Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1891)
- Date
- 1891-06-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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831 Frankreich. Paris, im Juni Die Idee jüdischer Colonie- Gründungen in Palästina, die in allen größeren Gemeinden Europas und Amerikas eine so warme Aufnahme gesunden hat, mußte auch den Wohlthätigkeitssinn unserer Pariser Glaubensgenossen anregen. Wie in London, Odessa und New-Aork und unter dem Eindruck des Mitleids, welches das unglückliche Schicksal unserer russischen Glaubensgenossen erweckt, hat sich dahier eine Gesellschaft gebildet, die zum Zwecke hat, die israelitischen Colonisten Palästinas zu unterstützen. Die Bereinigung zählte schon nach einigen Monaten zahlreiche Mitglieder; sie bildete am 17. Mai einen Verein unter dem Titel „Oisedoud Erez Jisroel!“ Etwa hundert Mitglieder waren dem Rufe des provisorischen Vorstandes an diesem Tage gefolgt. In der sehr interessanten Sitzung führte Herr Rabbiner M. Weißkopf den Vorsitz, demselben standen die Herren Naphtaiie Levp, Dr. Klein, Prague und Spanier bei. Nachdem die Statuten verlesen und angenommen worden waren, erklärte sich die Gesellschaft constituirt. Hierauf nahm Herr Pragne das Wort, um die moralische, wie materielle Lage des Werkes auseinanderzufetzen, das während der Vorarbeiten von 5 Monaten nahe an 200 Anhänger gefunden habe. Er setzte die Gründe auseinander, welche die Schöpfung eines Vereins nothwendig gemacht haben und das Endziel, das derselbe verfolgte: Beistand der verfolgten Glaubensgenossen, Unterstützung zur Bebauung des heiligen Bodens Palästinas. Herr Joseph Halevi, der gelehrte Orientalist, der Urheber des Wohlwollens und des Schutzes, den die türkische Regierung den Israeliten, die sich im heiligen Lande etabliren, bewilligt hat, war auch anwesend. Bei der Wahl des Vorstandes wurde Großrabbiner Herr Zadok Kahn zum Ehrenpräsidenten ernannt. Präsident wurde Herr Rabbiner M. Weißkops, Vicepräsidenten die Herren Dr. Klein und N. Levy, Cassierer Herr I. Lehmann und Secretär Herr Prague. England. London, 31. Mai. Der jüngst verstorbene Mr. Henry Salomon, Schwiegersohn des sel. Dr. Adler b'ni, vermachte die Summe von L. 5000 Sterling zu verschiedenen wohlthätigen Zwecken. Rußland. Petersburg, 2. Juni. „Nowoje Wremja" erklärt die Meldungen über eine neuerliche Judenzählung und zunehmende Ausweisung für unbegründet. Asien. Samarkand, im Mai. Die von der russischen Regierung angeordnete Austreibung der Juden, wird langsam, aber energisch auch auf Mittelasien, das sogenannte Russtsch'Turkestan, ausgedehnt, denn auch hier wurden vor wenigen Tagen mehrere jüdischrussische Kaufleute zur Polizei beschieden, wo man dann ihnen kurz und bündig mittheilte, sie hätten die Stadt binnen wenigen Tagen zu verlassen, sonst würde man sie durch eine Kosaken-Escorte über Orenburg und Kiew an die deutsche Grenze abschieben lassen. Diese Juden kamen erst nach der Eroberung unserer Stadt durch die Russen 1865 hierher, siedelten sich hier an und behielten hier nicht nur ihre polnisch-russische Tracht, sondern auch ihren polnischen Ritus bei und bildeten hier eine eigene Gemeinde mit einem eigenen Bethause (nojDn ra N’Dom pbw :iruD). Es gibt daher hier zwei Gemeinden, die russisch-polnische und die turkestanischsephardische. Die Mitglieder der Letzteren rasiren noch heute ihr Kopfhaar bis auf die Schläfenbüschel (nwe) ab, tragen einen Turban, dann Ledergürtel und einen blauen Mantel, an dessen vier unteren Enden die weißen Schaufäden (rrx’y) sich befinden. Da die russisch-polnischen Juden den hiesigen einheimischen Juden an Geschäfts- und Unternehmungsgeist bedeutend überlegen sind, so bestand schon seit jeher zwischen beiden Parteien eine Art Spannung, so daß auch Eben zwischen ihnen nur äußerst selten Vorkommen. Die russischen Behörden haben jedoch stets die hiesigen einheimischen Juden den fremden vorgezogen, und ihnen sogar gestattet, sich außerhalb des Judenviertels (Mehallel El-Jehud) anzusiedeln und Häuser daselbst zu erbauen. Nun müssen die eingewanderten fremden Juden mit Frau und Kind wieder unsere Stadt verlassen, um nach ihren russischen Heimathsorten 'zurückzukehren, wo ihrer neuer Jammer und neues Elend harrt. Viele derselben haben nun wirklich unsere Stadt verlassen und sich nach Transkaspien gewendet, in der Hoffnung, man werde sie dort in Ruhe lassen, da diese Provinz nur spärlich bevölkert ist. Leider hatten sie sich hierin getäuscht, da die russischen Behörden sie auch dort nicht dulden wollten. Was hingegen unsere einheimischen Juden anbelangt, so leben diese noch weiter unbehelligt hier und erfreuen sich noch fortwährend der Gunst der russischen Behörden. Aber nicht nur hier, sondern auch in Taschkend, Kohkand und Margilan haben die einheimischen Juden nicht zu klagen über die russischen Behörden, die ihnen weder in religiösen noch in weltlichen Dingen das Geringste in den Weg legen. Sie dürfen sich sogar in den bisher von ihnen unbewohnten Städten ansiedeln.