Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 43 (1.6.1891)
- Date
- 1891-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448162--32190-2480024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXII. Jahrgang. Beilage 43 &« „Israelit & Irschurlm" Leitend er Artikel. Zur Lage der Juden in Htußkand. Berlin, 27. Mai. Auf dem Charlottenburger- Bahnhof kommen jetzt fast täglich große Züge aus Rußland vertriebener armer Juden an; es ist ein Hilfskomitö gebildet, welches die Bedauernswerthen mit dem Nothwendigsten versorgt und ihre Weiterbeförderung leitet. Das Elend ist groß. Es befinden sich aber unter diesen Auswanderern auch zahlreiche Christen, meistens Katholiken; so waren cs nach der Angabe der „Kreuz-Zeitung" gestern 1600 Juden und 600 Christen, Die „Krenz-Ztg." schreibt nun: „Es geschah gestern in Charlottenburg für die christlichen — zumeist katholischen — 600 Auswanderer so gut wie gar nichts; cs war nur ein einziger Herr (vom Bremer Lloyd) da, der ihnen aber naturgemäß kein Geld und dergleichen spenden, auch sonst nicht nach Bedarf für sie sorgen konnte. Es erscheint nun zwar nicht durchführbar, daß die Christen für ihre Glaubensgenossen so viele Opfer bringen, wie es bei den Juden der Fall ist; cs sollte zwar sein, aber es ist einmal nicht so. Wäre es indessen nicht angezeigt, daß wenigstens für das Allernothwendigste Sorge getragen würde, daß sich mindestens aus angesehenen Persönlichkeiten ein Nnterstützungskomittz für Christen bildete, wie es hier für die Inden unter dem Vorsitze des Herrn Rabbiners Dr. Hildesheimer besteht? Die 600 Christen waren ebenso der Hilfe bedürftig wie die 1600 Juden. Wie schmerzlich mußte es sie berühren, daß ihrer nicht gedacht wurde, weil sie — in diesem Falle möchte man sagen: das „Unglück" haben, Christen zu fern? Speziell wäre wohl die Betheilignng einiger Ccntrumsabgeordneten zu erwarten." Charlottenburg. Das Elend der jüdischen Auswanderer, welche durch die russischen Maßregeln von Haus und Hof vertrieben sind, ist herzergreifend. Der größte Theil der Opfer russischer Willkür kommt von Osten per Bahn auf dem hiesigen Bahnhof an und allen fehlts an Geld, an Kleidern, an Nahrungsmitteln, kurzum am Allernothwendigsten, um ihr Ziel — in den meisten Fällen Brasilien oder Nordamerika — zu erreichen. Ein Comite hat sich hierorts zwar gebildet und, unterstützt durch Zuwendungen unserer durch ihren Wohlthätigkeitssinn bekannten Bürgerschaft, hat dasselbe dem größten Elend zu steuern gewußt. Doch die Schaar Derjenigen, welche das Land der Recht- und Gesetzlosigkeit verlassen müssen, wird immer größer, während dem Comite die Mittel schwinden. In einer Unterredung mit einem Vertreter des Reuter'schen Bureau's hat Baron Hirsch dieser Tage ausführlich seine Ansicht über die russische Judenfrage dargelegt. Derselbe sagte u. A.: Es mag seltsam erscheinen, daß die jetzt in Rußland gegen die Juden getroffenen Maßregeln, welche einer Maffenausweisung gleichkommen, nach meiner Meinung nicht in jeder Beziehung ein Unglück für die russischen Juden sind. Das Schlimmste, was ihnen passiren könnte, wäre, endlos ihr elendes, menschenunwürdiges Dasein weiter zu fristen. Das einzige Mittel, ihre Lage zu verbessern, ist, sie nach anderen Ländern zu schaffen, wo sie dieselben Rechte genießen, wie die übrigen Bürger des Landes. Die jetzigen Vorgänge in Rußland mögen das Vorspiel dieses wohlthätigen Umschwunges sein. Die Juden haben freilich Jahrhunderte lang im russischen Reiche gewohnt und so ein Recht auf den Boden, auf welchem sie leben, erworben. Das ist aber alles reine Theorie, welche gegen Thatsachen und den unbeugsamen Willen der russischen Regierung nichts vermag. Die russische Regierung glaubt einmal, daß die Gegenwart der Juden ein Fluch für das Land ist. Die Antipathie der russischen Staatsmänner wurzelt nicht nur im Rassenhaß, sondern auch in religiösen Anschauungen. Ich bin zu dem Schluffe gekommen, daß alle Bemühungen, auf die Entschlüsse der Regierung mäßigend einzuwirken, fehlschlagen müssen, und halte es deshalb nicht für ein großes Unglück, daß die russischen Juden ein Land zu verlassen gezwungen sind, in welchem sie mit so unerhörter Grausamkeit behandelt werden. Von den verläßlichsten Gewährsmännern wird berichtet, wie Leute, gegen welche nicht der Schatten eines Vorwurfes vorlag, die ruhig ihren Geschäften nachgingen, Nachts aus ihren Betten geholt, mit Peitschen aus ihrer Wohnung getrieben, in Ketteil gelegt und in das tiefste Elend gestürzt worden sind. Frauen, junge Mädchen und Kinder sind unglaublichen Mißhandlungen ausgesetzt worden. Hunderte von Familien haben unter offenem Himmel Tage lang hungernd ans den Friedhöfen zubringen müssen, aller Unbill des Klimas ausgesetzt. Frauen haben auf dem Felde geboren uud sind dann gestorben. Diese Barbarei ist weit eher ein Unglück für die Juden, als die Austreibung seitens der russischen Regierung. Auf die Frage, was zur Linderung des Looses der russischen Juden geschehen kann, erwiedere ich, daß es zwei Mittel gibt, erstlich dem Zaren Kunde zu verschaffen von den Grausamkeiten, welche in seinem Namen verübt werden und von denen derselbe nichts weiß. Wüßte er darum, so würde er sicher den Scheußlichkeiten ein Ziel setzen und bei Aufrechterhaltung der Politik, welche er den Juden gegenüber verfolgt, doch die Durchführung derselben in einer humanen, allmählichen und maßvollen Weise bewerkstelligen. Das zweite Mittel besteht darin, in die Expatriation der Juden Ordnung und Methode zu bringen. Tie Regierung des Zaren will 5,000,000 Juden los werden. Ganz recht. Möge sie wenigstens den Vielen, welche gleich mir an dem Schicksal dieser Verfolgten interessirt und bereit sind, die größten Opfer zu bringen, erlauben, sie zu retten. Ohne solche Hilfe könnte die russische Regierung sie gar nicht los werden, ohne sie in Massen abzuschlachten. Das jüdische Volk ist häufig zur Auswanderung gezwungen worden. Mögen die in Rußland lebenden Kinder Israels sich diesem Schicksal fügen, aber möge es uns gestattet sein, ein neues Heim für sie in anderen Ländern zu suche«. Möglich, daß der Gerechtigkeitssinn des Zaren selbst die Initiative ergreift und den Juden die Zeit gönnt, damit sie allmählich auswandern. Möge ihnen eine Frist von etwa 20 Jahren gewährt und es bestimmt