Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-06-01 · Heft 43 (1.6.1891) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 43 (1.6.1891)
Date
1891-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448162--32188-2480022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

797 Anwaltes mit großer Aufmerksamkeit, und man ist nun gespannt, welchen Verlauf der zweite Prozeß nehmen wird. Vermischtes. Magdeburg, 15. Mai. Wie jüngst in Leipzig die Liebermann'schen Antisemiten, so hielten gestern hier die Böckel'schen einen Parteitag ab, auf dem gewaltig mit den Erfolgen der „Bewegung" renommirt wurde. Der Berliner Rektor Ahlwardt, der die Böckel'sche und Liebermann'sche Seele in seiner Brust vereint, fühlte sich so gehoben, daß er nach einer Rede Böckel's erklärte, ihm sei, als habe Germaniens Genius sich auf Vöckel niedergelassen. Sonst ist nur zu melden, daß der Parteitag eine Resolution gegen den österreichisch-deutschen Handelsvertrag annahm. Leipzig, 23. Mai. Der Antisemit Theodor Fritsch, welcher seiner Zeit dem Rechtsanwalt Werthheim vorgeworfen hatte, er veranlasse jüdische Kaufleute, welche von der „Antisemitischen Korrespondenz" angegriffen worden waren, zu Privatklagen gegen dieselbe, wurde heute in der Berufungsinstanz zu achtzig Mark Geldstrafe verurtheilt. Das Schöffengericht hatte auf eine Strafe von nur dreißig Mark erkannt gehabt. Künzelsau (Württ.). Infolge Anregung in Nummer 39 und 40. des „Israelit und Jeschurun" haben sich die hiesigen Gemeindemitglieder zusammengefunden, um wegen des russischen Unterstützungsprojektes zu berathen. Die Anwesenden haben je einen Beitrag von 2—5 Mk., gezeichnet und sich verbindlich gemacht, diesen Beitrag monatlich, auf die Dauer von 6 Monaten, zu spenden. Die erste Sammlung ergab 72 Mk. Da von einer dem Mittelstände angehörenden Gemeinde mit etlichen 20 Familien dieses gelei stet wurde, so könnte, wenn diesem Beispiele msicn nachgeahmt würde und besonders die Leistungsfähigen nicht zurückstehen, Großes und Ersprießliches erreicht werden. (Auch von der kleinen Gemeinde in Aushausen bei Bopfingen wird uns von der großen Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder berichtet, welche auf eine Predigt des Herrn Lehrer Adler 68 Mk. spendeten. Red.) Wien, 26. Mai. — Dem Vereine zur Bekämpfung des Antisemitismus sind neuerlich u. A. die hervorragenden Parlamentarier Chlumecky, Herbst, Plener und Graf Wilczek beigetreten. Marocco. Zu Beginn des vorigen Monats gebar eine Jüdin in Marräkasch vier vollentwickelte, lebende Kinder — zwei Knaben und zwei Mädchen. Der Sultan ließ dem Vater, der ein armer Mann ist, sagen, die Kinder sollen zu ihm gebracht werden, er wünsche sie zu sehen. Nachdem seinem Wunsche entsprochen worden war, gab er dem Vater 40 Dollars und ein neues Gewand für die Mutter. Natürlich erregte dieses Ereigniß in der Stadt Marräkasch großes Aufsehen, ganz besonders da der Sultan lebhaftes Interesse an der ganzen Angelegenheit zu nehmen scheint. -Aabbatai Aomi. Historische Erzählung Urnsk Schwor?. (Fortsetzung.) Baruch Lisbona gehörte zu den angesehensten Mitgliedern der Smyrnaer Judenschaft, er war ein geborener Spanier, lebte jedoch seit bereits zehn Jahren in der Levante, in Smyrna war er kaum fünf Jahre ansässig. Trotz feines sehr bedeutenden Reichthums, war er kein beneidenswerter Mann. Seine Gattin und drei erwachsene Kinder hatte er während seines verhältnißmäßig kurzen Aufenthaltes in Smyrna begraben. Eine Tochter war ihm geblieben, ein heißblütiges junges Mädchen, das die erste Neigung ihres Herzens Sabbatai Zewi zugewandt hatte. Sie hatte dem Vater ihre Neigung gestanden, und dieser, stets bereit, die Wünsche seines Kindes zu erfüllen, hatte die Heirath mit demselben zu Staude gebracht. Doch, wie bereits erwähnt, Sabbatai hatte sich um seine zweite Frau so wenig gekümmert, als um seine erste; sie war zurückgekehrt in ihres Vaters Haus und hatte den Schetdebrief empfangen. Baruch Lisbona befand sich in seinem Schreibzimmer, als Gabriel zu ihm trat, ihm den Auftrag seines Vaters zu überbringen. „Gewiß", erwiderte Lisbona, „ich beharre bei meinem Wort und es ist für mich sogar von Wichtigkeit, daß das Geschäft baldmöglichst perfekt wird. Vergiß nicht, Gabriel, das auch Deinem Vater zu sagen. — Du gehest doch jetzt sogleich nach Hause, nicht erst zu Sabbatai Zewi." Gabriel erröthete. „Ich gehe überhaupt nicht mehr zu Sabbatai", erwiderte er. „Nicht?" rief Lisbona verwundert, „seit wann nicht mehr? und warum nicht?" „Schon seit mehreren Monaten gehe ich nicht mehr zu ihm, seit meiner Erkrankung nicht." „Ja, ich habe davon gehört, Du bist schwer krank gewesen, Dein armer Vater hat viel Angst um Dich gelitten. — Aber jetzt bist Du vollkommen wieder hergestellt, Du siehst sogar frischer und blühender aus, als vor Deiner Krankheit." „Ich bin auch Gottlob wieder vollkommen gesund." „Aber Du hast meine Frage noch nicht beantwortet. — Weßhalb gehst Du nicht mehr zu Sabbatai?" Gabriel fuhr sich mit der Hand über die Stirn, er hatte noch nie darüber gesprochen, und im Augenblick erschien es ihm unmöglich, über das, was ihn so furchtbar empört hatte, sich auszulassen. „Ich beschäftige mich gegenwärtig ausschließlich mit dem Studium des Talmud — wenn ich nicht meinem Vater in seinem Geschäfte behilflich sein kann." Der scharfblickende Lisbona erkannte sofort, daß dieses eine ausweichende Antwort — und doch interessirte es ihn im höchsten Grade zu wissen, weßhalb der ehemalige Jünger seines ehemaligen Schwiegersohnes, diesen verlassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.