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Der Israelit · 1891-06-04 · Heft 44 (4.6.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 44 (4.6.1891)
Date
1891-06-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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813 „Selbst die Erinnerung daran erschüttert Dich", sagte Lisbona, als Gabriel stockte, „es muß Furchtbares gewesen sein. — Aber eben deßhalb gebe ich Dir zu bedenken, ob es recht ist, daß Du es verschweigst. — Du warst freilich einsichtsvoll genug, Dich von ihm loszusagen — aber alle die vielen Jünglinge, die noch an ihm hangen. —" „Es ist wahr", entgegnete Gabriel, „es ist vielleicht Unrecht, daß ich es verschwiegen, daß sich Sabbatai als den von Gott verheißenen Erlöser ausgibt und den Gottcsnamcn ausgesprochen hat." „Was?" rief Lisbona aufspringend, „kannst Du das beschwören?" „Das kann ich beschwören", versetzte Gabriel sich stramm aufrichtend. „So bist Du verpflichtet es den Rabbinen anznzeigen; sie dürfen nicht dulden, daß unsere Jugend derart mißleitet wird." Gabriel aber schüttelte ablehnend den Kopf. „Ich bin kein Angeber." „Jeder, der deratiges hört, ist verpflichtet, es anzuzeigen. Wer solches verschweigt, machl sich mitschuldig an der Verführung der Jugend. Ahnungslos gestatten die Eltern ihren Söhnen den Verkehr mit dem Frevler." „Ich sehe es ein, cs war nicht recht, die Thatfachcn vollständig zu verschweigen. Und ich werde auch fortan darüber reden, wo sich die Gelegenheit bietet. — Doch ihn anzuzeigen —", er schüttelt abermals den Kopf. „Du bist dazu verpflichtet, Gabriel", drängte Lisbona, „Du mußt ihn anzeigen. Sieh", fuhr er zähneknirschend fort, „wäre es nicht, daß dieser Bube nicht mein Kind verschmäht hat, und daß es daher Menschen geben könnte, die da wähnen würden, es leitete mich eitel Rachsucht, so würde ich nicht tu Dich dringen, so würde ich selbst zn dem NabbinewGericht eilen, den Frevel anzuzeigen. Doch Du begreifst, unter den obwaltenden Umständen darf ich das nicht — ich muß auch den Schein von Rachsucht meiden." „Das sehe ich ein", erwiederte Gabriel „und ich werde nicht nur die Gelegenheit nützen, wenn sie sich mir bietet, sondern ich werde sie aufsuchen den Leuten die Angen zu öffnen, über dasjenige, was ihre Söhne von Sabbatai lernen können. — Anzeigen werde ich ihn jedoch nicht." — Lisbona schüttelte mißbilligend den Kopf. „Du thust Unrecht, Gabriel, thuft entschieden Unrecht. Doch freilich, zwingen kann ich Dich nicht, dasjenige zu thun, was ich für das Richtige halte. — Doch eine Gefälligkeit darfst Du mir nicht verweigern. —" „Ich bin zu jeder Stunde bereit", entgegnete Gabriel, „was in meinen Kräften steht, will ich gern für Euch thun, denn ich schulde Euch Dank." „Es ist nicht all zu Schweres, was ich von Dir verlange, aber — Du kennst meine Tochter — bis vor anderthalb Jahren, bevor sie das Unglück hatte, jenem Gotteslästerer zu begegnen und ihm die jungfräuliche Neigung ihres Herzens zu schenken, war sie ein frisches, blühendes Mädchen voller Geist und Leben — doch nachdem er ihr zuerst in berechtigtem Stolze den Ring an den Finger geschoben und es laut ausgesprochen hatte, daß er sie damit für sich heilige nach dem Gesetze Moschehs und Jisroel — sie dann verschmähte, und dann laut erklärte, daß eine Stimme von oben ihm verkündet habe, daß sie nicht für ihn' bestimmt, daß er daher nicht mit ihr leben könne — seitdem ist sie wie gebrochen an Geist und Körper. — Noch immer hängt sie an dem Elenden, noch immer hält sie ihn für einen Heiligen und hält nur sich für zu gering. — Die Rosen ihrer Wangen sind verblaßt, das Feuer ihrer einst so wunderbar strahlenden Augen lodert nur selten noch auf — ich sehe mein Kind dahinschwinden, und trotz meines Reichthumes war ich bisher nicht im Stande, ihr ein Heilmittel zu bieten. — Deine Mittheilungen jedoch lassen mich auf Heilung hoffen , gebe der Himmel, daß diese Hoffnung mich nicht täusche. — Meine Tochter, trotz der Verirrung ihres Gefühles zu jenem Elenden, ist eine reine schuldlose Seele, die Gottes Gebote über Alles stellt — sobald sie erfahren haben wird, was ich von Dir vernommen, wird sie erkennen, wie sehr sie sich getäuscht. — Darum bitte ich Dich, Gabriel, entferne Dich heute nicht, wie sonst gleich nach dem Mittagessen, kehre vielmehr hieher zurück und erwarte mich. — Ich beabsichtige nämlich, gleich nach dem Essen, sobald ich mit meiner Tochter allein sein werde, ihr die betreffenden Eröffnungen zu machen — wie sic dieselben aufnehmen wird, das läßt sich im Voraus nicht berechnen — ich halte es jedoch nicht für unmöglich, daß es mir wünschenswerth erscheinen dürfte, Dich zu ihr zu führen, damit sie selbst ihre Fragen an Dich richten kann — und ich rechne darauf, daß Du ihr nicht verschweigen wirft, was Du weißt." Gabriel versprach, jede Frage des jungen Mädchens, nach bestem Wissen zu beantworten. Gleich darauf ging man zu Tische. Zum ersten Mal betrachtete er die Tochter des Hauses mit lebhafterem Interesse und erkannte sofort die Wahrheit der Schilderung ihres Vaters. Auch er erinnerte sich, sie ehedem gesehen zu haben, frisch und blühend — jetzt war ihr Angesicht vollständig farblos und ihre Augen blickten matt und träumerisch unter den langen, dunkeln Wimpern und ihre Stimme war klanglos und immer belegt. Das Herz zog sich ihm zusammen, als er bedachte, daß dieses matte schwächliche Mädchen, das

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