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Der Israelit · 1891-06-08 · Heft 45 (8.6.1891) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 45 (8.6.1891)
Date
1891-06-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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i 830 steckt. Nun ist sie froh, wenngleich sie weiter kein Zeug hat, wie das schmutzige auf dem Leibe, von Geld war bei ihr keine Rede, es wurden ihr über hundert Rubel entrissen. Sie will zu ihrem Mann nach Amerika und ist noch heute Abend mit dem Dampfer nach Kiel abgefahren. Und nun erst ans dem Speicher selbst! Auf dem harten Boden schliefen die meisten des Nachts, wenige hatten Strohsäcke. Aus Tonnen und Brettern hat man sich einen Tisch zurecht gemacht; um denselben sitzen Männer, Frauen und Kinder und essen ein Stück Schwarzbrod nebst Fisch. Das ist ihre Sabbatspeise! Drei Stock hoch ist der Speicher und alle drei Stock sind mit Menschen dicht angefüllt. Hier erzählt mir ein Schuhmacher aus Libau, daß er daselbst 14 Jahre glücklich gewohnt habe. Jetzt sei er vertrieben, da er keinen neuen Paß habe und auf dem Polizeiamt nicht eingetragen sei. Binnen 24 Stunden habe er die Stadt verlassen müssen, sämmtliches Handwerkzeug habe er um einige Rubel verkauft, sein baares Vermögen von 70 Rubeln sei ihm geraubt, die Schiffskarte nach New-Aork zu seinem Sohn habe er noch. Er danke Gott, daß er hier so gute Menschen gefunden, die ihm geholfen. Da stehen einige Knaben zusammen und lernen englische Vokabeln. „Wie danke ich dem himmlischen Vater, sagte eine Frau, daß ich hier Logis umsonst gefunden; denn hätte ich für 4 Nächte 48 Kopeken 'zahlen müssen, so wäre ich mit meinem Reisegeld nicht ausgekommen. Zum Comite gehe ich nicht; denn nie habe ich bis jetzt Unterstützung angenommen." Ans diesen einzelnen Bildern ersehet Ihr, daß das Geld, das Ihr uns vertrauensvoll in die Hände legt, aufs Beste angewandt ist und wird. Warum zögert Ihr aber in den größeren Städten des Inlandes, reichlich Unterstützung zu gewähren? Täglich werden vom Comitö über lOOO Mark verausgabt, noch ein paar Tage und unsere Kasse wird erschöpft sein. Seid froh, daß Ihr nicht die Noth und das Elend so sehet, wie wir es hier vor Augen haben, und darum gebet, gebet um so mehr, da die Noth so groß ist; gebet, denn einst wird Euch wieder gegeben werden. Wenn wir hier nicht im Stande sind, unsere Glaubensgenossen zu unterstützen, so daß sie per Schiff in billiger Weise von hier aus weiter befördert werden, dann seid sicher, wird das Elend noch eine grausamere Gestalt annehmen, dann werden die Bedrückten gezwungen sein, Euch in Euren Häusern aufzusuchen, um Mittel zur Weiterfahrt und zur Zehrung zu bekommen. Unterstützet das hiesige Comitö so, daß Geldmangel nie eintreten möge, und darum Ihr Herren Gemeindevorsteher, Ihr ehrwürdige Rabbinen, Ihr Lehrer, sammelt, sammelt, der eine viel, der andere wenig und sendet uns den Betrag, damit dem Elend doch wenigstens etwas abgeholfen werde. Lasset nicht umsonst den erneuten Hilferuf des Herrn Rabbiner Dr. Rülf an Euer Ohr dringen. Helfet!!! Sally Bernstein, Lehrer. □ München, im Mai. Wer etwa der Meinung ist, daß nur die sog. „Kreuzzeitung" das teuflische Märchen vom „rituellen Mord" auf Corfu re. ihren Lesern aufzubindcn sucht, der irrt sehr. Denn auch das hiesige obskure Blättchen des kleinen Haman der Gegenwart, Di-, zur. Johann Baptist Sigl, wiederholt fast tagtäglich diese niederträchtige Erfindung. Ebenso judcnfresserisch geberdet sich ein obskures Blättchen in Augsburg, genannt „Neue Angsb. Ztg.". Dieselbe leistet in ihrer Nr. 124 vom 31. Mar folgenden Satz: In Corsu (Griechenland) herrscht jetzt wieder Ruhe. Welchen Grund die „Judenhetze" hatte und ob wirklich ein „ritueller Mord" vorliegt, ist immer noch nicht vollständig aufgeklärt. Wir enthalten uns deßhalb des endgiltigen Urtheils darüber. Aber peinlich berührt uns doch, wenn die jüdische Presse nicht nur diesem Urtheile vorgreift, sondern dasselbe auch zu beeinflussen sucht. □ München, 1. Juni. Die Al lg. Arb eiter- Eolonie „Simonshof" beherbergte in ihrem dritten Aufnahmsjahre (vom 1. Mai 1890 bis Ende April 1891) 440 katholische Coloniften, 321 protestantische und 3 israelitische aus Bayern. Schweiz. Bern. Aus der Feder des Hrn. Fürsprech Sahli in Bern, gewesenem Ständerath, ist soeben eine Broschüre erschienen unter dem Titel „Gegenmemorial für die sämmtlichen israelitischen Kultus- Vereine in der Schweiz betreffend den Rekurs der Regierungen von Bern und Aargau gegen den Entscheid des Bundesrathes vom 17. März 1890". Bekanntlich hat sich der Bundesrath in diesem Entscheide unter bestimmten Vorbehalten für die Zulässigkeit des Schächtens ausgesprochen. In der vorliegenden Schrift hält nun der Verfasser, gestützt auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit, ein Verbot des Schächtens der Schlachtthiere ebenfalls verfassungsmäßig für nicht zulässig; er schließt die Eingabe an die Bundesversammlung mit dem Gesuche, diese möchte in Aufrechterhaltung des erwähnten Bundesbeschlusses die Regierungen von Bern und Aargau mit ihren Rekursen vom 10. Februar 1891 abweisen. Wir fügen hier bei, daß diese Angelegenheit in der letzten Session der Bundesversammlung nicht behandelt werden konnte, da den Rekursbeklagten, das heißt den israelitischen Gemeinden und Genossenschaften vom Bundesrath zur Einreichung einer Antwort auf den Rekurs die Frist bis zum 1. Mai 1891 erstreckt worden ist.

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