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Der Israelit · 1891-06-08 · Heft 45 (8.6.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 45 (8.6.1891)
Date
1891-06-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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> Vermischtes. -4- Berlin, 4. Juni, Die „Vossische Zeitung" berichtet über neuerliche Verschärfungen der Paßmaßregeln Seitens Rußlands. Sie hat an zuständigem Orte Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß auf dem hiesigen russischen Generalkonsulate der Befehl eingetroffen sei, Pässe für Personen mosaischen Glaubens überhaupt nicht zu visiren, daß in Folge dessen das Konsulat in Fällen, welche „zweifelhaft" erscheinen, — und „zweifelhaft" sind alle Fälle, in denen die Namen auch nur entfernt einen „jüdischen Anklang" haben — die Beibringung eines Taufzeugnisses verlange, ehe das Visum erthetlt werde, daß es aber selbst für die Besitzer visirter Pässe „rathsam" sei, auf einer Reise nach Rußland das Taufzeugniß mitzunehmen. Es kommt nämlich vor, daß auch Personen mit einem regelrechten deutschen oder russischen Patz, der ihren christlichen Glauben bestätigt, trotz des Visums an der Grenze abgewiesen werden. In diesen Tagen sind Reisenden aus der neueren Ordnung bereits peinliche Schwierigkeiten erwachsen. — Die Direktion der Neuen Berliner Omnibus- und Packetfahrt-Aktiengesellschaft hat sich bereit erklärt. Packele für die nothleidenden russischen Juden auf Bahnhof Charlottenburg unentgeltlich aus den Wohnungen abzuholen und zu befördern. Berlin. Zum Besten der durch die fortgesetzten Verfolgungen so hart betroffenen russischen Juden beabsichtigt, wie wir hören, ein zu diesem Zwecke zusammengetretenes Comitö in allernächster Zeit ein Eliteconcert mit darauffolgendem Sommernachtsfest zu veranstalten. Die glänzendsten und liebenswürdigsten Vertreter und Vertreterinnen unserer Kunst, — darunter Frau Marcella Sembrich — haben ihre Mitwirkung bestimmt zugesagt. Nach Allem, was wir erfahren haben, dürften sonach all' diese Veranstaltungen einen außerordentlich glänzenden Verlauf nehmen. Düsseldorf, 2.Juni. Der „Tägl.Anz." schreibt: Die Ausweisung der Juden aus Rußland macht sich auch auf den hiesigen Bahnhofen bemerkbar, indem unter den fast täglich hier durchreisenden Auswanderern Juden aus Russisch-Polen und dem Innern des Czarenreiches sehr zahlreich vertreten sind. Jeder edel denkende Mensch fragt sich, wie es in unserm Jahrhundert möglich ist, diese Millionen aus einem Staate auszuweisen! Und nun vernehme man die Schilderungen, welche diese armen Ausgewiesenen von den Qualen entwerfen, denen sie in Rußland ausgesetzt sind. Zuerst werden sie durch Militär und Polizei an den einzelnen Orten, wie das liebe Vieh gesammelt, um dann nach der Grenze escortirt zu werden. Schonungslos geht man gegen Greise, Weiber und Säuglinge vor. WaS nicht mit kann, wird ohne Erbarmen niedergeschlagen, und so haben Hunderte von Menschen ihren Tod in den Sümpfen und Morästen Rußlands gefunden. Wie kann dieses Elend gemildert werden? Wenn wir unseren jüdischen Mitbürgern zeigen, daß wir von der wahren christlichen Nächstenliebe beseelt sind und helfen, wo Hülfe Noth thut. Wir vertrauen, daß auch in unserer Stadt Opfcrwillgkeit genug vorhanden ist, thatkrästig einzuschreiten. Mögen diese Zeilen vorläufige Veranlassung dazu bieten! Bremen, 26. Mai. Eine große Anzahl ausgewiesener russischer Juden wird in nächster Zeit über Bremen nach Amerika auSwandern. Das Comitö für die russisch-jüdischen Ankömmlinge in Charlottenburg hat an den Prediger der hiesigen jüdischen Gemeinde diese Mittheilung gelangen lassen, ohne allerdings anzugegeben, wohin die Ausgewiesenen sich begeben werden. Da für einen etwaigen mehrtägigen Aufenthalt in Bremen rechtzeitig Vorkehrungen zur Unterbringung der Ausgewiesenen getroffen werden müssen, so ist das Charlottenburger Comits angegangen worden, schleunigst mitzutheilen, wann und in welcher Anzahl sie hier eintreffen werden. Es wird sich auch hier ein Comite bilden, um den Unglücklichen nach Kräften an die Hand zu gehen. Gebweiler (Elsaß), 26. Mai. Ein hiesiger Petroleumhändler feierte heute mit einer Kaufmannstochter von hier, beide Israeliten, seine Hochzeit. Obschon hierorts die Bekenner der jüdischen Konfession ziemlich stark vertreten sind, so war diese ceremoniöse Feier für unsere Stadt dennoch ein ungewöhnliches Ereigniß, weil dies seit 1870 die erste israelitische Hochzeit ist, die Hierselbst abgehalten wurde. Bisher bestand unter jüdischen Brautleuten nämlich der Brauch, ihre Hochzeit im nahegelegenen Bollweiler zu begehen. Die Synagoge war von Neugierigen dicht gefüllt. Wie», 4. Juni. In einer EnquZte bei der Statthalterei stimmten sämmtliche Theilnehmer zu, daß in Großwien nur eine israeltische Kultusgemeinde bestehen soll. — Die Polizeidirektion in Triest wurde aus Athen davon avisirt, daß der Grieche Georg Stero, welcher während der Judenkrawalle auf Korfu zwei Juden getödtet habe, auf einem Postdampfer nach Triest geflohen sei. Gleichzeitig wird um die Verhaftung des Flüchtlings ersucht. (Die Antisemiten als internationale Hetzer.) Aus Wien wird telegraphirt: In einem an die „Neue Freie Presse" gerichteten Schreiben aus Berlin SW., Alte Jakobstr. 37, mit der Unterschrift: F. von Levetzow, Antisemit, bekennt sich Letzterer als Autor der vielgenannten Schrift über die österreichische Armee; gleichzeitig kündigt derselbe an, er werde demnächst die Broschüren „Offene Worte über das Treiben der Juden in Oesterreich" und „Allerlei aus Oesterreich" mit Enthüllungen über den Jockeyclub und das österreichische Gerichtswesen veröffentlichen. Herr von Levetzow gibt zu, auS der österreichischen Armee ausgetreten zu sein, weil er sein ganzes Vermögen verspielt habe; er theilt dagegen die Gründe seines Austrittes aus der preußischen Armee nicht mit. — Aus Ungarn. In einem Ausruf der Preßburger OberrabbinerS '"1 werden die dortigen Juden aufgefordert, für unsere verfolgten Glaubensbrüder in Rußland Geld zu sammeln, besondere Gebete zu verrichten und Fasttage zu Hallen. AuS Ungarn. Wie nunmehr bestimmt, trifft der König am 21. Juni in Fünfkirchen ein und wird noch an diesem Tage Deputationen empfangen. Seitens der dortigen isr. Kultusgemeinde ist eine Einladung an sämmtliche isr. Kultusgemeinden Transdanubiens abgesendet worden, dieselben mögen sich der Deputation der isr. Kultusgemeinde von Fünfkirchen anschließen. Die meisten Gemeinden haben schon ihre Anmeldung übersendet und werden mit ihren Rabbinern nach Fünfkirchen kommen, in Folge dessen sich die Deputation der Israeliten imposant gestalten wird. In das Programm wird auch die Besichtigung des israelitischen Tempels ausgenommen. — s. — Der Oberpfaffe Pobedonoszew, der heute in Rußland allmächtig ist, setzt die Verfolgung der Deutschen und der Juden gleichmäßig mit fanatischem Eifer fort. „Die religiösen Verfolgungen in den baltischen Provinzen", so schreibt der Berichterstatter des „Daily Telegraph", „haben um nichts nachgelassen. Die Pastoren Treu und Krause sind jetzt zu Gefängnitz verurtheilt und aller ihrer Aemter sowohl geistlicher, wie anderer, entsetzt worden. Außerdem ist ihnen verboten, jemals wieder geistliche Funktionen in der Provinz Kurland auszuüben. In Livland blicken die Behörden selbst auf Wohlthätigkeitsgesellschaften mit Mißtrauen, weil sie den Lutheranern Gelegenheit geben, zusammenzukommen." London, 22. Mai. Der Verein zur Verbreitung des ChristenthumS unter den Juden zeigt wiederum ein großes

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