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Der Israelit · 1891-06-01 · Heft 43 (1.6.1891) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 43 (1.6.1891)
Date
1891-06-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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801 für das Lokalcomitö bestimmten, sind an den Schatzmeister Herrn Generalkonsul Eugen Landau hier, Wtlhelmstraße 70b, zu richten. Die Provinzkalcomitvs treten demnächst in Thätigkeit. Wie der Petersburger Korrespondent der „Times" berichtet, hat vor 10 Tagen Herr M. G. Goldberger, Direktor der Internationalen Bank in Berlin und belgischer Generalkonsul, welcher in Moskau eingetroffen war, um zu untersuchen, ob sich eine Zweiganstalt der Bank errichten lasse, im Hotel Dusfaux seitens .der Polizei den Befehl erhalten binnen 24 Stunden Moskau zu verlassen. Obgleich es einflußreichen Freunden gelang, die Zurückziehung des Ausweisungsbefehls durchzusetzen, verließ Herr Goldberger doch Moskau noch an demselben Tage, „angeekelt von Rußland und entschlossen, nichts mit einem Lande zu thun haben zu wollen, wo man gänzlich der Gnade der Polizei überliefert ist." Derselben Quelle zufolge dauern übrigens die Ausweisungen der Juden aus Moskau ununterbrochen fort, nur werden dieselben nicht mehr in so offener Weise wie früher ausgesührt, sondern meist Nachts. Ein Comitö, welches gebildet worden ist, um den Ausgewiesenen Fahrkarten und Nahrung zu verschaffen, hat bereits 16,000 Rubel ausgegeben. Viele Juden, deren Pässe nicht den Aufenthaltsvermerk enthielten, befinden sich noch im Gefängniß, wo sie nur Wasser und Brod bekommen. Vor einigen Tagen erhielt ein Ingenieur Friedland Befehl, binnen zehn Stunden abzureisen, widrigenfalls er per Etappe befördert werden würde. Dasselbe passirte einer Aerztin, Frl. Seldowicz. Eine 18 Jahre alte Näherin, Frl. Malta Usilewna Tschasgorina, welche aller Mittel beraubt war und der Niemand Unterkunft zu geben wagte, stürzte sich in den Fluß, wurde aber von einem Bauern gerettet und auf die Polizei gebracht, wo in das Protokoll eingetragen wurde, daß sie „in Folge von Mittellosigkeit" sich umzubringen versucht habe. Einige wohlthätige Personen sammelten Geld für die Aermste. Zwei junge ehrenhafte Jüdinnen, denen der Aufenthalt in Moskau verboten wurde, obgleich sie dort geboren sind, wurden in die Liste der Prostituirten eingetragen, in Betreff welcher das Gesetz keinen Unterschied macht. Die „Republique Fran^aise" vom 21. Mai enthält unter der Ueberschrift „Das Leben durch den Zar" einen Artikel über die russischen Juden, welcher wegen einiger Bemerkungen beachtenswerth ist. „Seit 1'/- Jahren habe man die Juden aus den Vororten der Städte des Judenrayons in dieselben zurückgetrieben. Tschernigow, eine enge schmutzige Stadt, die kaum 5000 hungernde Juden beherbergte, zählt jetzt über 15,000. Aus den Vorstädten von Wilna habe man alle Juden nach der Stadt Hineingetrieben. Da sei es natürlich, daß alljährlich auf diesem Gebiete Krankheiten ausbrechen. Der Zar erfahre nichts von der Mißhandlung, der die Juden uusgesetzt seien; er werde systematisch im Jrrthum erhalten. Ein ganzes Heer von Beamten untersage der Wahrheit den Zutritt zu den kaiserlichen Palästen. Wenn der Zar die Judenfrage lösen wolle, so brauche er nur den Juden dieselben Rechte wie den Mohamedanern zu gewähren." Das wird er natürlich nicht thun, denn der Zar ist mit der Lage der Juden vollständig bekannt und billigt die gegen dieselben ergriffenen Maßregeln. Wien, 27. Mai. Aus Petersburg wird der „Polit. Corr." gemeldet, daß ein soeben sämmtlichen Gouverneuren zugegangener Ministerialerlaß dieselben anweist, Verzeichnisse der in den Städten wohnenden Juden herzustellen, das Aufenthaltsrecht der Juden genau zu prüfen und gegen die zum Aufenthalt nicht berechtigten entsprechend vorzugehen. Demnächst soll eine Verordnung erscheinen, welche die Führung von Handelsgeschäften unter fremdem Namen strenge verbietet, wodurch in erster Linie den Juden dies Auskunftsmittel entzogen wird. Ferner wird ein Gesetz vorbereitet, wonach die Juden ihre Geschäfte am Samstag offen, dagegen am Sonntag und an orthodoxen Feiertagen geschloffen halten müssen. Kiew, 24. Mai. Die Austreibung der Juden aus unserer Stadt kennzeichnet sich durch den besonderen Umstand, daß die eingeborene Bevölkerung dem harten Schicksale der Juden nicht gleichmüthig zusieht, da sich die Juden dort sowohl für den Handel als für die landwirthschaftlichen Betriebe sehr nützlich erwiesen haben. Der in Kiew im verflossenen Jahre stattgehabte Kongreß südrussischer Landwirthe und Mühlenbesitzer hat in seinen Verhandlungen ausdrücklich den großen Nutzen hervorgehoben, welchen der Getreidebau und der Mehlbetrieb sowie überhaupt die Mühlenindustrie aus der Thätigkeit der Juden ziehe. Ueberhaupt haben sich die hiesigen Juden vielfach als Handwerker und Arbeiter beschäftigt und manche gewerbliche und industrielle Betriebe bei der eingeborenen Bevölkerung eingeführt. Aber auch sie sollten nicht verschont werden, obschon es seitens einiger Organe der höheren Ortsbehörden an Bemühungen nicht fehlte, das schwere Schicksal von den Kiewer Juden abzuwehren. In ihrer Existenz vernichtet und zu Bettlern gemacht, ziehen sie „heimwärts", d. h. nach dem Ansiedlungsgebiete der Juden, wo sie nicht wissen, was sie ansangen sollen. Odessa, 21. Mai. Die Blätter Südrußlands erhielten 'den Befehl, eine Zeit lang keine anti-

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