Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 44 (4.6.1891)
- Date
- 1891-06-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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811 unseren Rabbinen wegen des Unglücks unserer Brüder und Schwestern festgesetzt war. Bereits mit dem Morgengrauen drängte sich Alles in die Synagogen, um daselbst den Tag mit Fasten, Beten und Kasteiungen mannigfacher Art zu verbringen. Ich glaube nicht, daß hier ein jüdisches Kind über 10 Jahre alt existirt, das an diesem Tage Nahrung zu sich genommen hat. Greise, denen der Arzt sagte, daß ihr Leben gefährdet sei, wenn sie eine so lange Zeit ohne den Genuß von Speise und Trank verweilen, haben den n'ipn ausgelöst, d. h. sie gaben von ihrem vielfach geringen.Besitzthum einen großen Theil zur Linderung der Noth ihrer Brüder. Gegen 10 Uhr ritt der Gouverneur durch die Straßen und als er die Stadt menschenleer, die Läden der Juden geschlossen fand und nur aus den Gotteshäusern das Jammergeschrei Tausender ihm cntgegendrang, gab er seiner Verwunderung über das Gebühren der Juden Ausdruck und erkundigte sich, was für hoher jüdischer Festtag heute sei. Unser Gouverneur ist übrigens, dem Allmächtigen sei dafür tausendfacher Dank, nicht nur kein Judenfeind, sondern ein aufrichtiger Freund unserer Glaubensgenossen. Als die Dircctiou des hiesigen Theaters sich vor einigen Wochen bei ihm beschwerte, daß die Juden das Theater nicht mehr besuchen und die Truppe wahrscheinlich in Folge dessen die Stadt verlassen müsse, sagte er: Haben denn die Juden nicht recht, wenn sie im Angesicht der Greuel, die ihren Brüdern widerfahren, keinen Sinn für Vergnügungen haben? Die Scenen, die sich alltäglich vor unseren Augen abspielcn, sind wahrhaft jammervoll, da lagern Hunderte von Familien in den Bahnhöfen aller Mittel beraubt, von den Gendarmen wie das Vieh behandelt und nur glücklich, wenn man ihnen einige Kopeken schenkt, durch deren Hilfe sie der Grenze um einige Werst näher kommen. Am Peßachfefte waren so viele Auswanderer hier, daß wir schon an den ersten Halbseiertagen nicht genügend Mazzoth mehr hatten. In Warschau mußte sogar an den Halbfeiertagen Mazzoth gebacken werden, ein Vorkommniß, dessen sich die ältesten Leute nicht mehr erinnern. Daß indcß, wie Ihre deutschen Rischusblätter berichten, nur arme Leute ausgewiesen werden, entspricht nicht den Thatsachen. Ich kenne einige sehr wohlhabende Kaufleute und Fabrikbesitzer, die plötzlich, ohne daß sie ihr Vermögen liquidiren konnten, auswandern mußten. Zu allem Unglück kommt noch in diesem Jahre die schlechte Ernte, so daß auch unter den ansässigen Armen große Noth herrscht und für diese Sammlungen veranstaltet werden müssen. Der Preis für ein Pud Brot, das im Vorjahre noch 70 Kopeken kostete, ist heute aus 1 Rubel 40 Kop. gestiegen. Interessant ist, wie das Volk über die Austreibung der Juden spricht; da belauschte ich jüngst das Gespräch zweier Bäuerinnen im hiesigen Bahnhofe. „Daß man den Schmul fortgejagt hat, finde ich," sagte die eine zu ihrer Gefährtin, „ganz in der Ordnung, denn sein Kattun war immer so theuer und er wollte niemals mit sich handeln lassen, aber den Feibel hätte man hier lassen müssen, er half uns immer aus der Verlegenheit und nahm nie Zinsen für das uns geliehene Geld. Der Grad des Elends, der über unsere unglücklichen Brüder und Schwestern verhängt ist, gelaugt diesen einfältigen Bäuerinnen nicht zum Bewußtsein, wir aber rufen 't na* ly -ixpn *p’ ’D smou ,->2vO iopj. „Wie lange o, Ewiger, sollen wir noch aus der Bcdrängniß schreien, erhöre uns und schaffe uns wetten Raum, denn unbeschränkt ist ja Deine Macht." •£» Vermischtes. < Wien, 20. Mai. Der Antisemitenhäuptling Herr Dr. Lueger hat heute dem Landesgerichte die Anzeige erstattet, daß er seine gegen Herrn Alexander Schars erhobene Ehrenbeleidigungs-Klage zurückziehe. Diese Klage hatte bekanntlich bei der ersten Verhandlung vor den Geschworenen zum Resultate gehabt, daß der Angeklagte mit acht gegen vier Stimmen schuldig erklärt und zu einer Geldstrafe von tausend Gulden verurtheilt wurde. Der Oberste Gerichtshof erkannte jedoch bei der Berathung über die Nichtigkeits-Beschwerde des Verurteilten, daß erhebliche Bedenken gegen das Urtheil in meritorischer Hinsicht vorlägen, hob das geschöpfte Erkenntniß auf und ordnete die Wiederaufnahme des Verfahrens an. In Folge dieser Entscheidung nach § 362 St. ist. £., welche sehr selten gefällt wird und insbesondere in einem Ehrenbeleidigungs- Processe noch niemals erfolgt sein dürfte, wurde die neuerliche Verhandlung in dieser Sache für den 25., 26. und 27. Mai angeordnet. Für diese Verhandlung hatte der Verteidiger Dr. Soinary bedeutendes neues Material zur Erbringung des Wahrheitsbeweises vorbereitet. Dasselbe kann nunmehr nicht vorgeführt werden, nachdem Herr Tr. Lueger, wie bereits gesagt, sich veranlaßt gesehen hat, von der Anklage zurückzutreten. Nach diesem merkwürdigen und charakteristischen Ausgange des Processes, der so großes Aufsehen hervorgerufen hat, skizziren wir nachfolgend nochmals die wichtigsten Momente der am 27., 28. und 29. November v. I. durchgeführten Verhandlung. Der incriminirte Artikel, welcher den Titel führte: „Tr. Lueger, der große Beschützer des kleinen Mannes", erörterte die Thätigkeit Tr. Lueger's als Rechtsfreund des Rudolphsheimer Spar- und Vorschußvereins, wobei ausgeführt wurde, daß derselbe sich ein ungebührliches Einkommen auf Kosten der kleinen Leute verschafft habe und daher nicht berechtigt sei, sich im öffentlichen Leben als Vertreter der kleinen Leute zu geriren. In diesem Aufsatze wurde erzählt, daß Dr. Lueger in herzloser Weise gegen unbemittelte Personen vorgegangen sei uud sich hierbei äußerte: „Hier ist Gefühlsduselei nicht am Platze, den Leuten muß man das Beuschel herausuehmen." In dem auf die Verlesung der Anklage folgenden Verhöre hielt der Angeklagte dem Dr. Lueger vor, daß derselbe als Vertreter des Rudolphsheimer Vorschuß- und Sparvereins nach dessen Zahlungseinstellung bei den ärmsten