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Der Israelit · 1891-05-28 · Heft 42 (28.5.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 42 (28.5.1891)
Date
1891-05-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXX11, Jahrgang. Erste Beilage,» M 42 »e, „Israelit & Ieschurun" Leitender Artikel Die Mden-Austrelliung aus MosKll«. In der Entwicklung der tragischen Ereignisse, die seit zwei Monaten die Augen der gebildeten Welt auf Moskau lenken, ist ein Stillstand eingetreten. Ein kaiserlicher Befehl, der vor drei Tagen hier einlief, verordnet, daß vorläufig die Behörden in ihrem grausamen Walten den Juden gegenüber innezuhalten und daß eine Commission zufammenzutreten habe, welche nochmals die Moskauer Judenfrage prüfen und die weiteren Schritte zur Lösung derselben erörtern solle. Für einige Zeit also ist dem Wüthen einer rücksichtslosen Beamtenschaft ein Ende gemacht. Aber, was haben wir bis dahin Alles erlebt, welche Bilder sind an uns vorübergezogen! Die bloße Erinnerung an die verübten Unmenschlichleiten preßt noch das Herz zusammen, und wie schaudererregend auch die Schilderungen waren, die ins westliche Europa gedrungen sind, sie bleiben hinter der grauenhaften Wirklichkeit noch zurück. Bekanntlich ist nach russischem Gesetze den Juden der Aufenthalt in Moskau nur unter gewissen Bedingungen gestattet. Berechtigt hiezu sind nur die Kaufleute erster Gilde, das heißt die höchnbesteuerten, und zwar solche, die schon fünf Jahre außerhalb Moskaus ihr Geschäft betrieben haben^ und die jüdischen Handwerker, die theils ihr Gewerbe selbstständig ausüben, theils als Gewerbetreibende bei christlichen und jüdischen Unternehmern „eingeschrieben" sind. Diese gesetzlichen Bestimmungen wurden jedoch seit Jahren in der Praxis umgangen. Unter dem Titel Handwerker erhielten auch Buchhalter, Correspondenten, kleine Kaufleute ihre Pässe, sie bedurften nur einer Person, die sie anmeldete, und die Polizei drückte ein Auge zu, sie hatte auch nichts dagegen, daß Leute in ganz angesehener Stellung als Schlosser, Tischler, Schneider, Kistenmacher rc. behördlich angemeldet waren, und Niemand sah etwas Auffälliges darin, daß einer der reichsten Juden, Herr Poliakow, etwa hundert Köche, ebensoviel Kutscher und Stubenmädchen bei der Polizei angezeigt hatte, die in der Stadt es zu ganz angesehenen Stellungen brachten. Auch die Anwesenheit von paßlosen Individuen wurde von den Behörden stillschweigend geduldet. Mit der Zeit bildete sich eine Art von Gewohnheitsrecht aus, welches die verrotteten alten Gesetzesbestimmungen derogirt zu haben schien. Hiezu hat die humane Gebahrung des früheren Gouverneurs von Moskau, des Fürsten Dolgorukow, ebenso beigetragen, wie die Empfänglichkeit der russischen Behörde für jede Aufmerksamkeit ihrer Unterthanen. Man weiß, der Rubel mildert hierzulande jede Härte. So ist die Zahl der Juden in Moskau nach und nach eine sehr ansehnliche geworden, sie bewohnten nicht nur das eigentliche Ghetto, sondern auch das sogenannte Poliakow-Viertel, ein elegantes Quartier am Boulevard mit mehrstöckigen Zinshäusern, wie sie jede Großstadt aufweist, ferner das Marienwäldchen, weit draußen am Ende der Stadt; hieher hatten sich zumeist die paßlosen Juden gezogen, weil sie glaubten, außerhalb des Weichbildes von Moskau nicht mehr den Aufenthaltsgesetzen unterworfen zu sein. Die Commission der russischen Gouverneure, die bekanntlich schon vor längerer Zeit in Petersburg mit dem Studium der Judenfrage begonnen hatte, unterließ es nicht, die Haltung der Moskauer Behörden den Juden gegenüber in den Kreis ihrer Erwägungen zu ziehen. Dolgorukow war auch dort der Vertheidiger des Herkömmlichen, und die Dinge blieben wie so Vieles in Rußland beim Alten. Plötzlich aber kehrten sich mächtige Einflüsse gegen den Gouverneur. Es hieß schon lange, der Großfürst Serge!, ein Panslavist vom reinsten Wasser, werde an seine Stelle treten; aber Dolgorukow war nicht leicht zu beseitigen. Ein pflichttreuer und humaner Beamter, der jeder Stunde Jedermann sein Qhr leiht, hilft und einschreitet, wo es Roth thut, ist so selten in Rußland, daß man den Gouverneur nicht einfach entheben konnte. Er selbst ließ alle Andeutungen, dem Großfürsten Platz zu machen, unbeachtet, that seine Schuldigkeit und — blieb auf seinem Posten. Einer der früheren Sekretäre aber, Namens Jstomin, gab sich zum Werkzeuge her, seine Entfernung zu beschleunigen. Er entwarf in einer Eingabe an den Synod ein Bild der zunehmenden „Judenmacht" in Moskau. Der Kirchenvorsteher des Viertels, in dem die Juden am zahlreichsten seßhaft waren, begleitete diese Denkschrift mit einer zweiten Eingabe, welche nachwies, daß der Einfluß — es sollte wohl heißen: die Einnahmen — der Kirche abnehme und daß die Jnteresien derselben durch die Juden bedroht seien. Beide Schriftstücke mündeten in dem Hinweise, daß das einfache Zurückgehen auf den Wortlaut des seit Jahren nicht gehandhabten Gesetzes zur Ausweisung der ungesetzlich in Moskau weilenden Juden führen müffe und daß so die heilige Stadt Rußlands am besten von einer Bewohnerschaft zu befreien wäre, die zum Nachtheile derselben sich mit jedem Jahre mehr vergrößere. Der Procurator Pobedonoszew war vollkommen einverstanden. Mit zelotischem Eifer bemächtigte er sich der Sache, die Moskauer Vorschläge gingen ins Cabinet des Kaisers und dann mit dem Bescheide: „Ispolnity“ (auszuführen) zurück, den der Kaiser eigenhändig auf den Rand geschrieben hatte. Die Dinge entwickelten sich nun sehr rasch. Dolgorukow wurde nach Petersburg befohlen. Auf einem Hofballe, als der Czar Cercle hielt, verweilte er auch bei dem Moskauer Gouverneur. „Du hast mir nicht die Wahrheit berichtet. Es sind nicht, wie Du sagtest, 25,000, es sind 125,000 Juden in Moskau," sagte der Kaiser. Das klang wie eine Entlassung. Ins Innerste getroffen, kehrte der Gouverneur nach Moskau zurück, packte seine Sachen, schickte sein Demissions-Gesuch nach Petersburg ein und fuhr allein zum Bahnhofe, um sich, da er seine Gesundheit erschüttert fühlte, nach Nizza zu begeben. ES war ruchbar geworden, daß er nicht mehr wiederkehren werde, viele ihm zu Dank verpflichtete Moskauer wollten ihm Abschiedsfeierlichkeiten veranstalten, die Behörde aber verbot es, die Herrlichkeit Dolgorukow'S war zu Ende. Unmittelbar darauf begann das Vorgehen der Behörden gegen die Juden. Großfürst Sergei, dem man „Gerechtigkeit und strenge Gesetzestreue" nachrühmt, hatte den Wunsch geäußert, daß die in Petersburg beschlossenen Maßnahmen gegen die Juden vor seiner Ankunft zur Durchführung gelangen möchten. Die Polizei ging sofort ans Werk. Sie begannen mit einer Verordnung, wonach die Juden auf den Firmatafeln ihre ursprünglichen jüdischen Namen, die längst durch besser klingende russische ersetzt waren, anzubringen haben; dann forderte sie Vorlegung aller Documente von den Juden, hauptsächlich der VersicherungS-Polizen, um so Klarheit über die Vermögensverhältnisse der Einzelnen zu erhalten. Die üblichen Mittel den drohenden Gefahren gegenüber, das Wehklagen und Jammern blieben fruchtlos. Sofort begann eine allgemeine Flucht aus den Judenvierteln; die „Paßlosen" und „Uneingeschriebenen" machten sich zu Hunderten aus dem Staube. Unter diesen war Mancher, dessen Entfernung von den übrigen Juden nicht bedauert wurde. Mancher, dessen nicht eben makellose Lebensführung bekannt war und für den nun auch die Tausende von unschuldigen

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