Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1891)
- Date
- 1891-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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829 Dr. Schmidt aus Dresden. Als Punkt 2 seiner Ausführungen behandelte der Redner die Judenhetze — und illustrirte dieselbe sehr sachlich und verdienter Weise — abfällig! Der mit Beifall aufgenommene Lortrag gab auch zur einer Dtscussion Veranlassung, woran sich die Antisemiten vornehmlich betheiligten. Als erster Antisemit sprach der einstmalige Pastor Schenner, der seine Ausführungen grundgemüthlich machte und deßhalb viel Heiterkeit erweckte. Der zweite antisemitische Redner war Herr Uhl, der auch heute nichts anderes wußte, als diese oder jene Worte, die irgend ein Todter über die Juden gebraucht — herzudeklamiren. Herr Uhl hatte seine Bibliothek mitgebracht — und wollte die Freisinnigen mit antisemitischer Mache fangen. Schönlanke, 31. Mai. Erlaube mir unter Bezugnahme auf Ihren Leitartikel in Nr. 39 und 40 folgenden Vorschlag, durch welchen große Fonds zur Hilfe unserer russischen Glaubensgenossen beschaffen werden könnten, zu unterbreiten. Eine jede Vertretung der jüdischen Gemeinden Deutschlands verpflichtet sich vorläufig auf 3 Jahre, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Einnahmen an eine Centralkaffe, die zu dem beregten Zwecke gegründet wird, abzuführen; durch Massenpetitionen der Gemeinden, sowie durch den Einfluß unserer großen, der Regierung nahe stehenden Männer, könnte deren Zustimmung zu dem Projekte zu erlangen sein. Sollte dasselbe diskutabel sein, so müßte die Anregung auch für die jüdischen Gemeinden Frankreichs, Oesterreichs und Englands gegeben werden. L. I. B 0 ch n e r. (Wir bezweifeln sehr, ob die Regierung etwas Derartiges genehmigt. Red.) Memel, 30. Mai. Bekanntlich hat sich hier ein ComitL unter dem Vorsitz des Herrn Dr.R ülf gebildet, das hilfsbedürftige Auswanderer mit Geld und Rath unterstützt. Wie emsig, wie unermüdlich unser allverchrter Herr Rabbiner das Werk der Unterstützung betreibt, hat man täglich Gelegenheit zu beobachten. Am Mittag dauert die Arbeit von 12—2 Uhr und des Nachmittags von 6—8 Uhr. Passirt man erwähnte Tageszeiten die Kehrwiederstraße, wo sich im Schullokak Herr Dr. Rülf einfindet, so erblickt man wenigstens 2—300 Auswanderer, die auf dem kahlen Steinpflaster liegen und die Ankunft des erwähnten Herrn erwarten. Viele können vor Mattigkeit und Hunger auf die an sie gerichteten Fragen nicht antworten und bitten nur um ein Stück Brod; andere erzählen ihre Noth, so daß dem Hörer unwillkürlich die Thränen in die Augen treten. Da ist folgendes Bild. Man ruft den Namen eines Mannes auf, und ins Zimmer tritt ein großer, starker, ärmlich gekleideter Mensch, der, krank an den Augen, mit seiner Frau und sieben Kindern vor uns tritt. Ein etwa zwölfjähriger Knabe, das älteste der Kinder, fing zu weinen an. Weshalb weinst Du Kleiner, fragt ein Herr des Cornitss. „Ich habe seit gestern nichts gegessen." Das jüngste Kind hat die Mutter auf dem Arm und an der Brust, ein vierjähriger Knabe steht in zerrissenen Kleidern barfuß da. Warum kommt Ihr zu uns? Wir können nicht weiter kommen. Haben Sie denn kein Geld? Nicht einen Kopeken. Wie kommt das? — Als wir die Grenze überschreiten wollten, da ergriffen uns mehrere russische Bauern und Soldaten, nahmen uns unsere Sachen weg, durchsuchten uns bis auf den Körper und fanden auch unser Geld, das sie uns Wegnahmen und zwangen uns zur Rückkehr. Da ergriffen wir die Flucht und liefen, so weit uns unsere Beine tragen wollten, ins deutsche Gebiet hinein. Wohl hörten wir die Kugeln der schießenden Soldaten um uns pfeifen, doch G. s. D. sind wir glücklich so entkommen. Ich bin ein Schneider und aus Riga vertrieben, ich will nach London, dort hoffe ich ein wenig Arbeit zu finden. — Die Familie erhielt eine Unterstützung, die ihrem Fortkommen nun wohl weiter keine Schwierigkeiten in den Weg legen wird, da doch auch jetzt in den übrigen Hafenstädten sich Comics gebildet haben. Der Kummer war von dem Gesicht der Armen verschwunden und glücklich gehen sie von dannen. In dieser Weise tritt eine und die andere Person vor uns, die an der russischen Grenze von den Beamten beraubt, von den Bauern geplündert und von den Soldaten mißhandelt worden ist, um sie einestheils zur Rückkehr zu zwingen und anderntheils ihnen die Mittel zu entziehen, weiter zu kommen. Sie werden ihres Wohnortes verwiesen, kehren aber nicht in - ihren Geburtsort zurück, da sie da nur Elend über Elend finden würden, kommen an die russische Grenze und man läßt sie nicht, wie eben geschildert, durch. Deßhalb versuchen sie es auf meilenweiten Umwegen durch Wälder, Flüssen u. s. w., um nur ihren Feinden zu entkommen. Heute am Sabbat begab ich mich in einen Speicher, woselbst gegen 200 Personen Unterkommen gefunden haben, wofür sie nichts zu zahlen brauchen. Unterwegs begegnet mir eine Frau, die weint und schreit. Auf mein Befragen erzählt sie mir, daß sie nebst vielen andern Israeliten au der Grenze plötzlich von den Soldaten gefaßt worden sei, die sie blutig geschlagen und beraubt hätten. Als sie glücklich — am Donnerstag — den Händen dieser Barbaren entkommen, vermißt sie ihren Sohn, den sie bis heute suchte. Ihr Suchen war nicht vergcbltch, er fand sich heute Abend noch ein; denn er hatte sich in einen russischen Wald geflüchtet und dort ver-