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Der Israelit · 1891-06-01 · Heft 43 (1.6.1891) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 43 (1.6.1891)
Date
1891-06-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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800 werden, daß jedes Jahr so und so viele das Land verlassen müssen, aber möge man sie in Ruhe lassen, bis die Stunde ihres Abganges kommt. Befiehlt der Zar eine derartige Maßregel, so werden die an dem Schicksal der russischen Juden interessirten Personen Alles thuu, um die nöthigen Gelder aufzubringen, damit die Auswanderer Jahr für Jahr nach ihrer neuen Hcimath geschasst werden. Ich mache mir keine Illusionen und hoffe nicht, daß diese meine Ansichten dem Zaren vor Augen kommen. Vielleicht finden diese Ausführungen aber günstige Ausnahme bei den höchsten russischen Behörden und diese unterbreiten vielleicht ihrem Herrn Maßnahmen zur Durchführung meiner Vorschläge. Eitele Hoffnung! Der Zar ist mit den einschlagenden Verhältnissen wohl vertrant. In lichten Augenblicken begreift auch die „Kreuz-Zeitung", daß die Unterdrückung der Juden in Rußland eine Folge desselben Negierungssystems ist, unter welchem Deutsche und Polen, Evangelische und Katholische so schwer leiden und daß der Verfolgung der Einen wie der Anderen nur durch die Vernichtung dieses Systems selbst ein Ende gemacht werden kann. Das Blatt meint, daß in Rußland nur die unbemittelten Juden ausgetrieben werden, die reichen aber nirgend mit größerer Rücksicht behandelt werden, als in Rußland. Daun heißt es in dem Artikel weiter: Ter arme Jude wird in Rußland im strengsteil Sinne des Wortes wie ein Vieh behandelt, damit kann kein vornehm denkender Mensch einverstanden sein, geschweige denn ein Christ. Mit der Person des Juden hat es der Antisemitismus, wie wir ihn verstehen, überhaupt nicht zu thun; in Rußland aber ist der Antisemitismus durchaus persönlicher Natur. Er erscheint dort in seiner rohesten subjektivsten Form; von einem leitenden allgemeinen Gedanken ist, soweit wir sehen, keine Spur zu entdecken. Sollen wir dafür schwärmen? Wir können es um so weniger thun, als die mächtigste Triebfeder der Bewegung in Rußland, das heißt, der so zu sagen amtliche Ausdruck, den sie daselbst gefunden hat, unter dem Einflüsse Pobedonoszews ein rein kirchlichreligiöser ist. Wie die evangelische und katholische Kirche, so wird auch das Judenthum, so weit es nicht „prinzipiell orthodor" ist, von der fanatischen Vertretung der Staatskirche verfolgt, auch hierin im vollsten Widerspruch mit uns. Wir erkennen keinen religiösen Grund des Judenhasses an, für uns ist die Frage rein sozialer Art und wird es bleiben. Selbst wenn der russische Antisemitismus auch sittlich tiefer gewurzelt wäre, als er es ist; durften wir vergessen, daß Rußland alle Deutschen mit tödtlichem Haffe, mit einer Feindschaft ohne Gleichen auf Erden verfolgt? Dürste uns die Abneigung gegen die Juden schwerer wiegen, als die Mißhandlungen, denen sich unsere Stammesgcnossen ausgesetzt sehen, als die Thatsache, daß unsere Sprache und Gesittung in Rußland geächtet sind? Dürfen wir uns endlich der unrichtigen Vorstellung, die wir uns von der Initiative Rußlands in der Judensrage machen, zu Liebe über alle Rücksichten der auswärtigen Politik hinwegsetzen, Oesterreich- Ungarn und Italien von uns stoßen und uns Rußland nähern, das uns darum nicht weniger als seine künftige Beute ansehen würde, weil wir für seine Art, die Juden zu behandeln, schwärmen?... Nicht oft genug in der That kann auf die wahre Natur dieses Staatswesens hingewiesen werden, vor dem sich alle Welt im Wettkriechen übt, während es alle geistigen und sittlichen Errungenschaften der Menschheit mit Füßen tritt. Daß die deutschen Antisemiten, soweit sie sich Rußland nähern möchten, von der entgegengesetzten Anschauung ausgehen, wissen wir wohl; daß ein solcher Jrrthum aber möglich ist, spricht einerseits für eine Unkenntniß der russischen Verhältnisse, die freilich allgemein verbreitet ist, andererseits, wie uns scheint, für die magische Gewalt, die einem kraftvollen, einheitlichen Willen innewohnt. Einen solchen Willen, schreibt die „Fr. Ztg.", soll nämlich Alexander III. besitzen. Die „Kreuzztg." irrt sich in dieser Beziehung ebenso, wie in der Bezeichnung der Ursachen der Judenverfolgung in Rußland. Der russische Antisemitismus hat denselben Ursprung wie derjenige in anderen Ländern: Brodneid, krankhaftes Nationalitätsbewußlsein, religiöser Fanatismus und persönliche Rachsucht haben dabei zusammengewirkt. Wurden nicht auch bei der durch den Fürsten Bismark veranlaßten Polenaustreibung aus Preußen fast nur arme Juden und Polen ausgewiesen? Hieß es nicht auch damals genau so wie jetzt bei den Ausweisungen in Moskau und anderen russischen Städten, daß die Betroffenen gesetzlich im Lande nicht wohnen dürsten? War denn das eine sittliche, eine soziale That? Die „Kreuzzeitung" hat ganz Recht, wenn sie behauptet, daß eine solche in den russischen Judenausweisungen nicht zu finden ist, allein sie sollte nun auch noch, wie cs sich eigentlich von selbst versteht, einen Schritt weiter gehen und dieselben Dinge hüben und drüben mit demselben Maße messen. Es gibt nur eine Gerechtigkeit und gerade, weil man in Deutschland in den letzten Jahren gegen diese einfache Wahrheit so viel gesündigt hat, ist unseren Stammcsgenossin in Rußland diejenige moralische Unterstützung nicht zu Theil geworden, auf welche sie ein Recht haben und deren sie so sehr bedürfen. Telegramm. Berlin, 31. Mai. Eine am 28. d. M. unter dem Vorsitz des Herrn Justizraths Makower abgehaltene Sitzung hervorragender Mitglieder der Berliner jüd. Gemeinde hat sich als „Deutsches Central - Comitö für die russischen Juden" constituirt und aus seiner Mitte einen geschäftssührendeu Ausschuß gewählt, der aus den Herren: Justizrath S. Meyer (Vorsitzender), Kommerzienrath L. M. Goldberger (stellvertretender Vorsitzender), Carl Emil Franzos und Rechtsanwalt Bernhard Breslauer (Schriftführer), General-Konsul Eugen Landau (Schatzmeister), Fabrikbesitzer Dr. Edmund Lachmanu (stellvertretender Schatzmeister), sowie den Herren Dr. Heinrich Meyer Cohn und Bernhard Croner besteht. Gleichzeitig hat sich das bisher in Charlottenburg bestandene HllfscomitL durch Eintritt von Mitgliedern des deutschen Central- Comitös zu einem Berlin-Charlottenburger Lokal- Comitä erweitert, dessen geschäftsführenden Ausschuß die Herren Ferdinand Neichenheim, Generalkonsul Eugen Landau, Carl Emil Franzos und Georg Isaak bilden. Geldspenden, also auch die

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