Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 44 (4.6.1891)
- Date
- 1891-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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812 Mitgliedern des Vereins unerbittlich Nachzahlungen zu ihren Beiträgen eintrieb; daß in seiner Kanzlei mit der Firma Gebrüder Lichtenstern u. Alt ein Vertrag abgeschlossen wurde, wonach dieselbe ausständige Forderungen im Betrage von 475,741 fl., und zwar darunter eine Reihe äußerst solventer Posten, um 80,000 fl. übernahm, und daß Herr Dr. Lueger zu derselben Zeit auch Vertreter der Herren Lichtenstern u. Alt war. Aus der Fragestellung an Dr. Lueger, sowie aus den Zeugenaussagen ging ferner hervor, daß die Oesterreichisch- Ungarische Bank 100,000 fl., die Oesterreichische Sparkasse nahezu die gleiche Summe von den Forderungen, welche sie an den Verein hatte, nachließ, und zwar zu dem Zwecke, daß die nothleidenden Mitglieder des Vereins von jeder Nachzahlung befreit sein sollten. Gleichwohl nahm Herr Dr. Lueger Pfändungen an den ärmsten Leuten vor, denen er ihre letzte Habe nahm, und überlieferte 87 arme Schuldner an Lichtenstern u. Alt, von welchen vorherzusehen war, daß sie ihre Rechte strenge geltend machen würden. Der Angeklagte stellte mit Rücksicht hierauf an den Zeugen, General-Secretär Regierungsrath Rava, die Frage, ob dies Vorgehen den Intentionen der Sparkasse entsprechend war oder nicht? — Dr. Rava antwortete: „Gewiß nicht." Der Privatier Sebastian Obermaier, ehemaliger Aufsichtsrath des Spar- und Vorschnßvereins, kennzerchnete dre Eindrücke, die er von Dr. Lueger empfangen habe, indem er zu ihm sagte: „Ich muß bedauern, daß die Natur auf Ihren Charakter vergessen hat." Nunmehr gab eine Reihe von Zeugen, durchwegs mittellose Handwerker und Geschäftsleute, Auskunft, auf welche Weise Dr. Lueger von denselben ihre Nachzahlungen an den Verein — nicht etwa Schulden für empfangene Gelder oder Waaren — hereingebracht hatte. Dem Gastwirthe Joseph Bauer pfändete Dr. Lueger sämmtliche Kleidungsstücke, ja sogar die Leibwäsche und das Bettgewand. Ein Winterrock und Sommerrock wurden um je 10 kr., Beinkleid und Weste um 40 kr., zehn Hemden um 1 fl., zwei neue Betten fammt Bettgewand um 2 fl. verkauft. Hiezu sagte Herr Dr. Lueger, sich entschuldigend: „Ich mußte gegen Bauer strenge Vorgehen. Ich hatte die Information hierzu, und was soll man in diesem Falle machen?" (Bewegung.) — Angekl.: Damit der Fall Bauer in seiner ganzen Glorie erscheine, muß weiter festgestellt werden, daß nach Vollzug der Real- und Mobiliar-Pfändung die restirende Forderung des Vereins an Hrn. Lichtenstern verkauft wurde. — Dr. Lueger: Ich kann doch eine Forderung nicht in den Ofen schieben. Der Gürtlermeister Cajetan Kimers erzählte, daß ihm die Betten um wenige Gulden, Kleider um wenige Kreuzer verkauft wurden, und zwar zwei Tage vor Weihnachten, bei größter Kälte. Dem Modelltischler Karl Moizich wurden seine Werkzeuge um einen Gesammt-Erlös von 64 fl. 50 kr. verkauft, und er ist seit dieser Zeit nicht mehr selbstständig, sondern muß als Arbeiter sein Brot verdienen u. s. w. Einen Eindruck unbeschreiblicher Art übte ein Pfändungs- Protocoll, das zur Verlesung gelangte. Dr. Lueger ließ einmal in einer Privatvertretung bei dem Wirthschaftsbesitzer Joseph Heyer in Mayerling folgende Pfändungen vornehmen: Ein Halbbett mit Strohsack, Leintüchern, Polstern und Kotzen, geschätzt auf 10 fl., verkauft um zehn Kreuzer (große Bewegung im Publikum); ein Sophatisch, geschätzt auf 15 fl.^ verkauft um fünfzig Kreuzer; ein Kleiderstock, geschätzt auf l6 fl., verkauft um fünf Kreuzer; ein polirter Hängekasten, Schätzungswerth 20 fl., verkauft um zwanzig Kreuzer (neuerliche Bewegung); eine Gartenspritze, Werth 10 fl., um zwanzig Kreuzer; ein Canapee mit sechs Sesseln, Werth 40 fl>, um einen Gulden: zwei Bettstellen, zwei Strohsäcke und zwei Polster, Werth 20 fl., um zwanzig Kreuzer; sämmtliche Küchengeräthe, Werth 8 fl., um fünf Kreuzer; ebenso noch eine Anzahl anderer nothwendiger Hausutensilien um ebensoviele Kreuzer, als sie auf Gulden geschätzt wurden. Endlich war auch das Crucifix in der Wohnung Heger's um wenige Kreuzer veräußert worden. (Anhaltende Bewegung.) Drei Zeugen bestätigten, daß der verstorbene Bezirksvorstand Zelebor ihnen von der inzwischen berühmt gewordenen Aeußerung Dr. Lueger's, man müsse den Leuten das Beuschel herausreißen, Mittheilung gemacht habe. Noch sei erwähnt, daß Herr Schars in einem Schlußworte auf einen persönlicheu Ausfall Dr. Lueger's erwiderte: „Welche Bezeichnung verdient die Insinuation Lueger's? Ich versichere mit meinem Mannesworte, wenn ich rücksichtslos gegen Dr. Lueger hätte Vorgehen wollen (mit erhobener Stimme), so hätte ich geschrieben: Dr. Lueger hat den berüchtigten Wucherer Hescheles vertreten, er hat Tausky vertreten, er hak Adler vertreten." (Stürmische Bravo-Rufe im Publicum. Rufe: Das ist ganz richtig.) Dr. Lueger erklärt diese Angaben als unwahr, Herr Scharf jedoch hielt dieselben aufrecht, indem er, zu dem Kläger gewendet, beifügte: „Sie wissen, woher ich das weiß." Herr Dr. Lueger hat nicht zum zweitenmale die Geschworenen zu Richtern in seiner Sache aufrufen wollen. Welche Bedeutung sein Rücktritt von der Anklage hat, geht aus dem Schlußabsatze des vou der Wiederaufnahme des Strafverfahrens handelnden 8 359, erstes Alinea, hervor. Hier heißt es: „Die hinsichtlich der Einstellung der Voruntersuchung und der Versetzung in den Anklagestand geltenden Vorschriften finden auch hier Anwendung. Wird in Folge dessen das Verfahren ohne Vornahme einer Hauptverhandlung beendet, so hat der Beschuldigte das Recht, die öffentliche Bekanntmachung der Einstellung oder des Erkenntnisses, wodurch die Anklage endgiltig zurückgewiesen wurde, zu verlangen. Diese Entscheidungen haben gleiche Wirkung mit dem Erkenntnisse, wodurch der Angeklagte freigesprochen wird." F £ U 11 i £ £ O »9* %abbatai Acivi. H i st o r i s ch e Erzählung Schmilz. (Fortsetzung.) „Ich kenne Sabbatai", fuhr Lisbona fort „und obgleich Du, als sein ehemaliger Schüler, vermuthlich auch heute noch Sympathie für ihn hegst, so nehme ich doch nicht Anstand, Dich zu versichern, daß ich ihn für den hochmüthigsten Heuchler halte, den die Erde trägt. — Wie denkst Du über ihn? — es würde mich interessiren das zu wissen, nachdem Du doch Jahre hindurch mit ihm verkehrt hast." „Daß Sabbatai ein Heuchler ist, möchte ich nicht gradezu behaupten — aber cs ist Aergeres. —" „Wie so? — was weißt Du von ihm?" forschte Lisbona eifrig. Gabriel fuhr sich mit der Hand über die Stirn und athmcte schwer. „Ich habe noch gegen Niemand darüber gesprochen", sagte er gepreßt, „es hat mich damals zu furchtbar erschüttert — das Bewußtsein, daß ich Jahre hindurch von einem solchen —