Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 44 (4.6.1891)
- Date
- 1891-06-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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809 bung der Juden sei nur ein Theil des Planes, Rußland von allen fremden Elementen zu befreien. Der „Standard" bemerkt, daß die öffentliche Meinung in jedem civilisirten Lande bereits jetzt zum größten Theil auf Seite der mißhandelten Juden stehe, allein diese öffentliche Meinung habe keinen Einfluß auf einen Staat, welcher außerhalb der Strömung europäischen Fortschritts liege, und in Rußland selbst gebe es keine öffentliche Meinung, an welche man sich mit Erfolg wenden könnte. Es sei eine traurige Thatsache, daß Europa mit gekreuzten Armen zusehen müsse, „wie Barbareien organisirt und ausgeführt werden, welche unsere Generation mit Schmach bedecken." Man könne nichts thun, es sei denn, daß man bewaffnet einschreite. Das Seltsamste in Gladstones Brief sei sein verhüllter, aber doch nicht ganz verdeckter Tadel gegen das „Heilige Rußland". Gladstone habe allmählich heransgefnnden, daß der Zur zwar bereit sei, die liberale Partei in England für seine Zwecke zu mißbrauchen, aber sonst wolle er von ihr nichts hören. Der „Daily Chronicle" meint, daß Herr Montagu ein förmliches Staatsdepartement einrichten müßte, wenn er die von Gladstone noch gewünschte Information beschaffen wollte. Wenn das geschehen sein dürfte, werde diese Information nicht mehr nörhig sein. Das russische Volk sei arm und die Juden in Rußland seien die einzigen Leute, welche Kapital ansammelu. Die Verfolgungen würden vielleicht aufhören, wenn die Russen entdecken, daß das Land ohne die Juden nicht vorwärts komme, „wie eine Maschine nicht im Gang bleiben kann, ohne daß ihre Räder geölt werden." Der „Daily- Telegraph" vergleicht das große Rußland mit dem kleinen Griechenland und dieser Vergleich fällt ganz, zu Gunsten des letzteren aus. Griechenland habe sofort der öffentlichen Meinung Gehör geschenkt, während Rußland überhaupt gar nicht begreife, was das „Gewissen Europas" sei und um die gute Meinung der civilisirten Welt kümmere es sich nicht. Der Zar und seine Minister hörten nichts, als ob sie auf einem „Privatplaneten" lebten. Der Moskowiter sei eben ein Barbar, welcher sich inmitten civilisirter Völker niedergelassen habe und noch weniger als der Türke im Stande sei, sich die Kultur und Humanität des civilisirten Kontinents anzueignen. Auf solche Leute wie die russischen Beamten und deren Haupt einen „moralischen Druck" ausüben, sei wohl hoffnungslos, dennoch sollte man es damit versuchen. Es seien übrigens stärkere Kräfte als menschliche außerhalb und innerhalb Rußlands in Thätigkeit, durch welche den Juden geholfen werden würde. d“ko ntaas 'na rm-6 ans. Rödelheim, am noiya y't>. Gestern, am nmya rb fand in unserer Gemeinde eine ebenso seltene wie erhebende Feier statt. Das allgemein geachtete Ehepaar Lazarus und Sara Jonas, gcb. Langenzcnn, beging in festlicher Weise den Tag seiner goldenen Hochzeit, und waren die Kinder, Enkel und Verwandte des Jubelpaares in großer Zahl herbeigeeilt. Bereits am 9. Mai wurde ihm von Sr. Majestät die silberne Ehe-Medaille verliehen, welcher ein Glückwunsch-Schreiben beigefügt war. Mittags versammelte sich ein großer Theil der jüdischen und christlichen Mitbürger, darunter der Bürgermeister und Mitglieder des Gemeinderaths, in der mit Grün geschmückten und festlich erleuchteten Synagoge, woselbst unser Eantor, Herr M. Prechner, in würdevoller Weise eine Ansprache an das Jubelpaar hielt.*) Mit den Psalmworten: irr cnjjm crr-n na'Eo paiy my begrüßte der Redner das Jubelpaar und beglückwünschte es, daß der Allmächtige ihm die Gnade erwiesen, diesen Tag, frisch an Körper und Geist, zu erleben. Zum Schluß flehte der Redner in ergreifender Weise Gottes Segen auf das Jubelpaar herab. Dann ging es zur Wohnung des Jubelpaares, welche mit Blumen und Ehrengaben, die Freunde und Verwandte gewidmet, geschmückt war, und woselbst sich eine Menge von Gratulanten einftellte. Abends brachten zwei hiesige Gesangvereine je ein Ständchen mit Fackelzugbegleitung und einige sinnig gewählte Piecen in schöner Weise zum Vortrag. Rührend war es, als der Jubilar, ein biederer Greis von 80 Jahren, aus dem Fenster seiner Wohnung mit weithin vernehmbarer Stimme in schlichten, aber von Herzen kommenden Worten für die vielen Aufmerksamkeiten seinen und seiner Gattin innigsten Dank aussprach. Hierauf hielt Herr Feuerwehrhauptmanu Wächter eine kernige Ansprache, in welcher er die Bürgertugenden des Jubelpaares feierte und forderte die Umstehenden, eine vielhundertköpfige Menge, auf, in ein dreimaliges Hoch auf das Jubelpaar eiuzustimmen, was auch begeistert geschah. In unserer, au Klassen- und Rassenhaß so kranken Zeit ist es doppelt erfreulich, von einem solchen Act der brüderlichen Eintracht zwischen den verschiedenen Eonsessionen berichten zu können. Hch. Hammel. Magdeburg. Auf dem am 25. v. M. hier abgehaltenen Parteitag der antisemitischen Volkspartei theilte zur Frage der Flugblätter Abgeordneter Dr. Böckel u. A. mit, daß er vom Juli bezw. Herbst d. I. ab mit der Vorbereitung von Flugblättern nach Art des Herrn Fritsch-Leipzig vorgehen werde. *) Ich bemerke hier ausdrücklich, daß Herr Prechner sich blos aus eine Ansprache beschränkte, die mit einer Einsegnung oder sonst einer, dem Geiste des jüdischen Gesetzes nicht entsprechenden Ceremonie nichts zu thun hatte.