer Uhr.) Sonntag, 14. Jnni, 8. Siwan. jn nDN. Briefkasten der Redaktion. Lehrer B. K. in S. Wir darkcn Ihnen für Ihre freundliche Zusendung; einer Erwiederung halten wir jenes Provinzialblärtchen, auch wenn es in Ihrer Gegend stark verbreitet ist, nicht für würdig. Die Judenhetze ist nun leider heute eine Modekrankheit; es gehen uns täglich hunderte solcher Ausschnitte mit Ausfällen gegen die Juden zu, und wenn wir auf alle erwiedern wollten, so würde ein tägliches Blatt in dem Umfang der „Times" auch nicht ausreichen. Mit Gottes Hilfe wird unser geliebtes Vaterland von dieser Krankheit bald geheilt sein. Die Krisis hat es unserer Ansicht nach schon Überstauden. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich. /An alleinstehender, älterer Mann sucht *2, auf sogleich ein religiöses Mädchen, E" welches bürgerlich kochen und die Haushaltsarbeiten verrichten kann. 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