Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 42 (28.5.1891)
- Date
- 1891-05-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448161--32170-2480003- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
780 und rechtschaffenen Glaubensbrüdern mit zu leiden hatten. Die Moskauer Zeitungen erfreuten sich plötzlich einer lange nicht genoffenen Preßfreiheit, besonders die Volksblätter konnten unbehindert alle wahren und unwahren Geschichten erzählen, durch die einzelne Flüchtige Anlaß zu öffentlichem Aergerniß gegeben hatten. Damit war die Verfolgung der lange nicht gehetzten Juden wohl verbreitet. Den L-chritten gegen die Hefe der jüdischen Bevölkerung folgten bald andere, die eine bessere Classe trafen. Man verbot den Besitzern von Gasthäusern, Juden aufzunehmen, rief die Hausherren vor und ließ sie Protocolle unterzeichnen, daß sie keinem Juden mehr den Aufenthalt in ihren Häusern gestatten werden; durchsuchte die anrüchigen Vergnügungs-Locale, weil auch dort Juden sich verborgen hielten; überfiel schließlich die Viertel, in denen die Verfolgten hauptsächlich wohnten, cernirte die Häuser und unterzog die Bewohner einem Verhör. Wer paßlos befunden wurde, hatte die Stadt binnen 24 Stunden zu verlassen; wer einen Paß besaß, mußte sich verpflichten, vor Ablauf desselben sich aus Moskau zu entfernen und in seine Heimatsgemeinde zurückzukehren. Viele Juden beschlossen, in Erkenntniß der drohenden Gefahr den Glauben zu wechseln. Sie wollten Protestanten werden. Man wies sie aber zurück; dem Pastor, an den sie sich gewendet hatten, war der Befehl gegeben worden, die Prüfungen aus der Religion so streng zu führen, daß niemand sie bestehen konnte. Von 3000 Juden, die sich gemeldet hatten, wurden 30 ausgenommen. Vorsichtsweise hatte die Synode auch eine Verordnung erlassen, wonach Juden, die zur russischen Kirche übertreten würden, erst drei Jahre in dem neuen Glauben unter kirchlicher Aussicht leben müßten, bevor sie ihre Heimaisgemeinde verlassen dürfen, um Aufenthalt im übrigen Rußland nehmen zu können. Seit Jahrhunderten, seit der Zeit der Inquisition hatte die VerfolgungSwuth nicht so grausam gewaltet; erbarmungslos vollsührte die Polizei die Befehle. Jüngere Patzbesitzer, denen man die Entfernung aus Moskau ausgetragen hatte, beschlossen, aus Rußland auszuwandern, und wendeten sich an die Behörden um die Auswanderungs-Bewilligung, aber sie wurde ihnen verweigert. Man könne sie brauchen für den Fall eines Krieges und könne sie nicht fortziehen lassen, da sie noch dienstpflichtig seien. Die älteren jüdischen Kauf: leute veranstalteten eine Berathung in der Synagoge. ES läßt sich denken, in welchem Aufschrei der Schmerz der plötzlich recht- und heimatlos Gewordenen sich Luft machte. Aber plötzlich verstummten alle wie auf ein gegebenes Zeichen man hatte Spione entdeckt, die der Debatte in: Aufträge der Polizei folgten. Diesen zu Tode gehetzten Menschen war nicht einmal die Genugthuuug gegönnt, ihrem Zorne Ausdruck geben zu dürfen; sie beschlossen nach kurzer Berathung, ihre Handelsbeziehungen zu Moskau abzubrechen und in den Städten Wilna und Minsk, in die sie sich zumeist zurückzuziehen verpflichtet waren, neue Etablissements zu gründen, die den Verkehr von Moskau ablenken sollten. Mittlerweile drängten sich die Auswanderer auf den Bahnhöfen. Ueberall sah man jammernde Gruppen von Männern, Weibern und Kindern, hie und da folgte ihnen ein Russe, der seinen, milden Dienstgeber nicht verlassen wollte. Tagelang wiederholten sich solche Scenen, tagelang widerhallten die Straßen von dem Rufe nach Käufern, die den Vertriebenen ihr Mobiliar und sonstiges Eigeuthum abkaufen sollten. Man bot so niedrige Preise, daß einzelne Eigenthümer die ausgebotenen Gegenstände lieber vernichteten, Handwerker ihr Werkzeug zerbrachen. „Was soll man da thun?" rief im Angesichte solcher Vorgänge eine stadtbekannte Persönlichkeit einem Polizei-Lsficier zu. „Rathen Sie!" — „ Was sollen wir erst thun," gab dieser zurück, „die wir in den Juden unsere beste Kundschaft verlieren?" Obgleich die sogenannte nationale Presse tapfer mithalf, den Hatz gegen die Juden zu entflammen, diese Bilder von Elend und Jammer rührten dennoch die Bevölkerung, und die Unmenschlichkeit der Behörden vermochte die Stimme des natürlichen Gefühls nicht zu ersticken. Der Unterschied der Consessionen schien in den besseren Kreisen der Stadt verschwunden, Hilfscomites bildeten sich, ja einzelne der angesehensten Knufleute hatten den Muth, sich zum Polizeimeister zu begeben und ihm Vorstellungen zu machen, das; die Judenverfolgung auch für Moskau Gefahren nach sich ziehe, denn zahlreiche Häuser in der Stadt waren unbewohnt, es waren Wechsel nothleidend geworden, da mehrere der besten jüdischen Firmen plötzlich zahlungsunfähig geworden waren, Kaufleute, die regelmäßig nach Moskau gekommen waren, um dort ihre Einkäufe zu machen, suchten andere Plätze auf. Der Moskauer Handel war ernstlich bedroht. Herr Kostanner, der Beamte, an den sich diese Christen- Deputation gewendet hatte, gab jedoch den Rath, sich in diese Dinge nicht zu mengen. Der Befehl komme von hoher Stelle die Beamten stehen unter schärfster Controle, ob sie die Ausführung desselben gewissenhaft vollzögen — es könne nichts geschehen, um dies zu ändern. Dennoch ist eine Aendenüng eingetretcu. Jstomin, derselbe Beamte, auf desseu Rath die grausame Verfolgung eingeleitet worden war, hat, wie es heißt, an die Synode über die Wirkung der Judenhetze berichtet, und die Folge war, daß der Czar Halt gebot. Vorläufig gestattet man den wirklichen Handwerkern, die vor dem 1. Januar 1891 ausgestellte Päfie besitzen, zu bleiben. Ten besseren Kaufleuten, die man zu quälen begann, weil sie christliche Tienstleuten, entgegen einer alten Gesetzesbestimmung hielten, legt man keine Schwierigkeiten mehr in den Weg, und die russischen Beamten geben zu, daß es die russische Verwaltung in ihrem Rufe gefährden hieße, lvollte man auf die Dauer die gleiche Strenge wie bisher wallten lassen. Ob diese Wendung eine Umkehr, ob sie blos einen Stillstand bedeutet, nach dem die Politik Pvbedonoszew's zu neuen Erfolgen schreiten wird, wagt Niemand hier zu entscheiden. Es ist Alles möglich. Wir leben in Rußland. Literarische Wotiz. Kochbuch für Israelitische Frauen, entha!- ieub die verschiedensten Koch- und Backarten mit einer vollständigen Speisekarte sowie einer genauen Anweisung zur Einrichtung und Führung einer religiös-jüdischen Haushaltung von Rebekka Wolf ged. Hein e m ann tu Berlin. Zehnte sehr vermehrte und verbesserte Auflage. Frankfurt a. M. 1891. Verlag voll I. Kanffmann. Dieses in jüdischen Kreisen schon seit Jahren eingcführtc und beliebte Kochbuch hat in der vorliegenden zehnten Auflage sehr bedeutende Verbesserungen erfahren, welche sicherlich in hohem Grade allseitig willkommen sein werden. Der unter dem Titel „Hausapotheke" angeschlossene Theil wurde als veraltet und in heutiger Zeit als unnöthig erscheinend, weggelassen und der hierdurch frei gewordene Raum seinem vollen Umfange nach dazu benutzt, neue bewahrte Kochrecepte aller Art einzufügen, so daß die Zahl der letzteren um mehr als 100 vermehrt worden ist. Die diesem Buche seitens der isr. Frauenwelt bisher zu Theil gewordene Gunst wird daher zweifellos auch fernerhin demselben erhalten bleiben.