Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 44 (4.6.1891)
- Date
- 1891-06-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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810 Die Handwerkerfrage soll in erster Linie auf die Tagesordnung des nächstjährigen Parteitages gesetzt werden. Abg. Dr. Böcke! befürwortete hierzu die Stellungnahme der Regierung in der Handwerkerkonferenz abzuwarten. RektorAhlwardtsagte: Es handle sich nicht um eine religiöse,sondern um eine nationale Frage. (Beifall.) Ein einziger jüdischer Großfinanzicr habe Deutschland mehr gekostet, als alle Kriege. 90 pCt. aller Offiziere, 60 bis 75 pEt. aller Beamten seien in Judenhändcn. (Hört!) Jeder Anwesende möge fünf neue Anhänger gewinnen, dann werde in Magdeburg ein Antisemit gewählt werden. (Heiterkeit und Beifall.) Die Nation, welche zuerst mit den Juden fertig werde, bekomme die Vorherrschaft; fast müsse man neidisch werden auf Rußland, das jetzt an der Spitze der Civilisation marschire. Wer für den Antisemitismus wirke, helfe, den größten Sieg des Jahrhunderts erfechten. (Lebhafter Beifall.) Wie schade, daß der Rector Ahlwardt nicht in Rußland ist, er würde dann als ein Nichtgriechischorthodoxer einmal an sich erproben können, wie wehe Unduldsamkeit und Rassenhaß thut. Altona. In der am Montag stattgehabten gemeinschaftlichen Sitzung des Vorstandes und der Gemeindcvertreter der hochdeutschen Jsraelitengemeinde wurde die Wahl einer Präsentalions Commission für die in Aussicht stehende Wahl eines Oberrabbiners vollzogen. Gewählt wurden vom Vorstande Justizrath Hcymann und A. Holländer, von den GemcinRVertretern M. Liepmann und W. I. Möller, als hinzugezogcue Gemeindebürger Louis Bing, Louis Beith, Rabbinatsassessor I. M. Cohn, I. I. Lübkc und L. Kleve. Aus dem Ober- und Unterlahnkreis, 1. Juni. Auch in unserem, gegenwärtig durch den freisinnigen Abgeordneten Münch vertretenen Reichstagswahlkrcis macht der Antisemitismus große und, wie man leider hinznsügeu muß, in Folge der bedauerlichen Indolenz der anderen Parteien keineswegs erfolglose Anstrengungen. Gestern, Sonntag Nachmittag, fand auf der etwa 7 Kilometer von Weilburg wundervoll gelegenen Ruine Merenberg bei dem gleichnamigen Orte unter freiem Himmel eine vom Weilburgcr Antisemitenvereiil einberufene „Deutsche Volksversammlung" statt, in welcher Dr. Böcke! die Rede hielt. Es mochten etwa 800 Personen, darunter viele Frauen und Kinder, anwesend sein. Auf Di-. Böckel's Rede einzugeheu, ist überflüssig, cs war das sattsam bekannte Geschimpfe, die volkswirthschaftlichen und sonstigen Ungeheuerlichkeiten und die jämmerlichen Späße, durch welche der gegenwärtige Oberfeldherr der Antisemiten bei einem gewissen Publikum in den Ruf gekommen ist, ein guter Redner zu sein. Mit Gcnugthuung erzählte Böckel, daß er neulich auch im Reichstag eine Rede gehalten habe, die jetzt im Druck zu haben sei; aus derselben könne man klar und deutlich ersehen, daß die antisemitische Partei eine volksfreundliche sei. Man gehe also und kaufe! Nach Dr. Böckel erhielt Redactenr Schreiber-Frankfurt, der auf dringende Einladung aus dem Kreise erschienen war, aber trotzdem nur zwei Herren als Begleiter hatte finden können, das Wort, um den Böckcl'schen Ausführungen entgegenzutreten. Schon nach zwei Minuten erhob sich ein wahres Jndiancrgeheul, welches den Redner auch die gute oder vielmehr böse Viertelstunde hindurch, die das Wort einigermaßen behaupten konnte, getreulich, mit wenigen Pausen akkompagnirte. Vergebens versuchte der Redner der fanatisirten Menge klar zu machen, welch' ein schlimmes Zeugniß sie ihrer politischen Reife durch ein solches Benehmen ausstelle, vergebens auch forderte Dr. Böckel selbst sein deutsches Volk auf, den Redner sprechen zu lassen, dieses tobte nur um so mehr und äußerte laut und lebhaft den Wunsch, die um denselben Stehenden möchten den Redner von der etwa 15 Fuß hohen Thurmmaucr, von welcher herab er ebenso wie Dr. Böckel sprach, herunter-, dem dort harrenden „Volk" in die Arme werfen. Nach etwa 20 Minuten erklärte Schreiber Herrn Dr. Böckel, unter diesen Umständen auf das Wort zu verzichten. Ob es den Antisemitenführcr nicht doch wohl ein wenig zum Nachdenken veranlaßt hat, als er sah, daß sein Einfluß auf die fanatisirteu Menschen ganz und gar dahin war? Die einmal entfesselte Flurh verschlingt Alles, zuletzt auch den, der sie entfesselt hat. Aus der Entgegnung Böckel's auf die fragmentarischen Ausführungen Schreiber's, der übrigens der Versammlung bis zum Schluß beiwohnte, ist nur hervorzuheben, daß Böckel die Entrüstung Schreiber's über die Uuthatcn der russischen Regierung gegen die Juden durchaus nicht thcilt; „Rußland könne die Pollaken im Kaftan doch nicht mit Glacehandschuhen anfassen", meint er, und ehe man die russische Regierung tadle, müsse man znsehen, wie diese Juden es getrieben haben. Man darf sich über einen solchen Cynismns seitens unserer „Urdeutschen" ja nicht mehr wundern, aber diese Aeußerung des „großen Führers" verdient, wie die „Fr- Zlg." meint, doch wohl besonders festgenagelt zu werden. Wir können angesichts des Verlaufs dieser Versammlung an die entschiedenen freisinnigenElemente nur neuerdings die Mahnung richten, die bisherige laue Haltung anfzugeben und sich an dem agitatorischen Eifer der Antisemiten ein Beispiel zu nehmen: man könnte sonst bittere Erfahrungen machen. R u ß l a n d. R. Minsk, 27. Mai. Wessen Herz nicht aus dem allerhärtesten Stein gemeißelt ist, der mußte am vergangenen Montag auf das Tiefste ergriffen werden. Es war dies ein Fasttag, der von